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Clubszene in Mainz

Foto: Caroline Rayner

Zwischen Nostalgie, Bubbles und Neustart: Auf der Suche nach dem Rausch

Freitagabend im Spätaugust in der Mainzer Innenstadt. Die sommerliche Hitzewelle ist vorbei, es weht eine frische Brise. Es ist wieder Übergangsjackenwetter. Und damit auch der langsame Übergang in die Clubsaison? Diese Frage möchte die Sensor-Redaktion genauer unter die Lupe nehmen. Dafür haben wir uns in die Mainzer Clubszene gestürzt und unter die Feiernden gemischt. Warum gehen sie so gerne feiern? Warum vielleicht auch nicht? Und wie geht es der Clubszene in Mainz im Allgemeinen?

Geht die junge Generation weniger in Clubs?

Erste Station der Sensor-Clubtour: das Schick, eine absolute Mainzer Institution. Seit 2007 liegt das Kultlokal in der Boppstraße am Rande der Neustadt. Es ist 21 Uhr, der Abend hat also noch nicht so richtig begonnen. Trotzdem sind die langen Sitzbänke vor dem Club komplett voller Menschen, die sich unterhalten und das ein oder andere alkoholische Getränk zu sich nehmen. Auch drinnen füllt sich der Laden langsam. Die ersten Gruppen haben auf den diversen Vintage-Sesseln Platz genommen und stoßen auf das Wochenende an. Lativia feiert hier ihren 20. Geburtstag mit ihren Freundinnen Alex, Marie und Helene. Erst einmal ein paar Cocktails und vielleicht später noch in den Club – mal schauen. Sie sind alle Anfang 20. In Clubs gehen sie allerdings nicht mehr so oft. Am ehesten gehen sie ins schon schön, wegen der Musik und des legendären „schon schön Opa“, der mittlerweile sogar eine eigene InstagramMemeseite hat. Auch Fastnacht mögen sie sehr gerne, weil „da die ganze Stadt zum Club wird“. Manche Etablissements vermeiden sie allerdings ganz bewusst: „Wo wir gar nicht gerne hingehen, ist das Finnʼs, weil da gefühlt nur 16-Jährige sind. Da fühlt man sich mit Anfang 20 ja fast alt“, erzählt Helene. „Ich habe das Gefühl, dass unsere Generation eher weniger in Clubs geht“, sagt Marie, die genüsslich eine Orangenlimonade trinkt. Das bestätigen auch Statistiken, die zeigen, dass Clubbesuche rückläufig sind und gerade die Generation Z seltener in Clubs geht. Marie zählt sich auf jeden Fall dazu. „Ich glaube, ich bin zu sehr Rentner dafür“, erzählt sie und lacht. „Ich trinke gar keinen Alkohol, deswegen habe ich auch das Gefühl, dass Clubs nicht so meine Orte sind.“

Die anderen finden die Clubszene in Mainz ebenfalls nicht besonders ansprechend. Zu wenig Auswahl, ihrer Meinung nach. Und zu wenig Vielfalt bei der Musik. „Ich war mal in Brighton in einem Club und hatte so eine tolle Zeit. Und in dem Moment ist mir noch mal bewusst geworden, wie viel besser die Clubszene in manchen Städten im Vergleich zu Mainz ist. Ich habe hier das Gefühl, dass überall das Gleiche läuft“, bedauert Helene. Aber was ist ihnen bei einem guten Abend wichtig? Da sind sich alle drei einig: eine gute Location, gute Musik und nette Leute.

Eine Parallelwelt für alle?

Apropos Leute: Ein Grund, warum Menschen früher in Clubs gegangen sind, ist das Gemeinschaftsgefühl beziehungsweise die Tatsache, dass man dort gleichgesinnte Menschen trifft. Gleiche Musik, gleicher Style, gleicher Vibe. Mit dem Beginn des neuen Uni-Semesters oder Schuljahres könnte sich dafür eigentlich ein guter Zeitpunkt bieten. Der September steht immerhin für viele Menschen für Neuanfänge. Ein Ort, der auf Gemeinschaft setzt, ist das Caveau in der Nähe des Schillerplatzes und macht damit seinem Namen alle Ehre. Die Kellerästhetik und der Boden mit Schachbrettmuster kreieren sofort eine einzigartige, mysteriöse Atmosphäre. An diesem Freitagabend ist Themenabend: Gespielt wird ausschließlich Musik von K.I.Z., Deichkind, Alligatoah und Co. – die „Urlaub fürs Gehirn“-Party. Auf der Tanzfläche sind die ersten am Tanzen. Viele wirken wie in Trance, als wären sie eins mit der Musik. Sofort erkennt man, dass man hier in einer bestimmten Bubble ist: Viele sind ähnlich gekleidet, eher dunkel, eher rockig. Eine von ihnen ist Anna, die auf den schwarz-weißen Fliesen alles gibt und völlig in ihrer eigenen Welt wirkt. Sie kommt aus dem Mainzer Umland und fährt extra für diesen Club in die Landeshauptstadt. „Ich gehe so oft hierhin wie ich kann. Hier fühle ich mich immer frei.“ Viel Zeit bleibt allerdings nicht für ein Interview. Anna möchte wieder tanzen gehen. Denn gerade das kann man im Caveau hervorragend. Das bestätigt auch Kai, der sich drei Jahre lang jedes Wochenende in den mystischen Keller begeben hat. Die schwarze Eintrittskarte hat er immer noch in seinem Portemonnaie. An sein erstes Mal im Caveau erinnert er sich noch ganz genau. „Das war eine transformative Erfahrung. Ich war sofort geflasht von der Musik und von den Leuten. Die sahen alle so cool aus.“

