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Zoff um die Steinhalle im Landesmuseum

Das Land plant offenbar ein „Mainzer Museumscarré“ in der Großen Bleiche. Dies spielt sich vorrangig im Landesmuseum ab. Hier sollen „kulturelle Highlights und politische Bildung zukünftig gemeinsam unter einem Dach“ vereint sein. Dabei soll das Landesmuseum als Ganzes und die Steinhalle im Besonderen zu einer „attraktiven Landmarke“ weiterentwickelt werden. Der Landtag hatte seit 2016 während der nachhaltigen Sanierungsarbeiten im Deutschhaus in der Steinhalle getagt. Hierfür wurde die Steinhalle saniert und das Plenarrund im Original im Museum aufgebaut. Jetzt soll dieses Mobiliar auch in Zukunft dort verbleiben, laut Landtag, um einen „Ort der politischen Bildung“ zu schaffen. Gleichzeitig sollen aber auch weiterhin bedeutende Ausstellungsstücke in der Steinhalle Raum finden. Doch denen fehlt dadurch wiederum der Platz. Der Freundeskreis des Museums fürchtet um die Präsentation des römischen Erbes in Mainz.

Hendrik Hering betonte: „Geschichte und Gegenwart sollen im neuen Museumscarré für Besucherinnen und Besucher auf einzigartige Weise erlebbar werden. Mit einem „Reallabor Demokratie“ schaffen wir einen neuen Raum, der die moderne parlamentarische Demokratie für alle Altersgruppen erfahr- und begreifbar macht sowie die Möglichkeiten bietet, diese weiterzuentwickeln. Damit wollen wir für die Demokratie begeistern! Denn gerade in diesen Zeiten erleben wir, dass sie für unsere freiheitliche Gesellschaft von unschätzbarem Wert ist.“

Kulturminister Konrad Wolf sagte: „Wir stehen vor der spannenden Herausforderung, das Landesmuseum Mainz mit seinen bedeutenden Sammlungen in einer neu zu konzipierenden Dauerausstellung zeitgemäß und attraktiv aufzustellen. Parallel zum Neustart des Museums in der Steinhalle bietet die Initiative des Landtages, ein Reallabor Demokratie einzurichten, die Chance, mit dem Museumscarré Mainz einen Ort der Vermittlung und kulturellen Begegnung zu schaffen. Dessen Stärke liegt in den Synergien der Angebote beider Partner.“

Ausgangspunkt der gemeinsamen Überlegungen war die Absicht des Landtags, die Steinhalle nach der mehrjährigen Zwischennutzung als Plenarsaal zu einem „lebendigen Ort der Demokratie“ und der politischen Bildung zu machen. Dazu soll das originale Plenargestühl erhalten bleiben.
Elisabeth Kolz, Vorsitzende des Freundeskreises des Mainzer Landesmuseums ist entsetzt: „Wir fühlen uns hinters Licht geführt – und das von einem Mann, der Landtagspräsident ist und Demokratie verbreiten will“, schimpft die Mainzer Unternehmerin bei Mainz&: „Das ist Wortbruch und eine Marginalisierung des Landesmuseums!  Wir fordern die Steinhalle zurück. Es kann doch nicht sein, dass das Museum so marginalisiert wird – das ist nicht im Interesse der Mainzer Bevölkerung!“

Im Vordergrund steht nun jedoch eine gemeinschaftliche Nutzung der Steinhalle durch Landtag und Landesmuseum. Parallel dazu arbeitet die Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) an der Neukonzeption des Landesmuseums. Dabei spielt die Präsentation des römischen Erbes, zu dem neben den römischen Grabsteinen und Bögen auch wesentlich die Integration der restaurierten Jupitersäule gehört, bei diesen Überlegungen inhaltlich und räumlich eine zentrale Rolle. Sie ist aber nicht zu trennen von anderen Themen, die zukünftig stärker in den Fokus rücken sollen, wie das „jüdische Mainz“ oder die Einrichtung eines Kindermuseums. Zu den konzeptionellen und didaktischen Überlegungen, Schwerpunktsetzungen und möglichen gestalterischen Umsetzungen läuft derzeit die interne Abstimmung. Bei den konzeptionellen Überlegungen sollen auch Freundeskreis und Verbände einbezogen werden.

