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offener Brief an die Bundeskanzlerin


von Franz Botens (Aktionsbündnis Montags gegen Atomkraft, Mainz)

Heute findet wieder der Montagsspaziergang für den Ausstieg aus der Kernkraft in Mainz statt. 17.30 Uhr am Gutenbergplatz über Schillerplatz und Neubrunnen bis 18.30 Uhr. Den folgenden offenen Brief an die Bundeskanzlerin wird Franz Botens am Neubrunnen verlesen:

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel,

wir sind ein Bündnis von Bürgerinnen und Bürgern, die seit September 2010 für den Ausstieg aus der Kernkraft jeden Montag durch die Mainzer Innenstadt spazieren.

Am 14. März sagte ich den 750 Teilnehmern des Montagsspazierangs in Mainz, dass wir Ihnen, Frau Merkel, keinen Cent über den Weg trauen. Das ist immer noch so. Wir wollen gerne, aber wir können nicht.

Frau Merkel, Sie haben einen Fehler gemacht. Die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke dient nicht dem Wohl des Deutschen Volkes. Auch die dabei völlig unnötigen Zugeständnisse an die Atomkonzerne schaden dem Deutschen Volk.

Wahre Größe zeigt sich daran, Fehler eingestehen und sich dafür entschuldigen zu können. Wir erwarten von Ihnen, dass sie wahre Größe an den Tag legen.

Die Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz und eine viertel Million Menschen am 26. März auf der Strasse zeigen, der unverzügliche Ausstieg aus der Kernenergie ist elementarer Wille des Deutschen Volkes.

Prof. Dr. Heinz Schmidberger, Leiter der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie sagte in der Nachtvorlesung am 31. März, radioaktive Strahlung schädige die DNA, den Plan des Lebens. Je jünger der Mensch sei, desto empfindlicher ist er auch.

Am empfindlichsten ist der Fötus im Mutterleib. Starke Schäden der DNA führen zur Fehlgeburt, schwächere zu Missbildungen und schweren Erkrankungen des Neugeborenen.

Wir wollen das nicht!

Wir wollen in unserem schönen Lennebergwald spazieren gehen können ohne uns Gedanken machen zu müssen, ob der Waldboden radioaktiv verstrahlt ist!

Wir wollen unsere Lebensmittel genießen können ohne auf Grenzwerte achten zu müssen!

Wir wollen nicht, dass unsere Heimat auf Jahrzehnte unbewohnbar wird!

Ein solcher Lebenswert ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen, auch nicht mit den Milliarden, die Sie für die Finanzkrise ausgegeben haben.

Um das gemeinsame Ziel, den schnellstmöglichen Ausstieg aus der Kernenergie zu erreichen, sehen wir die Notwendigkeit, alle wichtigen gesellschaftlichen Kräfte an einen großen runden Tisch zu holen.

Zu allererst gehören diejenigen an diesen Tisch, die noch vor wenigen Wochen durch die Polizei von den Schienen getragen wurden. Auch diejenigen die vor wenigen Monaten im Wendland mit 2000 Dosen Pfefferspray besprüht wurden. Die Sachverständigen der Atomkraftgegner, die jede Schwäche der Reaktoren besser kennen als die Betreiber selbst. Es gehören die Umweltverbände wie Greenpeace, BUND und der WWF an den Tisch, die schon lange fundierte Ausstiegszenarien entwickelt haben. Es gehören die Kirchen dazu, die schon lange Ökostrom beziehen und die Gewerkschaften.

Vertreter der Erneurbaren-Energie-Wirtschaft, sogenannte EE-Wirtschaft wie die Schott-Solar aus Mainz und die JUWI aus Wörrstadt. Und es gehören auch die Atomstromkonzerne dazu, damit wir sie in ihre nationale Pflicht nehmen können.

Wie bei der Schlichtung von Stuttgart 21 mit Heiner Geißler gehören alle Fakten auf den Tisch. Liveübertragung ins Internet und in die öffentlich rechtlichen Fernsehanstallten garantiert die nötige Transparenz und Bürgerbeteiligung. Am Ende wird ein gesamtgesellschaftlicher Konsens stehen.

Wir haben vollstes Vertrauen in die deutsche Wirtschaft. Sie wird dieses Meisterstück mit Bravour bewältigen.

Spüren Sie das, Frau Merkel, das zweite Deutsche Wirtschaftswunder wird das EE-Wirtschaftswunder. Nach Fukushima verlangt die Welt nach EE. Wir können unsere Voreiterrolle jetzt ausbauen. Handeln Sie jetzt, Frau Merkel!

Falls Sie aber tatsächlich die jetzt abgeschalteten AKW´s am 15. Juni wieder anschalten wollen werden Sie viele 10 000 Polizisten brauchen. Schon jetzt haben hunderte deutsche Bürgerinnen und Bürger schriftlich Ihren Blockadewillen bekundet und es werden stündlich mehr. Das Bundesverfassungsgericht hat vor wenigen Tagen die Rechte von Sitzblockierenden gestärkt.

Ich möchte Ihnen aber auch versichern, Frau Merkel, wenn das letzte deutsche AKW stillgelegt ist werden wir gemeinsam das Endlagerproblem lösen. Wir müssen es lösen, wir wollen es lösen, wir werden es lösen!

Frau Merkel, kommen Sie mit uns in die Zukunft!

Franz Botens
Heidesheimer Str. 112
55124 Mainz
06131-475879

(Foto: A. Coerper)