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Clara trifft: „Frustrierte Alte“ – „Wenn alles schief geht, werde ich berühmt“

Foto: Thomas Schneider

Anja und ich kennen uns aus den legendären Anfangsjahren des „Kulturclubs schon schön“ im Allianzhaus. 2010 half ich mit, den Laden zu renovieren, und arbeitete dort anschließend als Barkeeperin, später Barchefin. Anja, gerade volljährig geworden, war ab 2011 Stammgästin. Ich veranstaltete „schon gelesen? die literaturshow!“ sowie eine „Book Release Party“ zu meinem ersten Roman „Schwarzer Rhein“ (Leinpfad Verlag, 2011) mit Live-Tattoo-Show, bei der ich mir während der Lesung den Titel meines Romans tätowieren ließ, was abgefilmt und als Makroaufnahme über meinen Kopf projiziert wurde. Mit der Ankündigung „Blut wird fließen, mein Blut“ lockte ich sowohl zahlreiche Printmedien als auch das TV zur Veranstaltung. Ja, es waren verrückte Jahre, vor allem, was das Feiern anging. Es wurde krass gebechert, viel geknutscht, sich geboxt, unkontrolliert getanzt und manchmal auch ein bisschen gebrochen. Die Erinnerungen sind verschwommen, denn wer sich genau erinnert, war nicht dabei. Oder Anja? „Ich war viermal die Woche da, von Undenheim aus mit dem Auto, um Limo zu trinken und zu tanzen. Ich hab damals eine Ausbildung zur Fotografin gemacht. Am nächsten Tag bin ich wieder zur Arbeit. Ich hab aber nichts Wildes gemacht, obwohl es mir immer unterstellt wurde.“

Aha – und was war mit dem Barkeeper, mit dem zu der Zeit was lief?

„Nach einem kurzen Intermezzo wollte er sich der emotionalen Verantwortung entziehen und entpuppte sich als Arschloch. Das war eine meiner ersten Erfahrungen mit Männern.“

Bereits früh zeichneten sich hier Anjas Wurzeln als „Frustrierte Alte“ ab.

Frustrierte Alte und Clara vor ihrer alten Wirkungsstätte, dem Schon Schön. Foto: Thomas Schneider

Nachdem ich 2015 im schon schön aufgehört hatte, fing Anja dort an, von 2017 bis 2020 servierte nun sie mir die Damengedecke – was ich als ausgleichende Gerechtigkeit empfand. Denn es folgten einige Jahre, in denen ich weitere, wunderbare Feste vor und hinter den Kulissen erleben durfte, mit liebevoller Versorgung durch das beflissene Barpersonal. Anja erinnert sich: „Da kam zwischenzeitlich immer mal so ein Zombie zum Tresen, um sich Mojitos zu bestellen.“

Das war natürlich nicht ich, das sah nur so aus wie ich. Anjas Zeit als Barkeeperin im schon schön war dann doch noch so richtig – wie man heute sagen würde – crazy.

„Ich dachte zeitweise, dass ich dem ‚Club 27‘ beitrete. Wenn man dreimal die Woche nicht mehr weiß, wie man nach Hause gekommen ist, ist schon wild. Ich fand es unglaublich geil, mit dem Team nach Feierabend unzählige Wodka zu trinken und Tony Braxtons ‚Unbreak my Heart‘ zu performen. Das Mikrophon mit den Strasssteinen ist immer noch hinterm Tresen versteckt.“

„No regrets“, wie es so schön heißt – oder doch? „Ich habe damals sehr viel darüber diskutiert, dass es Feminismus ja gar nicht braucht. So nach dem Motto: Frauen sollen‘s Maul aufmachen, das reicht. Ansonsten ist diese Zeit für mich wie ein blinder Fleck, weil so viel Erinnerung fehlt, durch das Saufen.“

Das geht mir nicht anders. Es war eine ganz besondere, geile Zeit. Aber was bleibt, außer verschwommenen Erinnerungen an das wilde Leben und ein paar Leichen im Keller?