Doch die meisten altrömischen Schätze wie auch die Jupitersäule stehen seit 2016 im Depot: Seitdem der Landtag hier seinen Interiumsplenarsaal errichtete, ist im Landesmuseum für die großen Exponate der Römerzeit kein Platz mehr. Das Versprechen damals aber: „Die Nutzung der Steinhalle sollte nach Abschluss der Sanierung enden, das war offiziell zugesagt“, berichtet Kolz. Der damalige Landtagspräsident Joachim Mertes habe stets versichert: „Wir sind nach fünf Jahren raus, und Ihr habt eine sanierte Halle – das ist eine Win-Win-Situation.“

Das Landesmuseum habe in den vergangenen Jahren schon immer mehr Räume verloren, so etwa den Eltzer Hof, dann die Steinhalle, sagte Kolz. Das Ergebnis: Hunderte Exponate seien in Lagern „eingemottet, und keiner bekommt sie mehr zu sehen“, kritisiert sie bei Mainz& – „Das Museum wurde vor vollendete Tatsachen gestellt.“

Die Entscheidung sei vermutlich irgendwann im Frühjahr 2020 gefallen, vermutet Kolz – in Absprache zwischen Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD), der Generaldirektion Kulturelles Erbe und dem Wissenschaftsministerium. Doch informiert worden seien weder die Öffentlichkeit noch die Förderer des Museums: „Wir als Freundeskreis haben das erst im März erfahren – und zwar auf unsere Nachfrage hin.“

Diese Zweckentfremdung der Steinhalle rief inzwischen auch den Deutschen Verband für Archäologie auf den Plan, der Anfang Februar in einem Brief an Hering gegen die Nicht-Zurückgabe der Steinhalle protestierte: Man begrüße zwar „grundsätzlich Ihre Initiative zur Gründung eines Demokratiezentrums“, es stehe „außer Zweifel, das es aktuell geboten ist“, Schülern und anderen Gruppen der Bevölkerung „einen authentischen Raum zu bieten, in dem Demokratie erlebbar wird. Wir sind jedoch dezidiert der Ansicht, dass die Steinhalle in Mainz hierfür definitiv nicht die geeignete Lokalität ist.“

Im Landtag hieß es, Landtagspräsident Hering habe „die vorgebrachten Einwände“ zum Anlass genommen, den Deutschen Verband für Archäologie zu einem Gespräch Ende April einzuladen, dass nach Mainz&-Informationen am 28. April stattfinden soll. Auch mit dem Mainzer Altertumsverein hätten diesbezüglich bereits Gespräche stattgefunden, das biete man auch dem Freundeskreis an.

„Wir möchten, dass das Mainzer Landesmuseum zu einem lebendigen Ort des kulturellen Austauschs wird“, so Dr. Heike Otto, Generaldirektorin der GDKE. Durch die angestrebte gemeinsame Nutzung der Steinhalle sollen sowohl attraktive politische und kulturelle Vermittlungsformate als auch eine angemessene Inszenierung der hier platzierten archäologisch und historisch bedeutenden Ausstellungsstücke ermöglicht sowie der Eindruck des herausragenden Ortes erlebbar gemacht werden.

Derzeit erarbeitet eine Arbeitsgruppe aus Landtag, Kulturministerium und GDKE die gemeinsamen Anforderungen an den Innenausbau der Steinhalle sowie die künftige Organisationsstruktur. In einem nächsten Schritt soll die Arbeitsgruppe bis Herbst dieses Jahres ein detailliertes Gestaltungskonzept für die Steinhalle erarbeiten, um den unterschiedlichen Funktionen der alten und neuen Räume gerecht werden zu können. Ob alle damit zufrieden sind, bleibt abzuwarten.

