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Clara trifft Josh vom kunSTück

Foto : Kai Jonas Hiebl

„Das kunSTück ist wie eine Wundertüte – man weiß nie, was drin ist!

Am 4. September 2025 stand ich um 18 Uhr auf dem Feldbergplatz. Direkt vor dem Aufgang zur Grünen Brücke war ein Pavillon mit Instrumenten aufgebaut. Ein kleiner Wagen versorgte die Gäste mit Getränken. Es spielten die Erpelistics und Clampdown. Trotz der vielen kreativen Angebote in und um Mainz hatte das Konzert was Besonderes.

„Wer ist der Veranstalter?“, fragte ich einen Dude.

„Das bin ich“, antwortete er, „Josh vom kunSTück.“

Wir gaben uns die Hand und ich ahnte noch nicht, dass dies der Beginn einer sehr inspirierenden Bekanntschaft sein sollte.

Zwei Tage später ging ich zur Vernissage einer Streetart-Ausstellung des Vereins, einem pittoresken Fachwerkhäuschen, in der Mainzer Altstadt und durfte dort einen typischen kunSTück-Moment erleben: Ich verbrachte einen wunderbaren Nachmittag und lernte Künstlerinnen und Künstler verschiedener Altersklassen kennen, die ich bis heute zu meinem kreativen Netzwerk zählen darf. Das erklärte Ziel des Vereins ist es, „kulturell interessierte und engagierte Menschen miteinander in Kontakt zu bringen“, so steht es auf ihrer Homepage. Zwei Wochen später besuchte ich meinen Freund Psycho-Jones, der im Schick auflegte, und blieb nach Ladenschließung mit P-J und ein paar anderen am Tresen kleben. Auch hier stand plötzlich wieder Josh neben mir. „Hey, kann ich mal einen Workshop bei euch anbieten?“, fragte ich. „Gerne. Kreative Menschen sind bei uns herzlich willkommen!“ Die Herzlichkeit der Einladung war spürbar und ein paar Workshops später kann ich nur bestätigen, dass ich mich auch als Künstlerin im kunSTück sehr willkommen fühle. Die Unterstützung, die ich in meinen Anfängen als Dozentin für Kreatives Schreiben hier erfuhr, sucht ihresgleichen. Und das erlebe nicht nur ich so: Es gibt Workshops im Nähen und englischen Kreativen Schreiben sowie einen Illustratorenstammtisch, den Silent Book Club, Lesungen von der Literarischen Zone, Spieleabende und viele Ausstellungen. Auch das monatliche Pubquiz in der Andau, diverse Musikveranstaltungen an verschiedenen Locations, z. B. Altes Rohrlager oder Grüne Brücke, werden vom kunSTück organisiert.