„Was die Zeit mir gebracht hat, ist die Einsicht, nicht mehr zu saufen. Ich habe zwei Jahre lang nichts getrunken und jetzt mache ich es ab und zu. Aber jedes Mal habe ich ,Anxiety‘, erst in den Dopaminvorschuss zu gehen, denn am nächsten Tag geht’s dir richtig dreckig. Das ist ein Ungleichgewicht, das ich ungern will.“

Dem schließe ich mich an. Man wird eben älter und weiser – zumindest ein bisschen. Inzwischen habe ich die Gastro hinter mir gelassen. Anja arbeitet seit vier Jahren in einer Mainzer Kneipe und hat einen erfolgreichen Instagram- sowie TikTok-Kanal, mit jeweils 37.000 und 67.000 Followern. Doch wie wurde aus Anja „Frustrierte Alte“? „2023 habe ich auf TikTok ein ‚Tinder Wrapped‘- Video hochgeladen.“

„Tinder Wrapped“ ist eine personalisierte Jahresrückblick-Funktion, ähnlich wie Spotify, die aufzeigt, wie man die App in einem Jahr bezüglich Likes, Matches und Dates genutzt hat.

„Das Video war ein Dating-Rückblick mit PowerPoint-Präsentation, um mein beschissenes Dating-Leben zu verarbeiten. Das ging direkt viral, und ich hatte nach einer Woche 10.000 Follower. Das schaffen andere nicht mal in einem Jahr. Das war Glück.“

Nur Glück oder auch Talent?

„Nee“, Anja lacht, „Talent kommt jetzt.“

Anja ist heute auf Instagram und TikTok schwer zu übersehen beziehungsweise zu überhören, wenn ihre politisch gefärbten und von schwarzem Humor bis Sarkasmus getränkten „Rants“ über Feminismus sowie Politik das Publikum wie Dauerfeuer treffen. Man lacht – mit einem weinenden Auge. Man könnte meinen, Anja habe den „Dieters“ dieser Welt den Kampf angesagt.

„Ich kämpf ja nicht mal gegen die. Das fühlt sich null nach Kampf an. Und weißt du auch warum? Weil die voll oft selbst verletzt sind. So ein gekränktes Ego ist total oft auch ein verletztes Kind. Klar hast du diese gesellschaftlichen Strukturen, die da mit reinfließen, die Vorgaben, wie Männer und Frauen sein sollen, und damit schafft man sich seine Identität. Aber wenn die einen beleidigen oder mit Mord drohen, steckt da oft was ganz Gebrochenes dahinter.“

Das klingt realistisch. Und verständnisvoll. Irgendwie traurig. Frau möchte helfen. Zu was sollte man den verletzten Dieters denn raten?

„Therapie. Ich mache seit vier Jahren selbst Therapie und finde das voll wichtig. Ich finde es sogar zu geil, sodass ich es mir nicht mehr ohne vorstellen kann. Es ist voll hilfreich, wenn du an den Kern der Dinge kommst, so lösen sich ganz viele Probleme im Alltag. Wenn man über Therapie spricht, sollte man jedoch das Wort ‚einfach‘ streichen. ‚Mach doch einfach Therapie‘ – mit einfach hat das wenig zu tun. Aber wenn man hier Erfolge erzielt, werden Dinge einfacher. Das ist Selbstfürsorge zum Entwickeln.“

Hier spricht Anja wahre Worte, die sich sowohl auf Männer als auch auf Frauen anwenden lassen. Und wie spielt bei der geschlechtsspezifischen Selbstfindung der Feminismus mit rein?

„Wenn‘s um Feminismus geht, gibt es Fragen, die man sich selbst stellen kann, um sich zu reflektieren, wie ob es gerechtfertigt ist, dass Frauen weniger Geld verdienen, der Klassiker. Aber ob das auch fair ist, dass Männer weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen. Oder warum die Suizidrate bei Männern höher ist. Solche Sachen. Feminismus ist ja nicht, die Frauen bekommen alles und den Männern wird etwas weggenommen, sondern es profitieren am Ende alle Geschlechter davon, auch wenn‘s Feminismus und nicht ,Menschismus‘ oder Humanismus heißt. Der Begriff ist abschreckender als der Inhalt selbst.“

Warum fühlen Männer sich dann von Feminismus oft angegriffen?