UPDATE vom 29.4.21:

Zu einem Austausch über die weitere Nutzung der Steinhalle des Landesmuseums in Mainz haben sich Landtagspräsident Hendrik Hering und der Präsident des Deutschen Verbands für Archäologie (DVA), Prof. Dr. Alfried Wieczorek, sowie der 1. Vorsitzende des Deutschen Archäologen-Verbandes (DArV), Dr. Patrick Schollmeyer, gestern in Mainz getroffen. Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die gemeinsamen Pläne von Landtag, Kulturministerium und Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) zur Weiterentwicklung des Museums und der Steinhalle zum „Mainzer Museumscarré“. Dort sollen künftig archäologisch einzigartige Highlights und politische Bildung unter einem Dach vereint werden.

Beide Seiten sind sich einig, dass eine gemeinschaftliche Nutzung der Steinhalle durch das Demokratielabor und die musealen Steindenkmäler Kernziel der weiteren Überlegungen ist. Die Präsentation des römischen Erbes muss dabei dem herausragenden archäologischen und historischen Rang der Exponate Rechnung tragen, betonten die Vertreter der Archäologie. Von zentraler Bedeutung ist hierbei neben den römischen Grabsteinen und Architekturen auch die restaurierte Jupitersäule. Gleichzeitig begrüßten DVA und DArV die Einrichtung des „Reallabors Demokratie“ als authentischen Ort der politischen Bildung im hinteren Teil der Steinhalle, in der der Plenarsaal installiert ist. Der Präsentation der Denkmäler des römischen Erbes wird der Teil der Steinhalle, der derzeit als Lobby und Foyer genutzt wird, zugewiesen. Gemeinsam einigte man sich darauf, ein Konzept vorzulegen, das insbesondere die Aspekte der gemeinsamen und gleichzeitigen Nutzung von musealer Fläche zum römischen Erbe und zum Reallabor Demokratie ermöglicht. Hierbei sind auch nach Bedarf Nutzungen für beide Seiten von beiden Flächen möglich. Die archäologischen Verbände schlagen eine einheitliche Trägerschaft dieses Museumscarrés unter der Ägide der GDKE vor.

Hendrik Hering betonte: „Geschichte und Gegenwart sollen im neuen Museumscarré für Besucherinnen und Besucher auf einzigartige Weise erlebbar werden. Mit einem „Reallabor Demokratie“ wollen wir mit dem originalen Plenargestühl einen Raum schaffen, der die moderne parlamentarische Demokratie für alle Altersgruppen erfahr- und begreifbar macht sowie die Möglichkeiten bietet, diese weiterzuentwickeln. Damit wollen wir für die Demokratie begeistern. Denn gerade in diesen Zeiten erleben wir, dass sie für unsere freiheitliche Gesellschaft von unschätzbarem Wert ist.“ Und auch aus der Bevölkerung heraus gebe es ein großes Interesse am Landtag. Fast 30 000 Menschen besuchten jedes Jahr den Landtag, so Hendrik Hering. Selbstverständlich werde das frisch sanierte Deutschhaus am Rhein für die vielfältigen Demokratie- und Bildungsprogramme des Landtags genutzt. Das Interesse sei aber deutlich höher, weshalb vielen Gruppen und Schulen abgesagt werden müsse. Deshalb biete die Steinhalle zusätzlich zum sanierten Deutschhaus Räume und Möglichkeiten für eine breitere demokratische, politische und kulturelle Bildung. Hendrik Hering könne sich gut vorstellen, dass die Angebote des Landesmuseums künftig die Bildungsprogramme des Landtags ergänzen.