Kai findet im Caveau eine gleichgesinnte Community. Oft ist er alleine dorthin gegangen, um andere Leute kennenzulernen. „Für mich muss ein guter Club genug Parallelwelt sein! Ich muss wirklich das Gefühl haben, dass ich meinem Alltag komplett entkomme. Dann habe ich eine gute Zeit. Ich hatte das Gefühl, dass wir – die Leute, die regelmäßig das Caveau besucht haben – ein fester Kreis waren, der sich immer im Caveau wiedergesehen hat.“

Doch mit der Zeit verläuft sich dieser Kreis. „Die Leute sind wahrscheinlich älter geworden und dieser feste Kern an Menschen ist immer kleiner geworden. Ich hatte das Gefühl, dass das Publikum sich nicht wirklich erneuert“, fasst Kai zusammen, der mittlerweile nur noch gelegentlich ins Caveau geht. Dieser Problematik ist sich auch Tim, der Geschäftsführer des Caveau, bewusst. „Wir sind dabei, unser Programm breiter aufzustellen, damit sich unser Publikum erweitert. Wir wollen nicht mehr ein strikter Rockclub sein. Früher war unser Programm überschaubar, man wusste, was man hier kriegt. Jetzt machen wir am Freitag oft unterschiedliche Partys mit anderen Musikrichtungen, wie die ‚Urlaub fürs Gehirnʻ-Party.“ Auch über Social-Media-Kanäle wie Instagram versucht das Caveau, dafür Werbung zu machen. Im Kern wolle man aber natürlich ein Rockclub bleiben, versichert Tim. Der Freitag kommt gut an: „Ich merke, dass neue Leute kommen. Ich merke auch, dass ältere Leute wiederkommen.“ Im Laufe der Jahre hat sich das Klientel allerdings stark gewandelt. „Es sind auf jeden Fall viel weniger Studenten da als früher. Früher waren wir ein reiner Studentenclub, heute ist das Publikum deutlich durchmischter.“ Um wieder mehr Studierende anzulocken, möchte Tim den Kontakt zur Uni intensivieren und sie stärker auf die Partys aufmerksam machen. „Ich glaube, viele haben uns gar nicht auf dem Schirm“, vermutet er.

Foto: Caroline Rayner

Der Faktor Nostalgie

Eine Mainzer Institution, die Studierende auf jeden Fall auf dem Schirm haben, ist das Red Cat am Schillerplatz. Der Club ist auf dem Campus sehr aktiv und verteilt dort die sogenannten „Ersti-Tüten“. Gerade in der Erstiwoche ist das Red Cat eine beliebte Anlaufstelle für Studierende. Der Gewölbekeller sowie das „Red Velvet“-Interieur laden auf jeden Fall zum Verweilen ein. An diesem Freitagabend ist 90er-Party. Es ist noch vor 23 Uhr, der Eintritt also kostenlos. Auch eine Happy Hour gibt es. Und ein weiteres Highlight: kostenloses Popcorn! Auf den roten Couches nippen zwei Freundinnen an ihren Cocktails. Beide sind Mitte 40. Auf die Frage, warum sie heute Abend im Red Cat sind, antworten sie: „Wir waren vor 15 Jahren das letzte Mal hier und hatten immer tolle Erinnerungen. Ich war früher jeden Samstag hier. Und ich finde, es ist immer noch so authentisch und schön wie früher. Es ist stylisch, gepflegt und ein bisschen mystisch.“ Doch ist in diesem Fall die Nostalgie der größte Motivator? Trotz der einladenden Atmosphäre ist der Club an diesem Abend fast leer. Kaum jemand ist auf der Tanzfläche zu sehen, an der Bar steht niemand. Und was ebenfalls auffällt: Junge Leute sind kaum zu sehen. Aber der Abend ist noch jung – ebenso wie das Uni-Semester, das noch gar nicht begonnen hat.