„Es kann sehr unbequem sein, seine eigenen Privilegien zu hinterfragen. Ein weißer ,Hetero-CisMann‘ steht ja gesellschaftlich ganz oben, was Privilegien angeht. Und wenn man das dann teilen oder sich generell darüber bewusst werden soll, will man es mit aller Macht verteidigen – deshalb wird die Diskussion dann auch mal unschön, aggressiv und dumm.“

Anjas Ansichten sind argumentativ intelligent, doch auch in emotionaler Hinsicht. Erfrischend sind ihre Beiträge vor allem durch Wortgewandtheit und Humor. Sie plaudert, wie ihr die Schnauze gewachsen ist – „barrierefreier Ausdruck“ nennt sich das im „Anjaversum“.

„In der durchakademisierten Sprache [der Politik] ist es, meiner Meinung nach, ziemlich schwer, sich als Mensch wiederzuerkennen.“

Frustrierte Alte früher. Foto: Frustrierte Alte.

Hier kann man aus „Reels“ politische Bildung mitnehmen, und endlich verstehen alle, worum es geht – sogar Männer (Zwinker). Ob es zum Beispiel um die korrekte Farberkennung bei der Haarfarbe in „Du bist blond“-Kommentaren geht oder um die Aufarbeitung komplexer Kommunikationsstrukturen in „Catcalling“-Situationen durch die Antwort „Wer hat dich gefragt?“. Oder warum Jens Spahn Unfug redet, wenn er von links mehr Unterstützung gegen rechts fordert, es für AfD-Wähler selbst finanziell keinen Sinn macht, die AfD zu wählen, oder wie man frei nach dem Motto „Ich lass mich unterkriegen“ durch massive Hoffnungslosigkeit wieder Hoffnung schöpfen kann.

„Die Welt ist so am Arsch, dass wir eigentlich alles tun können, damit wir beruhigt schlafen. Das ist alles, was zählt“, rät „Frustrierte Alte“ ihrem Publikum.

Hier begibt sie sich auch noch auf das Feld der Hobbypsychologie und das nicht ohne Erfolg: Bei mir hat es funktioniert. Ich habe gestern Nacht nach ausreichend Marihuanakonsum, zwei Horrorfilmen, „Doomscrolling“, einer Tüte Chips nebst einem Liter Limo hervorragend geschlafen. Was macht Anja selbst, um besser schlafen zu können?

„Content zu machen hilft mir brutal weiter, da finde ich ein bisschen Selbstwirksamkeit. Man sagt ja immer ‚Nicht reden, sondern machen‘, und das ist die einzige Form von Machen, wo ich was auf die Kette krieg. Und Marihuanakonsum. Und Trash-TV.“

Geil, Trash-TV, das liebe ich auch. Anja ist überrascht.

„Das hätte ich gar nicht von dir gedacht.“ Ich wirke wohl niveauvoller, als ich bin. Auch eine Schriftstellerin braucht mal was anderes zum Abschalten von Weltschmerz und Sorgen als Goethe & Co. – vor allem, bei der aktuellen innenpolitischen Lage und dem Weltgeschehen.

Anja ist nicht nur Influencerin, sie schreibt derzeit auch an ihrem ersten Buch über Alltagssexismus, welches voraussichtlich 2026 beim Trabanten Verlag erscheinen wird.

„Der Verlag hat mich über Social Media gefunden. Ich hab ‘ne Mail bekommen, ob ich mir vorstellen könnte, ein humorvolles Buch über Feminismus zu schreiben. Nach ‘nem Videocall hab ich ein Probekapitel hingeschickt, und dann war das Ding eingetütet.“

Wahnsinn, das ist ein wahrer Glückstreffer. Als Autorin kennt man die mühselige Suche nach einem Verlag.

