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Vier Visionen für Mainz und ihre Denker

Foto: Alexander Kiefer, Annika Malchus „HEILIGE MAKRELE!” Ingenieurbüro Francke + Knittel GmbH

Ein Schwimmbad am Zollhafen, die längste Fahrradbrücke Deutschlands, ein monumentales Bauwerk für das Erbe Gutenbergs – in Mainz werden fleißig Ideen und Pläne entworfen, die der Stadt von morgen ein neues Gesicht geben könnten. Einige Entwürfe haben wir uns genauer betrachtet, mit den Planern gesprochen und ganz nebenbei einen Eindruck von den städtebaulichen Sehnsüchten bekommen.

 

 

Im Sommer Schwimmbad, im Winter Sauna (links) im Zollhafen?

Hafenschwimmbad „Heilige Makrele“
Schon länger bekannt ist das (Zollhafen)-Schwimmbad „Heilige Makrele“ von Alexander Kiefer. Der Wasserbauingenieur möchte Pontons, Holzdecks, eine Oase zum Schwimmen und Entspannen – vielleicht sogar als neue Idee eine Nutzung als Saunalandschaft im Winter – im Hafenbecken des Zollhafens installieren. Der 52-Jährige hat dafür eine Machbarkeitsstudie fertiggestellt, die er dem Stadtvorstand und weiteren Offiziellen vorgestellt hat. Die Wasserqualität sei „1a“ und statt wie in einem normalen Schwimmbad viel Chemie und Energie zu verbrauchen, ließe sich die „Heilige Makrele“ klimaneutral und mit den Selbstreinigungskräften der Natur betreiben. „Mehrere Hundert Menschen könnten am Tag dort

Moritz Ewen, Alex Kiefer und Annika
Malchus vom Team „Heilige Makrele“

schwimmen, und über Nacht wäre es wieder gereinigt. Dafür benötigt Kiefer die Unterstützung der Anwohner und vor allem Investitionen. Und er möchte das Thema in den Stadtrat bringen. Unterstützung wurde zuletzt durch den neuen OB Nino Haase signalisiert. Zeitnah sollen nun erste Ergebnisse zum Lärmschutz vorliegen. „Man braucht Rechtssicherheit bei solchen Projekten”, erklärt Kiefer die Bedeutung der Gutachten. Im Zollhafen kommen viele Menschen aus der Region zusammen, um hier zu leben und zu arbeiten. Nach der Fertigstellung aller Baufelder werden dort 2.500 Menschen wohnen und 4.000 Arbeitsplätze für Menschen entstehen, die nicht alle aus Mainz kommen. Erfahrungsgemäß und bestätigt durch Gespräche mit den Anwohnern ist die „Nachbar- Anonymität“ noch ein Thema. Der fortschreitenden Gentrifizierung und Entfremdung in der Neustadt könne mit einem Naturbad auch nicht schlecht entgegengewirkt werden.

 

Foto: Stefan Sämmer/hbz

Das Velodukt
Die Idee einer Fahrradbrücke, die über das Zahlbachtal führt, habe ihn einfach nicht mehr losgelassen, sagt der Mainzer Architekt Axel Efferth. Die Vision, die er seit gut eineinhalb Jahren mit dem Journalisten Philipp Müller vorantreibt, hat es in sich: Das Konzept trägt den Namen „Velodukt“ und ist als Brückenschlag zwischen zwei Welten zu verstehen. Durch die Adaption der römischen Bauweise soll oberhalb der historischen Römersteine im Zahlbachtal die Form eines Aquädukts aufgenommen und mit den Anforderungen an ein modernes Verkehrskonzept neu in Szene gesetzt werden. Im Mittelpunkt steht dabei die schnelle Erreichbarkeit des geplanten Science- City-Quartiers über die Fachhochschule und die Uni bis zum Universitäts-Klinikum und

Die Brücke für Radler und Fußgänger führt über die sogenannte „Achse der Wissenschaft“ und ist dem römischen Aquädukt nachempfunden

dem Hauptsitz von Biontech. Gestützt wird der Bau von schlanken Stahlstützen, die sich nach oben hin auffächern. Efferth versichert, dass nur ein minimaler Eingriff in das Erdreich erfolgen würde. Die noch erhalten gebliebenen römischen Fundamente blieben unangetastet und seien durch den Bau vor dem Verfall geschützt. Auch soll durch die filigrane Architektur die Frischluftschneide nicht beeinträchtigt werden und eine Verschattung des Geländes kaum ins Gewicht fallen. Für sein Vorhaben nennt er beispielhaft die historische Stadt Segovia in Spanien. Nordwestlich von Madrid lässt sich dort noch heute betrachten, was einmal in Mainz existierte: Das Aquädukt sorgte 98 n. Chr. dafür, dass Quellwasser aus den Bergen über eine Strecke von 17 Kilometern die Stadt erreichte. Das 28 Meter hohe Bauwerk verfügt über 163 Pfeiler und 119 Zwischenbögen, die dem Konstrukt seine Stabilität geben. Das Pendant in Mainz wäre mit einer

Das „Velodukt“ könnte wichtige Knotenpunkte zur City und bis nach Rhein-Main verbinden.