Prof. Dr. Alfried Wieczorek und Dr. Patrick Schollmeyer betonen: „Dass die Steinhalle mit ihren wichtigen Ausstellungsobjekten auch künftig im Kern Bestand haben und durch das geplante Demokratielabor eine zusätzliche Aufwertung erfahren wird, kann bereits jetzt als wichtiges Gesprächsergebnis festgehalten werden. Aus Sicht der Fachwelt ist es nun eine gemeinschaftliche, alle wesentlichen Interessensgruppen mit einzubeziehende Aufgabe, ein inhaltlich hervorragendes Konzept zu erarbeiten, das sowohl die Bedürfnisse der politischen Bildung als auch die der musealen Nutzung in angemessener und miteinander verschränkender Weise berücksichtigt. Der Weg hierfür wurde gestern geebnet, und wir freuen uns über die Einladung, ihn mit anderen mitgehen zu dürfen.“

Das Plenarrund des Landtags wird in einem Teil der Steinhalle verbleiben. Mit dem Reallabor Demokratie schafft der Landtag hier neue Angebote der politischen Bildung und einen öffentlichen Raum lebendiger Demokratie, der auch für Veranstaltungen des Museums nutzbar ist. Im anderen Teil der Steinhalle werden die bedeutenden archäologischen Ausstellungsstücke des „römischen Mainz“ in Szene gesetzt werden. Der Landtag unterstützt das Vorhaben des Landesmuseums, die Steinhalle hier mit Hilfe eines neuen Raum- und Ausstellungskonzepts weiterzuentwickeln. Dieses soll sowohl den Nutzungsinteressen des Landesmuseums als auch des Landtags Rechnung tragen.

Der Deutsche Verband für Archäologie betonte seine Bereitschaft, die weiteren konzeptionellen Überlegungen insbesondere hinsichtlich der römischen Steindenkmäler künftig mit seiner fachlichen Expertise zu begleiten.

Der Landtag wiederum wird in den kommenden Monaten gemeinsam mit dem Landesmuseum und anderen Partnern ein tragfähiges Nutzungskonzept für die Steinhalle entwickeln.

Hering, Wieczorek und Schollmeyer betonen: „Das Mainzer Museumscarrée ist sowohl für das Museum als auch für die Weiterentwicklung der Demokratie eine große Chance. Die Steinhalle ist dabei ein ganz außergewöhnlicher Ort, der beiden Anliegen Rechnung trägt und beide Bereiche auf besondere Weise miteinander verknüpft. Mit der Neukonzeptionierung des Museums wird damit ein einzigartiger Platz in Mainz geschaffen – für die Bürgerinnen und Bürger aber auch für Besucherinnen und Besucher aus aller Welt.“

Ein Kommentar “Zoff um die Steinhalle im Landesmuseum

  1. Was für ein unglaublicher Eingriff in die Autonomie des Landesmuseums! Müssen Politiker und Verbandsrepräsentanten von außen an konzeptionellen Überlegungen und Entscheidungen eines Museums herumdoktern, bevor die hervorragenden Fachleute des Hauses eigene Konzepte vorgelegt haben? Jeder und jede einzelne professionell Beschäftigte im wissenschaftlichen und pädagogischen Team des Landesmuseums Mainz ist besser dafür qualifiziert als rückgratlose Verbandsfunktionäre oder ein paar überschätzte Politiker. Mit viel Geschwurbel erfinden sie neue Begriffe, die sie inhaltlich aufblähen und mit scheinbarer Bedeutung füllen. Nichts als heiße Luft; es geht um die Selbstdarstellung von politischen Versagern.
    Sammeln, Bewahren, Vermitteln und Erforschen, das sind die Aufgaben eines Museums. Politik hat darin keinen Platz. Es ist Zeit, das gegebene Versprechen zu halten und den Mainzern ihre Steinhalle unversehrt zurückzugeben. Haltet endlich einmal Wort in der Politik. Zeigt endlich Haltung in der Wissenschaft. Hände weg von der Steinhalle!

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