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Der Neustadt-Schamane – Thomas Herbold kämpft für gute Energien

Wer die Wallaustraße, Ecke Kurfürstenstraße entlanggeht, dem fällt vielleicht ein schräger Katzensteg auf, der aus einem Fenster im Erdgeschoss auf die Straße führt. Früher hätte man Gismo darauf entlangspazieren sehen können. Heute ist der Kater mit seinen 17 Jahren nicht mehr ganz so unternehmungslustig. Auch sein Herrchen ist nicht mehr so viel unterwegs wie früher: Thomas Herbold, 55, Frührentner, alleinlebend. Erster Eindruck: Die Wohnung in diesem schlichten Nachkriegsbau ist eigentlich viel zu klein für ihn, seine Kunstobjekte, Werkzeuge und seine Sammelleidenschaft.

Vielleicht auch für die Energien, die ihn durchs offene Fenster erreichen. Härter sei es draußen geworden in diesen apokalyptischen Zeiten, sagt er. Und Mainz ist ein schwarzes Loch – energetisch wie politisch. Da verschwindet Energie. Aber die Verjüngung der Neustadt begrüßt er und mischt sich auch ein; erklärt den Leuten das Viertel sei keine Rennstrecke, aber auch kein Ghetto.

 

Sein Name ist Sila

Eine aus Holz gezimmerte „Volksbank 2.0“ hat er auf dem Gehweg platziert. Man müsse sich doch auch mal setzen und miteinander reden können. Und Müll vor der Tür mag er gar nicht. Es ist doch schließlich Gaia, unsere gemeinsame Erde, auf der wir miteinander auskommen und die wir pflegen müssen. Thomas verwickelt einen oft in lange Gespräche, und er hat seine Ansichten über die Welt. Politik: Nein, da sei er Autist. Religion: Nein. Mit dem Glauben kann er nicht viel anfangen, schließlich heißt er Thomas. Aber Spiritualität: Ja. Sein zweiter Name, in einem indianischen Schwitzhüttenritual erworben, ist Sila, bei den Inuit ein Begriff für Wetter, Luft, Seele und viel Immaterielles.

Loslassen müssen

Ein Schamane also der Neustadt? Der Begriff ist ihm suspekt. Bitte kein Größenwahn. Doch er weiß, dass er ein Türöffner sein kann, der Finger auf Wunden legt, die eitrig verschlossen sind, aber geöffnet werden müssen, um zu heilen. Es brauchte Zeit, bis er diese Fähigkeit in sich akzeptierte. Manchmal kommen Menschen zu ihm, weil sie sich etwas von ihm versprechen. Was, ist nicht so klar. Aber er weiß auch, dass er nur das kann, was er selbst vorher erlebt hat. Und das ist eine ganze Menge. 1961 im Ruhrpott geboren („im Jahr des Mauerbaus und der Atombomben-Versuche“), mit den Eltern an den Bodensee gezogen und in Stuttgart zum Krankenpfleger ausgebildet worden. Thomas liebte es einmal, Menschen zu helfen. Aber er fühlte sich auch komplett hilflos, als er seinen ersten Patienten sterben sah, umgeben von hektischen Apparatemedizinern. Krankheit zwang ihn auch, den Beruf aufzugeben. Auch all seine Bemühungen, sich bürgerlich zu etablieren, liefen schief, gewisse Lebenspläne haben nie funktioniert. Schließlich landete er in Wiesbaden und dann in Mainz, weil er „den Frauen hinterhergelaufen“ ist.

Beziehungs-Hölle

Überhaupt Beziehungen: Sein Lebensthema. Teils lebensgefährlich. An den existenziellen Absturz haben sie ihn bisweilen geführt, mit allen, auch psychiatrischen Konsequenzen. Mensch ist halt Mensch, also anstrengend. Inzwischen weiß er, in wie viele geistige Sackgassen er gelaufen ist und welche er meiden muss. Vieles sei für ein Menschenleben viel zu dramatisch. Und hochdramatisch, aber das schönste Erlebnis überhaupt, war die Geburt seines Sohnes, der heute in Ulm lebt, leider ohne Kontakt zu seinem Vater. Ein Messie ist Thomas Herbold trotzdem nicht, auch wenn seine überquellende „Raritätenhöhle“ anderes vermuten lässt.

Als geborenes Waage-Sternzeichen versucht er einfach nur, das Chaos des Lebens zu strukturieren. Sei es in der sorgsamen Zählung seiner Frauenbeziehungen, oder im chronologischen Abordnen seiner Fotofix-Selbstporträts über die Jahrzehnte. Und auch die großformatigen Bücher, die er mit Texten und Zeichnungen füllt – für ihn „gelebte Energie“ – dokumentieren den Fluss des Lebens, eines nach dem anderen. Vor allem eines bzw. einer muss noch erwähnt werden: der alte Jonathan, ein Mercedes-Lieferwagen, der mit seinen gar nicht ökologischen 20 Litern Benzinverbrauch als Reisegefährte und drittes Zimmer dient. Auch den hat schon mancher gesehen, vor dem schlichten Haus, ähnelt er doch auch irgendwie einem Rettungswagen.

Text Minas Fotos: Katharina Dubno