Andere Bedürfnisse

Ist die Clubkultur bei der Generation Z also gestorben? Fabio und Ben, die draußen eine Zigarette rauchen, sind da ganz anderer Meinung. „Junge Menschen haben einfach andere Bedürfnisse und Erwartungen ans Feiern. Sie suchen zum Beispiel eher nach Events, die nicht so spät gehen. Das sieht man zum Beispiel in Frankfurt. Dort funktionieren Day-Drinkingund Afterwork-Events richtig gut! So etwas gibt es in Mainz zum Beispiel wenig und könnte man gut einführen“, erzählt Ben angeregt. Beide wollen tatsächlich ihre eigene Veranstaltungsreihe starten, um diese Marktlücke zu füllen. Mit Events und den Bedürfnissen junger Menschen kennen sie sich bestens aus: Fabio hat eine Breakdance-Schule, Ben hat mehrere Jahre im Nachtleben gearbeitet. Der Betreiber des Caveau ist sich ebenfalls der veränderten Erwartungen der jungen Feiernden bewusst: „Ich glaube, die junge Generation macht bewusster Party, mit weniger Alkohol, oft tagsüber. Sogenannte Sober-Partys könnte man auch in Mainz einführen.“ Das schon schön hat bereits etwas Ähnliches eingeführt: „Mit unserer Schön-Früh-Tanzen-Reihe haben wir ein Angebot für Leute, die abseits der gängigen nächtlichen Partyzeiten feiern wollen“, erzählt Noah Lieven, Pressesprecher des Kultklubs. Eine Sache, die die Feierkultur außerdem stark beeinflusst hat, ist Social Media – ebenso wie Musikstreamingplattformen, betont Fabio: „Früher musste man in den Club gehen, um neue, innovative Musik zu hören. Und das war genau das Spannende daran! Heutzutage gibt es tausend andere Möglichkeiten, an neue Musik zu kommen.“ Das ist aber nicht das Einzige, was Social Media verändert hat. „Die jungen Leute sind auf jeden Fall anspruchsvoller geworden, was das Nachtleben betrifft“, fasst Tim zusammen. „Man hat ständig so viele Möglichkeiten, was den Standard an Partys auf jeden Fall erhöht. Und es ist sehr divers geworden, weil Social Media Bubbles verstärkt. Und innerhalb seiner Bubble möchte jeder bedient werden.“

Foto: Caroline Rayner

Feiern in der Bubble

Doch was bedeutet das für die Clubs? Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, findet Tim. „Man versucht einerseits, einen gewissen Mainstream zu bedienen, aber irgendwie auch eine Bubble.“ Beides lässt sich allerdings nicht unbedingt miteinander vereinen, meint er – zumindest nicht am gleichen Abend. Tim hat also einen Kompromiss gefunden: Der Freitag kann eher den Mainstream bedienen, am Samstag bleibt das Caveau ein Rockclub und damit ein Ort für eine bestimmte Bubble. Vielleicht ist es auch dieses Gemeinschaftliche, das das besondere Gemeinschaftsgefühl im Caveau erzeugt? Ein Club, der auf alle Fälle stärker auf Mainstream setzt, ist das schon schön, ebenfalls eine Mainzer Kultinstitution. Seit 2010 gibt es den Club. Gerade seine legendäre 2000er-Party am Freitagabend ist ein absoluter Klassiker, der ein breites Publikum anzieht. Der Club ist voll, es riecht nach einer Mischung aus Schweiß, Bier und Rauch. In anderen Worten: nach Party! Der Boden klebt leicht unter den Füßen. Auf der Tanzfläche singen alle kollektiv zu den Backstreet Boys. Das Publikum wirkt um einiges jünger als zum Beispiel im Caveau. „Der größte Teil des Partypublikums ist ungefähr zwischen 18 und 30 Jahre alt, weswegen der Club natürlich auch stärker studentisches Publikum und junge Erwachsene anspricht.“, heißt es seitens des Clubs. Doch wie steht es im schon schön um das Gemeinschaftsgefühl? Lativia und ihre Freundinnen sind nicht ganz überzeugt. „Ich lerne eigentlich niemanden beim Clubben kennen. Oft kommen die Leute in ihren eigenen Freundesgruppen und es findet ziemlich wenig bis gar kein Austausch zwischen den einzelnen Gruppen statt.“, sagt die junge Frau. Das bedauert auch Marie, die draußen im Raucherbereich nach frischer Luft sucht: „Ich finde, das Schöne am Clubben ist, wenn man reingeht und gefühlt jeden kennt. Das ist hier leider nicht so.“ Daraufhin entscheidet sich ihre Gruppe, nach Hause zu gehen. Sie haben genug von den Backstreet Boys. Es wird langsam spät. Zeit für einen letzten Abstecher in die Dorrett Bar im Bleichenviertel. Ben und Fabio kommen mit. „Die Dorrett Bar hat immer am längsten offen, deswegen ist es immer der Ort, wo man den Abend beendet“, fasst Ben zusammen. Die Stimmung in der Bar bebt: Auf der Tanzfläche tanzt eine große Gruppe von Menschen, die man kaum auf über 20 schätzen würde. Der Abend ist also noch lange nicht vorbei. Und so endet ein aufregender Abend auf der Suche nach dem Rausch in Mainz. Gefeiert wird also noch – nur vielleicht anders als früher. Früher oder später, in größeren Clubs oder kleineren Bubbles, zu Backstreet Boys oder K.I.Z. Wohin sich die Mainzer Clubszene entwickelt? Das steht noch in den Sternen – oder in den Diskokugeln.

 

Text: Caroline Rayner

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