| | Kommentare deaktiviert für Große Demo in Mainz gegen Fluglärm am Samstag

Große Demo in Mainz gegen Fluglärm am Samstag


von Marius Meiß (Artikel aus der Mainzer Allgemeinen Zeitung vom 16. Juni)

Eigentlich wollten sie den Verursacher des Fluglärms lautstark in Mainz begrüßen. Doch das „Fraport-Infomobil“ des Frankfurter Flughafenbetreibers war nicht gekommen. So zeigten sie dem Unternehmen und der hessischen Landesregierung aus der Distanz die „Rote Karte“: 10.000 Menschen demonstrierten am Samstag in der Landeshauptstadt gegen den Lärm aus der Luft und forderten wie seit Monaten „Die Bahn muss weg“ und „Gesundheit vor Profit“. (Bilder: A. Coerper)

„Wir leben verdammt gerne in Mainz“, sagte Oberbürgermeister Michael Ebling bei der Kundgebung auf dem Gutenbergplatz, „und die Menschen dieser Stadt werden keine Ruhe geben, bevor sie nicht die Ruhe bekommen, die ihnen zusteht“. An der Demo, die von der Fluglärm-Initiative Mainz-Oberstadt mit Unterstützung des Umweltamtes und deren Dezernentin Katrin Eder organisiert worden war, beteiligten sich Kirchen, Organisationen und Politiker, zwei Professoren des Universitätsklinikums sowie Menschen aus der ganzen Region. „Die Mainzer sind wach beim Thema Fluglärm“, sagte Jochen Schraut, Vorsitzender der Oberstädter, und freute sich über den „tollen Erfolg“.

Wie kann Luftverkehr reduziert werden?

Unterstützt wurde der Demonstrationszug, der sich vom Hauptbahnhof durch Kaiserstraße und Große Bleiche zum Gutenbergplatz bewegte, auch von der Initiative „Lebenswertes Mainz“. Deren Motivwagen war schon bei der letzten Fluglärmdemonstration in Mainz im Einsatz gewesen und zeigt den „Michel“, also den einfachen Bürger, im Kampf um die Stadt. Auf dem Dom sitzend schnappt er die Flugzeuge vom Himmel und wehrt sich so gegen die Überflüge. Es könne nicht sein, dass „ein einzelnes Unternehmen so viel Unheil anrichtet, wie Fraport“, sagte OB Ebling – das sei „schlicht nicht rechtmäßig“. Er forderte Anstrengungen aller politischen Kräfte in Rheinland-Pfalz, um die wichtigste Frage zu lösen: „Wie schaffen wir es, den Luftverkehr zu reduzieren?“ Es sei auch an der hessischen Landesregierung, endlich die Interessen der Bürger zu berücksichtigen und etwa bei einem neuen Luftverkehrsgesetz mitzuarbeiten.

Unterstützung erhielt Ebling von der rheinland-pfälzischen Landesregierung. Umweltstaatssekretär Thomas Griese attestierte den Kollegen jenseits des Rheins einen „einseitig verkehrsfreundlichen Kurs“, das zeigten die über 200 Ausnahmen vom Nachtflugverbot alleine im Mai. Bei der Umweltministerkonferenz werde seine Regierung sich nächste Woche für einen besseren gesetzlichen Lärmschutz starkmachen. Die Forderung nach einer Schließung der Nordwestbahn sei legitim, „solange es in Hessen keine Bemühungen um eine Reduktion der Flugbewegungen gibt.“ Er verlangte zudem ein Ende der „Bevorzugung des Luftverkehrs“, der europaweit im Gegensatz zur Bahn keine Mehrwertsteuer entrichten müsse. „Bleiben Sie unüberhörbar für einen besseren Schutz“, sprach er den Demonstranten seine Solidarität aus.

Luftballons als Zeichen des Protests

Die gesundheitlichen Risiken, die von Fluglärm ausgehen, stellte Prof. Thomas Münzel von der Universitätsklinik dar. Es sei „ein absoluter Skandal“, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zu Diskussionsbereitschaft führten. „50 Prozent der Todesfälle lassen sich auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückführen“, so der Mediziner. Durch Fluglärm verursachte Blutdrucksteigerungen spielten dabei eine große Rolle. So steige das Herzinfarktrisiko um 50 Prozent, wenn man 15 Jahre lang einer Belastung von 60 Dezibel ausgesetzt sei. Sein Kollege Prof. Manfred Beutel ergänzte, Studien zufolge steige der Blutdruck selbst bei einzelnen nächtlichen Überflügen, und widersprach damit statistischen Zahlen der Fraport, die im Mittel eine geringe Belastung für Mainz ergeben.

Der Lärm beeinträchtige massiv die Lebensqualität und die Möglichkeiten zur Erholung. „Fluglärm muss endlich gesetzlich als Gesundheitsrisiko eingestuft werden“, forderte Beutel. Besonders inakzeptabel sei die Lage in den wichtigsten Mainzer Kliniken – neben Uniklinik das Schmerzzentrum sowie das Vincenz-Krankenhaus –, wo Patienten neben ihren Erkrankungen nun auch mit Lärmbelastung zu kämpfen hätten. Die „maximale Unterstützung aller Initiativen“ seitens der Universitätsmedizin sei deshalb sicher, so Münzel.

Zum Abschluss der Kundgebung ließen die Teilnehmer zahlreiche Luftballons steigen. Die Veranstalter hatten diese Aktion wegen der Gefährdung des Luftverkehrs eigens bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) anmelden müssen. „Die paarhundert Ballons stören die DFS, aber die hunderttausenden, die jeden Tag leiden“, sagte Karsten Jacobs von der Fluglärmin-Initiative Rheinhessen, „sind ihnen egal“. Die Rote Karte gehe deshalb auch an die DFS, die vor allem die Interessen der Wirtschaft schütze.