Strecke von 700 Metern die längste Fahrradbrücke Deutschlands. Das Konzept sieht vor, dass Radfahrern auf einer unteren Ebene zwei Fahrspuren zur Verfügung stehen. Die Etage darüber gehört den Fußgängern, die bei ihrem täglichen Weg zur Arbeit oder an die Uni den Ausblick über das Zahlbachtal genießen. Über Solarpanele, die an den Wasserlauf der Römer erinnern, soll tagsüber Strom gespeichert werden, um das „Velodukt“ bei Nacht zu beleuchten. Durch moderne LED-Technik lasse sich das Licht flexibel steuern und könne bedarfsorientiert, energetisch und umwelttechnisch optimiert werden, so Efferth. Durch den spektakulären Bau erhoffen sich die Planer zudem eine Entlastung der Saarstraße. Angebunden an das Stadion mit seinen rund 1.000 Park & Ride-Parkplätzen und einem Leihradsystem, stünde das „Velodukt“ für die Verknüpfung eines wichtigen Knotenpunktes in Richtung Grüngürtel der Oberstadt. Von dort aus ließen sich weitere Radwege erreichen. Und ganz nebenbei hätte Mainz ein Wahrzeichen, das die Erinnerung an die Römerzeit aufrechterhält und für ein modernes Mobilitätskonzept steht.

Gregor Knapp will das Erbe Gutenbergs digitalisieren. Wissen auf Glas, nicht größer als eine Zwei-Euro-Münze sei so ein Ewigkeitsspeicher,
der bis zu 500 Terabyte Platz biete (Fotos: Jana Kay)

Gutenberg Memorial
Mühelos erreichen ließe sich über das neue „Velodukt“ wohl auch das Rheinufer, für das Unternehmensberater und Informatiker Gregor Knapp große Pläne hat. Während des Wahlkampfs von Nino Haase ist dieser hin und wieder mit seiner Idee von einem „Gutenberg-Memorial“ auf die Podien getreten. Hintergrund für das Projekt sind die zurückliegenden Pläne um den Neubau des Gutenberg-Museums, die mit dem Bau eines „Bibelturms“ verbunden waren, was letztlich durch einen Bürgerentscheid durchkreuzt wurde. „Damals haben wir uns viele Gedanken gemacht, welche Intentionen mit dem Bau des Bibelturms verbunden waren“, sagt Gregor Knapp. Einerseits habe er Verständnis dafür aufbringen können, dass eine Art Leuchtturm für die Stadt entstehen sollte, andererseits habe er jedoch die Signale für eine moderne Welt vermisst: „Gutenberg war mir in diesem Zusammenhang zu stark auf die Themen Buchdruck und Bibel reduziert.“ Dennoch habe Knapp in den damaligen Diskussionen ein „wichtiges Momentum“ erkannt, in dessen Mittelpunkt immer wieder die Frage nach dem Umgang mit dem Erbe Gutenbergs in einer durch und durch digitalisierten Welt aufkam: „Dass wir heute ganz selbstverständlich vom ‚Man of the Millenium‘ sprechen, hat viel mit den Entwicklungen zu tun, die bis in unseren heutigen Alltag reichen.“ Längst breche die Gutenberg-Welt auch ein Stück weit zusammen, zumal das auf Papier gedruckte Wort im Zuge der Digitalisierung nicht mehr einzig als Speicher für nachkommende Generationen von Bedeutung ist. „Ich erinnere, als Angela Merkel 2019 ihren Facebook- Account löschte. Gleich daraufhin wurde die Kritik laut, dass damit auch historische Erinnerungen für immer gelöscht werden“, so Knapp, der vor allem ein Problem in der Haltbarkeit von bekannten Speichermedien sieht: „Was passiert, wenn ein Rechenzentrum vom Netz genommen wird? Wissen wir, ob es in den nächsten Jahrzehnten noch Facebook geben wird?“ Immer wieder habe bereits die UNESCO dazu aufgefordert, sich über eine adäquate Lösung zur Sicherung von Daten Gedanken zu machen, um das Wissen an nachkommende Generationen weiterzugeben. Gregor Knapp sieht mit seiner Idee von einem „Gutenberg- Memorial“ hierin eine große Chance, Wissen auf Glas zu speichern. Nicht größer als eine Zwei-Euro-Münze sei so ein Ewigkeitsspeicher, der bis zu 500 Terabyte Platz biete. Derzeit laufen die Forschungen, an denen auch Microsoft beteiligt sei, so Knapp. Das „Gutenberg-Memorial“ wäre die Heimat für diesen gigantischen Speicher. Knapp, der nicht nur Fan von Johannes Gutenberg, sondern auch von Stanley Kubrick ist, schwebt ein Bau in der Form eines Monoliths vor, der an den Film „A Space Odyssey“ des Regisseurs erinnert. Bei Kubrick tauche dieses Monument immer dann auf, wenn eine besondere Errungenschaft für die Menschheit sichtbar werden soll. Etwas erinnert der Bau dann doch an den verschmähten „Bibelturm“, wenn er auch kompakter geplant ist. Knapp könnte sich als Standort das Rheinufer auf Höhe des Kaisertors vorstellen. Eine besondere Bedeutung hätte das Memorial außerdem für Mainz als Standort des Unternehmens Schott durch das Thema Glas, das nicht nur für die Ewigkeitsspeicher, die permanent bespielt werden, eine wichtige Rolle einnehme. Eine Umhüllung aus OLED-Bildschirmen könnte eine Projektionsfläche nach außen schaffen: „Kunstwerke oder Zitate könnten darüber abgespielt werden. Ein bisschen wie das größte Smartphone der Welt.“

