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Die Welt des Dr. Treznok (Oktober)

Ich stehe in der Warteschlange an der Kasse des Drogerieladens und schaue mich gelangweilt um. Im nahe gelegenen Regal mit Zahnpasta und Mundwasser entdecke ich ein Werbeschild und lese:

„Sichern Sie sich Kompetenz im Wachstumsmarkt Mund- und Zahnpflege“. Ich verstehe nicht, was ich da lese. Wenige Sekunden später bezahle ich Duschgel und Klopapier und verlasse verwirrt den Laden.

Es ist wirklich merkwürdig: Was soll mir da verkauft werden? Nichts gegen Kompetenz. Aber brauche ich das wirklich beim Kauf einer Zahnbürste? Auch ist mir Wachstum in Verbindung mit Mund und Zähnen spätestens seit meiner Weisheitszahnbehandlung vor einem halben Jahr suspekt. Und was soll überhaupt ein Wachstumsmarkt sein?
Ich stelle mir einen Markt vor. Gut gelaunte Mainzer Bürger stehen vor den Ständen der Metzger und essen Fleischwurst. Ein Mann verkauft Eier und hat einen dressierten Hahn dabei. Das ist schon eine richtige Attraktion. Solch einen Markt sehe ich vor mir und stelle mir vor, wie er wächst. Erst wächst er über den Fischtorplatz und das Höfchen hinaus, dann immer weiter. Der Deutschhausplatz und das Beamtenviertel, vollgestellt mit Marktständen – ich glaube nicht, dass das gut wäre. Und wie soll das überhaupt gehen? Der Eierverkäufer müsste sich klonen und immer mehr Hähne dressieren. Mir gefällt das nicht. Ich will keinen Wachstumsmarkt, erst recht nicht in meinem Mund.

Kompetenz im Wachstumsmarkt – ich möchte solche Wortgefüge gar nicht verstehen. Alles Mögliche ist heutzutage ein Markt und jeder Blödsinn wird zum Produkt erklärt. So werden windige Luftschlösser von Spekulanten als Finanzprodukte vermarktet. Auf den internationalen Märkten werden weiche Rohstoffe gehandelt. Sogar die Atmosphäre wird verkauft, das heißt dann: Handel mit Emissions-Rechten. Die verkauften Namen Mainzer Bushaltestellen nerven mich auch immer wieder. „Wirth der Kinderladen“ ist für die Fahrgäste nicht zu sehen, wenn die Straßenbahn am Münsterplatz hält. Ich will sowas nicht und ich mag als alkoholfrei lebender Mensch auch nicht in eine Jägermeister-Straßenbahn einsteigen. Ich will nicht, dass alles vermarktet wird.

Ich will solche Worte gar nicht mehr benutzen: Supermarkt, Produktinformation, flexibles Personal, Bankenrettungsgesetz. Vorhin habe ich in einem Lebensmittel-Laden eingekauft, den ich ganz bewusst nicht Supermarktfiliale nennen möchte, und dort wieder einen Werbespruch gelesen: „Wir sind Vorreiter in Nachhaltigkeit“. Das hat mir den Rest gegeben. Ich weiß nicht, um welche Nachhaltigkeit es dort geht. Vielleicht geht es um den Wachstumsmarkt „Weiche Rohstoffe“. Ich möchte es gar nicht genauer wissen. Lesenkönnen kann grausam sein …

www.texthoelle.de