„Das kunSTück ist wie eine Wundertüte – man weiß nie, was drin ist!“ Wenn Josh über den Verein redet, spürt man seine Begeisterung. Der kunSTück e. V. startete mit acht Begründern – im Alter von Mitte bis Ende zwanzig – und ist inzwischen auf 80 Mitglieder angewachsen. Das Besondere an der Galerie ist, dass sie von so jungen Leuten betrieben und zugleich von Menschen aller Altersklassen besucht wird. Es wurden etwa bereits Mangas einer 17-jährigen Schülerin ausgestellt, genauso wie Aquarelle einer Künstlerin, die seit 30 Jahren malt. „In Kulturräumen als Begegnungsstätten verschwinden solche Unterschiede, das ist das Tolle am kunSTück. Wir machen nicht nur Programm für junge Leute, sondern für alle, die Kunst machen oder genießen wollen!“ Josh selbst ist 30. Tatsächlich ist das Konzept des kunSTücks dem Kunstgenuss sehr förderlich: „Da wir viele Künstlerinnen und Künstler kennen, wissen wir, wie schwierig es ist, erschwingliche Räumlichkeiten zu finden. Wir möchten Kunst niedrigschwellig zugänglich machen – kostenlos und leicht zugänglich für alle!“ Dabei hält Josh sich bescheiden im Hintergrund: „Ich selber mache keine Kunst. Ich habe vor allem Spaß daran, anderen zu ermöglichen, ihre Kunst zu zeigen.“ Nach dem abgeschlossenen Soziologiestudium arbeitete er für die MVG und in der Gastronomie. Die Suche nach einer Vollzeitstelle dauert an, da er viel Zeit in seine Passion steckt. „Wir machen das alle ehrenamtlich und finanzieren uns nur über Mitgliedsbeiträge, Raummiete und Spenden sowie selbsthergestellten Merch, wie z. B. die Siebdruck-T-Shirts. Förderung durch die Stadt haben wir auch ausprobiert, aber es gibt immer nur Projektförderung und keine institutionelle Förderung, die uns regelmäßig zur Verfügung stünde. Das ist ein großes Problem.“ Tatsächlich ist es eher umständlich, für beispielsweise ein paar Bilderrahmen einen mehrseitigen Förderantrag auszufüllen und dann Monate lang auf die Erstattung zu warten. Hier begegnet das kunSTück einem strukturellen Problem unseres kulturellen Verwaltungsapparates, bei dem regelmäßige Förderungen für Institutionen leider Mangelware sind. „Bei den Musikveranstaltungen machen wir sogar minus, die Genehmigungen der Stadt und die Technik sind teuer. Uns würde eine monatliche Unterstützung sehr helfen. Warum wird nicht auch mal ein kleiner Laden von jungen Leuten unterstützt?“ Hinter dieses Fragezeichen kann ich nur ein Ausrufezeichen setzen. Das kunSTück spielt in der Mainzer Kulturlandschaft nämlich keine geringe Rolle. Nicht nur das Netzwerken, welches wir Künstlerinnen und Künstler zum Arbeiten brauchen, sondern auch die bereits erwähnte Unterstützung in der Anfangszeit meiner Tätigkeit als Dozentin für Kreatives Schreiben war für mich unabkömmlich, da andere Räumlichkeiten gerade für Newcomer leider oft unerschwinglich sind.

 