Ayhan Aslan hat sich Gedanken um den
Ernst-Ludwig-Platz gemacht
und Modelle und Skizzen entworfen (Foto: Jana Kay)

Ernst-Ludwig-Platz / Allianzhaus
Den Blick vom Display weg, hin zur realen Begegnung möchte dagegen Ayhan Aslan wieder mehr in den Vordergrund rücken. „Es ist immer leicht, sich über etwas zu beschweren. – Das wollte ich nicht, sondern tatsächlich Entwürfe vorlegen.“ Seine Pläne bewegen sich um den Ernst-Ludwig-Platz und das Allianzhaus. Immer wieder sei er daran vorbeigelaufen und habe sich Gedanken darüber gemacht, wie die Plätze aufgewertet werden könnten. Einst studierte er eine Zeit lang Architektur und Kunstgeschichte, ehe er dann eine andere berufliche Richtung einschlug und unter anderem als Pächter für das frühere Café Figaro am Markt zuständig war. Etwas mehr Zeit habe er jetzt gefunden und sich wieder auf seine Vorliebe für Architektur, Kunst und Kultur besonnen. Entstanden sind die Entwürfe „Kunst und Kathedrale“ und „In Vino Veritas“. Ersteres betrifft das Allianzhaus, in dem Aslan großes Potenzial für die Stadt sieht. Gleichwohl habe er die Sorge, dass der Bau zu einem geistlosen Bürokomplex verkommen könnte. Seine Antwort: eine Stätte der Begegnung, in der Theaterabende und Konzerte genauso einen Ort haben wie Podiumsdiskussionen oder der Empfang von Staatsgästen. Für den Bau aus Glas, Stahl und Beton schlägt Ayhan Aslan eine runde Form vor: „Rund hat mich immer fasziniert. Es strahlt Offenheit aus, ist von allen Seiten zugänglich und irgendwie anschmiegsam.“ Ließe sich das Vorhaben auf dem Platz des Allianzhauses nicht verwirklichen, könne eine Kombination mit seinem Modell am Ernst-Ludwig-Platz überlegt werden. Rund angelegt, nur mit Rosen bewachsenen Säulen, würde nach Aslan der Platz mit seiner Ausstrahlung auch das umliegende Regierungsviertel aufwerten. Möglichst wenig Flächenversiegelung, viel Bepflanzung und Sitzgelegenheiten, die bei einem Glas Wein zum Verweilen einladen, stehen für ihn im Mittelpunkt. Der Ort könnte sich für kleine Konzerte oder als Kulisse für Begegnungen nach der Trauung in der gegenüberliegenden Peterskirche anbieten. Selbst zu den dazugehörigen Laternen, die über Solarstrom Energie liefern, hat sich Aslan Gedanken gemacht. Ein entsprechendes Modell – von ihm selbst entworfen – steht bereits in seinem eigenen Garten. Schon jetzt beschäftigen Ayhan Aslan die nächsten Pläne für Mainz. Genaueres möchte er noch nicht verraten, nur so viel: Es geht um einen internationalen Musik-Wettbewerb, der alle Genres vereint.

Text Alexander Weiß & David Gutsche