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Das sensor 2×5-Interview mit Dr. Bernd Herkner (Direktor Naturhistorischen Museum)

Was sind Ihre Hauptziele als Museumsleiter?
Ich bin Biologe, habe hauptsächlich paläontologisch geforscht und interessiere mich für Fortbewegungsarten der verschiedenen Tiere. So suche ich nach Möglichkeiten der Verlebendigung, z. B. durch Animation, digitale Techniken und moderne Präsentationsformen. Aber nicht nur zur Kinderbelustigung, sondern um anhand der Entwicklung unserer Arten das Bewusstsein für aktuelle Fragestellungen zu vertiefen, z. B. den Klimawandel oder das Artensterben. Mainz hat das größte Naturkundemuseum in RLP, in Verantwortung der Stadt. Im Haus verwalten wir nicht nur 1,5 Mio. Sammlungsstücke, die der Forschung zur Verfügung stehen, sondern wir verstehen uns als Bildungsinstitution.
Arbeiten Sie mit anderen Museen zusammen?
Wir entwickeln z. B. zusammen mit dem Senckenberg-Museum Görlitz ein Projekt zu digitalen Vermittlungsstrategien. Ich versuche, kleinere Museen, auch private Sammlungen, in unsere Arbeit einzubinden, habe z. B. auch Eppelsheim mit seiner kleinen Ausstellung der dortigen fossilen Funde beraten. Hinzu kommt die Arbeit in Gremien unter Stichworten wie Nachhaltigkeitsstrategie, Bildungsoffensive, Klima, bis zu Fassaden- und Dachbegrünung. Auch mit der Hochschule Mainz wird es in Zukunft um Kommunikationsstrategien gehen.

Was steht als Nächstes an?
Als kleines Projekt zeigen wir ab Mai zwei Modelle der Urpferdchen, eine Stute und ihr Fohlen, die nach fossilen Funden an unserer Grabungsstätte in der Eifel gestaltet wurden. Dazu kommt eine Videoanimation, die diese, aber auch andere Tiere in der Zeit des Eozäns vor 44 Mio. Jahren zum virtuellen Leben erweckt. Damit bereiten wir das erdgeschichtliche Kapitel dieser Epoche vor, das später Teil der Dauerausstellung wird. Die Entwicklung der Pferde wird ein Paradebeispiel für die Evolution abgeben, weil wir sie sehr gut dokumentieren können.

Sie werden bald das Gutenberg-Museum beherbergen für die Zeit des Neubaus. Was bedeutet das?
Es wurde nach Ausstellungsmöglichkeiten für Gutenbergs Bibel während des Um- oder Neubaus gesucht. Gleichzeitig müssen wir das sogenannte „Refektorium“ (das in Wahrheit keines war) als Ausstellungsraum ertüchtigen. Was lag näher, als für die temporäre Lösung eine Infrastruktur zu schaffen, die uns auch nach dem Auszug der Bibel erhalten bleibt?

Und was sind die langfristigen Pläne?
Das Museum soll letztlich zwei große Abteilungen haben: einen Rundgang durch die Erdgeschichte unserer Region und eine Präsentation der Naturräume in Rheinland-Pfalz. Zu den Letzteren gehören auch die vom Menschen geprägten Landschaften wie das Moseltal und seine Weinberge, der Pfälzer Wald, Hochmoore in der Eifel oder der Mainzer Sand. Überall haben sich spezifische Biotope entwickelt. Zu jedem Kapitel wird es Sonderausstellungen geben, die gesondert finanziert sind und dann in der Dauerausstellung verbleiben. Außerdem muss das Außengelände überplant werden. Da wünsche ich mir eine Fassadenbegrünung und endlich wieder ein Café in einem kleinen Pavillon.

Wohin hat Sie das Leben geführt?
Ich bin heute einer der wenigen, die ihrer Heimat treu geblieben sind. Geboren in Frankfurt in einer Familie, die seit Generationen in Hessen lebt, ging ich dort zur Schule, habe auch in Frankfurt studiert und war dann einige Jahre in Karlsruhe am Staatlichen Museum für Naturkunde, bevor ich wieder an den Main kam und Leiter der Abteilung Museum am Senckenberg-Museum wurde. Ich lebe auch immer noch in Frankfurt.

Wollten Sie schon immer Museumsdirektor werden?
Eigentlich nicht. Außer der Biologie interessierte mich immer die Luft- und Raumfahrt. Aber Fortbewegung wurde zu meinem Spezialgebiet im Biologiestudium. Und ich wollte in den Zoo zu lebenden Tieren, nicht ins Museum. Ein Freund und ich bewarben uns dann als Guide im Frankfurter Zoo, was nicht klappte, und so landeten wir im Senckenberg-Museum. Da merkte ich, dass mich die Vermittlung interessiert. Am liebsten würde ich noch heute den ganzen Tag durchs Museum laufen und Besuchern die Exponate erklären.

Haben Sie selbst Tiere?
Nein, nicht mehr. Als Kind hatte ich viele. Das Büro in der Schreinerei meines Vaters war voll mit allerlei Getier, sodass meine Mutter zur Buchhaltung ins Wohnzimmer umziehen musste. Mittlerweile mache ich mir mehr Gedanken über die Tierhaltung. Mein letztes „Haustier“ war ein Lungenfisch in einem großen Aquarium. Den habe ich wegen meiner Doktorarbeit gebraucht und beobachtet, weil mein Thema der Übergang der Fortbewegungsarten von Wassertieren zu Landtieren war, einer der großen Schritte der Evolution.

Wie gefällt Ihnen Mainz?
Ich bin in Mainz privat leider noch nicht recht angekommen und könnte Ihnen auch keine Lieblingskneipe nennen. Das hat auch mit der Pandemie zu tun. Ich bin bisher nicht viel in der Stadt unterwegs. Von Frankfurt umziehen wollte ich nicht, für die fünf Jahre, die ich hier noch bis zum Ruhestand habe. Meine Lebensgefährtin, Botanikerin und PR-Fachfrau, hat eine leitende Stellung im Palmengarten, nicht weit von unserer Wohnung in Bockenheim. Außerdem fühle ich mich dort sehr wohl. Aber allmählich tauche ich in die hiesige Szene ein und besuche z. B. Ausstellungseröffnungen. Als Weintrinker passe ich eigentlich hierher.

Was tun Sie nach der Arbeit?
Musik ist für mich Entspannung, aber bisher nur für mich allein. Gitarre habe ich immer gespielt, und in den Urlaub nehme ich eine kleine Ukulele mit. Kürzlich habe ich mir ein Saxofon gekauft und übe dreimal pro Woche. Im Keller des Museums gibt es einen Raum hinter einer Stahltür, da hört mich niemand. Mit meinem Sohn, der E-Gitarre spielt, habe ich es ein paar Mal versucht, aber der hat keine Geduld mit seinem Vater. Früher habe ich viel Sport getrieben, unter anderem Halbmarathon. Ich lese auch, allerdings inzwischen mehr Sachbücher als Belletristik. Die Philosophie interessiert mich noch – und Fußball!

Interview Minas Foto Jana Kay

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