Freundeskreis ist unaufhaltbar

Doch weder die Kosten für hohe Mieten, Versicherungen, der finanzielle Aufwand von Veranstaltungen noch die rechtlichen Seiten der Vereinsgründung konnte den durch Mitglieder, Künstler und Liebhaber des kunSTücks angewachsenen Freundeskreis bisher aufhalten. Die Geschichte des Kunstvereins begann 2022, kurz nach der akuten Phase der Coronakrise.  „Die ganze Sache ging von unserem Vorstandsmitglied Bernhard aus. Er ist ein unglaubliches Energiebündel und mit ganz viel Engagement dabei. Wir hatten keine Ahnung, was wir machen, aber wir haben es einfach getan. Und es hat funktioniert!“ Nach einigen gemeinsam veranstalteten Partys im Sommer 2022 suchten die Freunde Räumlichkeiten für den Winter. Eine Vision von einem Kunstraum abseits der bereits bestehenden Galerien und den Veranstaltungen der Kunsthochschule wurde geboren. „Wir wollten das Ganze offiziell aufziehen und einen Ausstellungsraum haben.“ Fast wie nebenbei half die Gründung des kunSTück e. V. dabei, die Mainzer Kulturszene nach der Pandemie aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwecken. Wo Clubsterben und finanzielle Engpässe um sich griffen und die Mainzer Kulturszene hart ums Überleben kämpfte, entstand eine neue Oase lokaler Kunst. Immer wieder betont Josh, dass ihnen dabei die Niedrigschwelligkeit und ein kostenloses Angebot besonders am Herzen liegen, damit Kunst für alle leicht zugänglich ist. Dieser schöne und solidarische Gedanke trägt das Miteinander des Kunstvereins. Richtig los ging es dann 2023, während die gesamte Kulturszene sich langsam von der jahrelangen Durststrecke erholte – um umso lebendiger und bunter zurückzukehren. Es scheint, als haben die pandemiebedingten Einschränkungen des gemeinsamen Kunstgenusses dessen tragende Rolle in unserer Kultur und unserem Zusammenleben nur noch verdeutlicht. „In der Anfangszeit haben nur wir uns regelmäßig getroffen und viel selbst organisiert. Dann kamen immer mehr neue Leute dazu und haben Ideen eingebracht und die haben wir umgesetzt.“ Aus ein paar Ideen wurden viele, Vorstandsmitglied Tanja erreichen heute jede Menge Anfragen zu Ausstellungen und Workshops per E-Mail. „Mittlerweile übertragen wir den Kunstschaffenden mehr Verantwortung bei der Nutzung unserer Räumlichkeiten, doch wir sind auf allen Veranstaltungen gerne dabei und vernetzen Menschen miteinander.“ Das kunSTück ist aus Mainz nicht mehr wegzudenken, die Gründungsvision längst Realität geworden: „Einen Raum zu haben, in dem Leute ohne große Hindernisse Kultur in all ihren Facetten anbieten und erfahren können.“ Im kommenden Jahr steht nun eine große Veränderung an: Der Umzug in eine neue Location im Herzen der Mainzer Neustadt, ganz in der Nähe des Gartenfeldplatzes. Doch eines wird sich ganz sicher nicht ändern: „Auch da ziehen wir unser offenes, niedrigschwelliges Konzept weiter durch. Alle Veranstaltungen bleiben erschwinglich bis kostenlos.“ Ein zweiter Raum bietet fortan neue Möglichkeiten und es wird zudem noch einen Keller für die Siebdruckwerkstatt und eine Dunkelkammer für Fotoworkshops geben. „Es ist eine Immobilie, die 30 Jahre lang leer stand. Zum Glück haben wir einen Vermieter, der unser Vorhaben befürwortet und unterstützt.“ Im Moment wird der Laden vom Verein renoviert, es ist noch Einiges zu tun. Trotzdem verliert Josh seine Motivation der Anfangstage nicht, eher das Gegenteil ist der Fall, sie scheint noch gewachsen zu sein – ganz wie das kunSTück selbst. Er erinnert sich schmunzelnd an seinen Schlüsselmoment: „Als ich nach monatelangem Aufwand mit Organisation und Finanzierung auf einer unserer ersten Partys im Alten Rohrlager sah, wie sich die Leute freuten und feierten und wie DJs auflegten, die ich selbst toll finde, hat mich die Energie beflügelt, etwas zu organisieren, was anderen Freude bringt und dabei auch zu spüren, wie viel Spaß mir das macht.“ Seit zwei Jahren teilt Josh sein Leben mit seiner Partnerin, für Hobbies hat er sonst nicht viel Zeit. Doch selbst ein Vollzeitjob könne ihn nicht am Kuratieren und Organisieren hindern, er hat seine Berufung gefunden. Die Verbundenheit des gebürtigen Bielefelders mit der Stadt, in der er seit der fünften Klasse lebt, ist anhand seines kulturellen Engagements sichtbar geworden. Das alles kann ich nur allzu gut verstehen, denn genauso fühle ich auch. Egal ob Kreatives Schreiben, Lesungen oder meine zwei Artikelreihen im Sensor, den Menschen etwas weiterzugeben von dem, was man selbst liebt, ist ein unbeschreibliches und sinnstiftendes Gefühl. In einer Welt, die politisch immer bedrohlicher und finanziell immer schwerer zu meistern wirkt, schenkt uns diese kleine Nische der Selbstwirksamkeit Hoffnung darauf, dass wir ein gutes und schönes Hier und Jetzt kollektiv teilen und vor allem auch weiterhin erhalten können – in unserm goldisch Meenz. „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass das kunSTück weiterhin als Begegnungs- und Veranstaltungsort für die Kulturszene und kulturinteressierte Menschen bleibt“, schließt Josh.

Wer Lust hat, das kunSTück kennenzulernen, kann vom 13. bis 30. November die Fotoausstellung „Tangermomente“ von Miriam Spies besuchen, in deren Rahmen am 21. November ab 18 Uhr eine FLINTA-Lesung mit Miriam, Felicitas Pommerening, Eva Szulkowski, Sarah Beicht und mit mir stattfindet.

 

Text: Henriette Clara Herborn

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