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Inflation und Armut: Mainzer Tafel verhängt Aufnahmestopp

Lange Warteschlange vor der Mainzer Tafel

Mit guten Worten, Mimik und Gestik und fast körperlichem Einsatz gelingt es der Frau, die angespannte Situation vor der Mainzer Tafel in der Heidelbergerfaßgasse zu deeskalieren. Sie beruhigt und vertröstet. Seit einer Weile warten die Menschen schon, dass es 10:30 Uhr wird und die Lebensmittelausgabe beginnt. Wegen des großen Andrangs sind viele früher gekommen. Vor der Tür steigern sich Nervosität und Unmut. Zu groß ist die Sorge, leer auszugehen.

Stetige Teuerungen
Für Einrichtungen wie die Tafeln werden die Belastungen größer und ihre gesellschaftliche Notwendigkeit wächst. Steigende Lebensmittelpreise setzen immer mehr Menschen zu. Die Inflation nimmt Schwung auf. Nach Auskunft des Statistischen Bundesamts sind Energie- und Lebensmittelkosten überdurchschnittlich gestiegen. Die Prognosen gehen davon aus, dass auch in den kommenden Monaten mit einer Teuerungsrate von mehr als sieben Prozent zur rechnen ist, was zur Folge hat, dass die Kaufkraft abnimmt und sich Verbraucher immer weniger für ihr Geld leisten können.

Keine Chance ohne Anmeldung
Vor dem Eingang der Tafel ist die Nervosität spürbar. Als das Gedränge zunimmt, geraten drei Personen in einen Konflikt: Ohne „Mainz-Pass“, also der Legitimation der Stadt, für die Ausgabe empfangsberechtigt zu sein, und ohne vorherige Anmeldung geht hier nichts. Anders sei die Organisation nicht mehr zu bewältigen und erst recht nicht derzeit, erklärt Heidi Preuhsler vom Tafel- Vorstand. Mit Beginn des Krieges in der Ukraine ist die Zahl der Berechtigten gewachsen: „Mittlerweile haben wir rund 2.000 Anmeldungen. Damit ist die Obergrenze erreicht, sodass wir für Juni einen vorläufigen Aufnahmestopp verhängen müssen.“ Seit Corona werden Termine zur Abholung der Lebensmittel im Zwei-Wochen-Rhythmus vergeben. Von Dienstag bis Freitag werden Grundnahrungsmittel wie Brot, Gemüse und Obst ausgegeben. Alle, die sich angemeldet haben, bekommen ein Zeitfenster zugewiesen. Zur besseren Orientierung sind die Abholscheine nach Farben eingeteilt: dienstags grün, mittwochs weiß, donnerstags rot und freitags blau. Es sei nicht leicht, Menschen abzuweisen, sagt Preuhsler. Für Kinder, die mit ihren Eltern draußen stehen, hält das Team einen Vorrat an Süßigkeiten bereit. Unter den Tafel-Mitarbeitern sprechen zwei Russisch und Ukrainisch, was die Situation erleichtere. „An erster Stelle sind es ukrainische Staatsangehörige und auf Platz zwei Deutsche, gefolgt von Afghanen und Syrern, die zu uns kommen.“ Mit der Zunahme der Hilfsbedürftigkeit wächst bei Heidi Preuhsler die Sorge vor Unmut, „dass so etwas wie eine Zweiklassengesellschaft entsteht und mit Vorwürfen zwischen Nationen und Gruppen gearbeitet wird. Bislang gibt es aber zum Glück noch keine Anzeichen dafür.“

Anhebung der Regelsätze
Die Landesregierung hat die Tafeln in Rheinland-Pfalz aufgrund der besonderen Umstände mit 40.000 Euro gefördert: „Durch steigende Preise und die Folgewirkungen des Krieges sind Tafeln für viele in unserem Land von großer Bedeutung“, sagt Sozialminister Alexander Schweitzer (SPD). Dass die Politik überhaupt auf den Einsatz der Tafeln setzen müsse, ist für Nele Wilk vom Verein „Armut und Gesundheit e.V.“ dagegen ein Armutszeugnis: „Eigentlich dürfe es Einrichtungen wie die Tafeln oder unseren Verein gar nicht geben“, erklärt die Sozialberaterin. In ihrem Wartezimmer auf der Zitadelle säßen regelmäßig ehemalige Selbstständige, die die Krankenversicherung nicht mehr zahlen können, Menschen, die in Altersarmut leben, und auch immer mehr Studierende. Es sei an der Zeit und der Regierung, die Situation durch eine deutliche Anhebung der Hartz IV-Regelsätze zu verändern, so Nele Wilk. Das hoffen auch die Mitarbeiter der Tafel – und glauben nicht, dass die Situation in den nächsten Wochen leichter wird. Die Preise für viele Lebensmittel steigen, und vor allem bei den Energiekosten gibt es keine Entspannung. Inzwischen endet die erste Ausgabe-Schicht. Eigentlich wäre jetzt Pause. Doch es gibt noch viel zu tun: Die Lebensmittel müssen wieder aufgefüllt werden – zum Ausruhen bleibt nur wenig Zeit. Eine Helferin kommt mit einer Kiste Obst aus dem Lager. Ans Aufhören denken sie und die anderen Ehrenamtlichen nicht: „Weil ich einfach helfen möchte. Das gibt mir ein gutes Gefühl und ich denke, das ist wichtiger denn je im Moment.“

Text Alexander Weiß
Foto Stephan Dinges

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