Vielfältigkeit prägt Kulturlandschaften – denke, das ist ’ne These, mit der man mal ins Rennen gehen kann. Begreift man Vielfältigkeit als Abwechslung, leuchtet ein, dass urbanere Gegenden mit vielen Menschen auf nicht so viel Raum (nehmen wir mal eine fiktive Stadt und … äh, nennen sie Mainz) ein breites Angebot haben müssen – schwierig, da ’nen Überblick zu bekommen.
Was da hilft, sind Stempel, mit denen ich Dinge in „fühl ich“ und „fühl ich nicht“ einteilen kann. Praktisch in der Handhabung, aber aus der Distanz schwierig zu validieren. Problem: Durch ’nen schnellen Stempel alias ’nen kurzen Blick von außen nehme ich mir selbst die Chance, die Leidenschaft, Gestaltung und Hingabe einer Kultur zu erfahren. Mir geht also was flöten. Mal mein „fast“ neues Lieblingslied, mein beinahe Hobby für die nächsten fünf bis acht Jahre oder die „Mini-Faszination“ des Tages.
Gerade Gaming hat so seine Probleme, was Stempel angeht. Wir reden von Zimmer im Keller, Hornbrille, wortloses Tastengehämmer und „Willst du nicht was Richtiges machen?“-Gelaber.
Dabei ist Gaming längst ein etablierter Kultur- und Wirtschaftszweig – auch in Mainz – und das nicht erst seit gestern. Wer hinschaut, sieht kein Kellergewölbe, sondern ein modernes Studio mit Geschichte: lichtdurchflutete Büros, offene Arbeitsbereiche, ein internationales Team umgeben von Cafés, mitten in der Stadt.
Zahlen, Standort & Bedeutung
Ubisoft Mainz steht exemplarisch für den Wandel der Games-Branche vom Nischenphänomen zur etablierten Kultur- und Wirtschaftsform. Seit über 30 Jahren entwickelt das Studio – einst als „Related Designs“, heute als Teil des internationalen Ubisoft-Netzwerks – Spiele mit globaler Reichweite, darunter die Anno-Reihe und das kürzlich veröffentlichte, bei der „gamescom 2025“ Messe in Köln direkt als „Bestes PC-Spiel“ ausgezeichnete „Anno 117: Pax Romana”.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die internationale Bedeutung, sondern vor allem der Ort: Das Studio sitzt inmitten der Mainzer Innenstadt, in der Römerpassage, umgeben von Alltag und urbanem Leben. Hier arbeitet ein internationales Team aus rund 25 Nationen an komplexen PC- und Konsolenprojekten – sichtbar, greifbar und fest in der Stadt verankert.
Der Gesamtkonzern Ubisoft erzielt jährlich Milliardenumsätze, 2024/25 rund 1,85 Milliarden €, getragen von PC-, Konsolen- und Digitalgeschäft. Mit etwa 170 Mitarbeitenden ist dessen hiesiges Studio der größte Games-Arbeitgeber in Rheinland-Pfalz und steht für eine wachsende Industrie mit dauerhaften Arbeitsplätzen. Das 30-jährige Jubiläum, begleitet von Politik und Branchenvertretern, unterstrich diese Rolle als wirtschaftlicher und kultureller Impulsgeber – für Mainz und darüber hinaus.
„Team Effort“ und „Shared Vision“
Die Ergebnisse freuen den Rechenschieber. Wie so ein erfolgreiches Spiel aber entsteht, beschreibt Senior Creative Director Dirk Riegert im UbisoftMainz-Talkformat „Mainzframe“ mit zwei Begriffen: „Team Effort“ und „Shared Vision“. Entscheidend sei weniger die Einzelleistung als das, was ein Team gemeinsam erreicht.
Ein Gedanke, den auch Studio-Mitgründer Thomas Pottkämper teilt – einer von drei der vier Gründer, die bis heute mit dabei sind. Kurz gesagt: Viele kreative Köpfe tragen über lange Zeit hinweg zur Verwirklichung einer Idee bei. Erst durch ihr Zusammenspiel entsteht am Ende ein fertiges Spiel.
