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Die Welt des Dr. Tretznok (im Februar)


Dienstags im Mainzer Hauptbahnhof: Vor mir auf der Rolltreppe steht ein Mädchen, oder vielleicht sollte ich besser sagen eine junge Frau, deren Rucksack genau vor meinem Gesicht baumelt. Darauf ein Anstecker – auf neudeutsch Button – mit einer lächelnden roten Sonne auf gelbem Grund. Rundherum ein Schriftzug. „Atomkraft – nein danke“ denke ich, aber der Rucksack hängt so nahe vor meinem Gesicht, dass ich es genauer lese, und da steht doch tatsächlich: „Montags gegen Atomkraft“. Komisch, denke ich, heute ist doch Dienstag, und frage mich wofür oder wogegen die junge Frau heute ist. Das Thema ist heikel, denn wenn man progressiv sein und es sich bei seinen Freunden nicht verscherzen will, dann muss man gegen Atomkraft sein. Dabei spielt es keine Rolle, ob man etwas von Physik versteht, ob man Ahnung von Elektrotechnik hat oder weiß, was eine Grundlast ist. Man ist dagegen, weil sich das so gehört, und weil man dann dazugehört.
Ich möchte natürlich nicht meine Freunde verärgern, die montags zur Demonstration gehen und alljährlich ins Wendland fahren, um gegen die Castor-Transporte zu protestieren. Dennoch verwirrt es mich, dass dieses „Montags gegen Atomkraft“ nun zum offiziellen Schlagwort der Bewegung geworden ist. Haben die denn dienstags frei? Oder sind sie dienstags für Atomkraft? Oder dienstags gegen etwas anderes, etwa Tierversuche oder pränatale Diagnostik? Und was ist mit den anderen Wochentagen?
Wir nehmen diese Schlagworte so hin und merken gar nicht, wie sehr sie den eigentlichen Inhalt in Frage stellen. Ich muss sofort an den Werbespruch einer bekannten Schokoladenmarke denken: quadratisch, praktisch, gut. Was soll das? Schokolade, die praktisch ist, kann eigentlich nicht gut schmecken. Trotzdem hat sich dieser Spruch durch die Gehirnwäsche der Werbeindustrie so eingebrannt, dass wir gar nicht mehr auf die Idee kommen, praktische Schokolade sonderbar zu finden. Nun ist Schokolade etwas ganz unverfängliches. Die einen mögen sie, die anderen bekommen davon Zahnschmerzen oder vertragen sie aus gesundheitlichen Gründen nicht. Für eine politische Diskussion taugt das Thema nicht, und man hat nicht mit Diskriminierung zu rechnen, wenn man in einer Gruppe von Schokoladen-Liebhabern sagt, dass man Schokolade nicht mag. Und wer sie mag, der nimmt auch in Kauf, dass sie vielleicht praktisch ist.
Ganz anders verhält es sich mit Atomkraft. Ich habe es getestet und in einer Gruppe von Atomkraftgegnern gesagt, dass ich nicht gegen Atomkraft bin. Alle haben mich entsetzt angestarrt, als wäre ich der Teufel in Person. Ich habe noch nicht einmal gesagt, dass ich dafür bin. Selbst mit einer neutralen Haltung wird man bereits zum politischen Gegner.
Dabei fällt es mir tatsächlich schwer, einen Standpunkt einzunehmen. Ich weiß nichts über Atomphysik. Völlig unklar ist mir auch, welche chemischen Elemente waffenfähig sind und welche nicht, und vor allem warum. Also bleibe ich lieber neutral, denn die eine Seite sagt dies und die andere das Gegenteil, und ich kann jeweils nur sagen: ich habe keine Ahnung. Vielleicht ist die Haltung ja doch ganz praktisch, montags gegen Atomkraft zu sein. Damit mache ich mich bei meinen Freunden nicht unbeliebt und den Rest der Woche habe ich frei. Die Zeit kann ich nutzen, um Bücher über Atomphysik zu lesen, oder herausfinden, ob praktische Schokolade wirklich nicht schlechter schmeckt als unpraktische.
Allerdings – und jetzt laufe ich wirklich Gefahr, mich sehr unbeliebt zu machen – sind mir die Menschen immer noch lieber, die von Montag bis Sonntag zu ihrer Meinung stehen, egal ob sie nun für oder gegen Atomkraft sind. Und ich wünsche mir, dass die Anti-Atomkraft-Bewegung wieder zu ihrem alten Logo mit dem bewährten Schriftzug zurückkehrt – „Atomkraft – Nein Danke“ – denn der lässt eine ehrliche und konsequente Meinung wenigstens vermuten.

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