Foto: Frustrierte Alte

„Ich finde die Möglichkeit brutal geil, doch das weckt alle meine Ängste, und ich stoße die ganze Zeit an meine persönlichen Grenzen beziehungsweise meine Baustellen. Bin mal gespannt, was das gibt.“

Schreiben ist eine Reise ins Innere und dadurch zugleich oft eine Herausforderung. Ungeklärtes bricht sich Bahn, will ausgedrückt werden.

„Meine größte Baustelle ist, dass mir die Vorstellung Angst macht, Erfolg zu haben. Dann blockiere ich während des Prozesses. Das bezieht sich nicht nur auf das Buch, das ist auch bei der Contentsache so und in Beziehungen, einfach in allem. Dass man sich selbst verweigert, ein glückliches, erfülltes Leben zu führen und auch frei zu sein in dem, was man tut.“

Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Die Hindernisse auf dem persönlichen Weg liegen oft mehr innen als außen. Wieso ist das so?

„Kindheit“, antwortet Anja, „der Leitsatz, den ich mitbekommen hab, ist ‚Freu dich nicht zu früh, wart ab, was noch kommt‘ – im negativen Sinn. Und so nimmt man mit, dass hinter allem Positiven was Negatives steckt und nicht andersrum.“

Das Interview hat sich in „Deep Talk“ verwandelt, Kindheit, Therapie, Weltverbesserung, wo früher Kurze und Discokugeln im Vordergrund standen. „Mir wird oft vorgeworfen, ich hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen, aber ich habe mich ja auch dahin entwickelt.“

Sowas ist harte Arbeit und Anja fleißig. 2025 war für sie das „Jahr der ersten Male“: Sie stand auf einer Bühne, war zu Gast bei @gottalove.podcast sowie in einem TV-Beitrag des SWR, schrieb ihre eigene Kolumne für das Hamburger Magazin „Kunst & Kante“, legte als DJ in einer Mainzer Kneipe auf, schritt in schicker Robe bei der Premiere der „Nibelungen Festspiele“ über den roten Teppich und fand sich plötzlich neben Anuschka Renzi und Alice Schwarzer wieder. Wir werden Zeugen des Aufstiegs einer Mainzer Celebrity. „Ich kann das alles nicht greifen, was gerade passiert. Das aus diesem ‚wenn alles schiefgeht, werde ich berühmt‘ tatsächlich was wird. Auch wenn das alles nur kleine Sachen sind, fühlt es sich trotzdem so an.“

So klein sind Anjas Erfolge nun wirklich nicht, doch hier ist Bescheidenheit eine Zier. Anja ist sich treu geblieben, und es war schön, sie wiederzusehen und eine neue Seite von ihr kennenzulernen. Bleibt nur noch eine Frage: Was kommt als Nächstes?

„Die Buchveröffentlichung, dann möchte ich noch meinen OnlineShop ausbauen und ich hab noch ein paar Ideen, auf die ich mega Bock hätte. Zum Beispiel würde ich gerne als ,Speakerin‘ bei einem ,Panel Talk‘ zu feministischen Themen auftreten. Ein Traum wäre auch Empathie-Coach an Schulen zu werden.“ Das alles wird der „Frustrierten Alten“ sicherlich mit Bravour gelingen. Denn sie ist humorvoll, informiert, hat Haare auf den Zähnen und vor allem ihren eigenen Stil. Während ich Anja natürlich weiterhin als meinungsbildende Influencerin, aber auch im Kabarett, vielleicht sogar TV sehe, hat sie noch weitaus größere Pläne für die Zukunft:

„Wann startet die Revolution gegen Patriarchat und Kapitalismus?“, fragt eine Followerin sie im „Q&A“ auf Instagram. Anja antwortet: „Ich bin bereit geboren. Kann losgehen.“

Text: Henriette Clara Herborn

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