Daraus lassen sich die zentralen Elemente ableiten, die die Gamingkultur prägen: Vielfalt und Kreativität. Weniger Informatikerschublade, mehr Zusammenspiel aus Artists, Designers, Producers sowie Programmers und Testers – unterschiedliche Disziplinen und Perspektiven, verbunden durch die Begeisterung für eine gemeinsame Vision, die über Monate oder Jahre hinweg getragen und mit Leben gefüllt wird. Spiele entstehen nicht im leeren Raum – man erschafft sie gemeinsam.
Von der Skyline zum Bordstein
Obwohl sich das Studio in Mainz heute international aufstellt, versteht sich der Standort nicht nur als Teil eines globalen Netzwerks, sondern auch als gewachsenes Unternehmen mit Geschichte – und mit einer Verantwortung für das Umfeld, aus dem es hervorgegangen ist. Entsprechend wird hier langfristig gedacht: nicht nur in Projekten, sondern auch in Menschen.
Dass diese Haltung mehr ist als ein Anspruch, zeigt sich im Arbeitsalltag. Nachwuchsgewinnung, Mitarbeiterbindung und der Austausch mit der lokalen „Game-Dev-Szene“ (Spieleentwickler-Szene) gehören dazu. „Ubisoft liefert den globalen Rahmen, aber hier im Studio in Mainz bringen wir unsere lokale Note mit ein“, beschreibt es Mitgründer Thomas Pottkämper. „Großartige Spiele entstehen nur dort, wo sich Menschen unterstützt und eingebunden fühlen.“
Konkret wird das in Kooperationen mit Initiativen wie „GameUp RLP“, in Mentoring-Programmen und im Austausch mit Bildungseinrichtungen. Ubisoft Mainz sucht dabei nicht die große Bühne, sondern den kontinuierlichen Kontakt: bei Schulprojekten, Nachwuchsformaten oder der Unterstützung junger Studios. Pottkämper sieht darin auch eine Verpflichtung, die aus der eigenen Geschichte erwächst: „Mit unserer langjährigen Historie als Entwicklerstudio ist es uns wichtig, etwas an die Branche – und an die Region – zurückzugeben.“ So bleibt der Erfolg nicht Selbstzweck. Er wird Teil eines Kreislaufs, der dafür sorgt, dass Gaming in Mainz nicht nur gemacht, sondern weitergegeben wird.
Spiele als künstlerischer Weltenbau – nicht als Klischee
Videospiele und die Menschen, die sie machen, passen also längst nicht mehr in die Isolationsschublade rein. Sie schaffen mit Hingabe interaktive Gestaltungsräume, in denen Spieler Geschichten erleben, Systeme erforschen und Entscheidungen mit Konsequenzen treffen. Die Anno-Reihe steht dafür exemplarisch: Seit über 25 Jahren verbindet sie strategischen Städte- und Wirtschaftsbau mit historischen Settings, zuletzt mit „Anno 117: Pax Romana“, dem in Mainz entwickelten achten Teil der Serie, in dem Spieler als Statthalter gesellschaftliche und wirtschaftliche Systeme formen.
Ubisoft Mainz geht diesen Weg bewusst langfristig und kontinuierlich, statt auf flüchtige Hypes zu setzen. Ein struktureller Austausch mit der Community über die offizielle „Anno Union“-Communityplattform ermöglicht Updates, „Dev-Blogs“, Livestreams und Kommentare direkt von Fans – eine Form der Zusammenarbeit, die zeigt, wie wichtig Rückkopplung und Feedback für die Entwicklung sind.
Diese dynamische Verbindung zwischen Entwicklern und Spielern schafft keine fertigen Welten von der Stange, sondern interaktive Erfahrungskulturen, in denen strategisches Denken, ästhetische Entscheidungen und kulturelle Narrative gleichermaßen Platz finden.
Und genau hier liegt der Punkt: Kultur erschöpft sich nicht im Bekannten. Sie entsteht dort, wo man bereit ist, genauer hinzuschauen und zu erfahren. Wer das tut, entdeckt in Mainz keinen Keller, sondern ein Studio voller Menschen, Ideen und Geschichten. Und vielleicht auch einen kulturprägenden Mainzer Traditionsbetrieb der deutschen Gaminglandschaft – anno 1995.
Text: Patrick & Gero von TotalVerbuggt (Spotify: TotalVerbuggt! Der Gamer-Talk / Insta: totalverbuggt_der_gamer_talk)
Fotos: Ubisoft Mainz