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sensor Titelthema: Spannung(en) in der Einkaufswelt – Der Mainzer Einzelhandel in Bewegung

Der Einzelhandel ist Deutschlands drittgrößter Wirtschaftszweig. Auch in Mainz füllen dessen Umsätze über Steuerzahlungen in nicht unerheblichem Maße die Stadtkasse. Über den Mainzer Einzelhandel wird gesprochen, ob gut oder schlecht. Sei es über die Ludwigsstraße, wo jetzt wohl der Durchbruch für eine verträglichere Projektentwicklung jenseits der ursprünglichen ECE-Pläne gelungen ist. Spannend wird auch die weitere Entwicklung in Sachen „Business Improvement District“ (BID) sein; dabei geht es um private Aufwertungsprojekte in ausgewählten Straßen oder Vierteln.Ein kommunalpolitisches Top-Thema ist sicherlich das „Mainzer Zentrenkonzept“. Vor allem seit die Industrie- und Handelskammer für Rheinhessen (IHK) ein „Experten- Gutachten“ vorgelegt und damit die Diskussionen neu entfacht hat. Das Zentrenkonzept wurde vom Amt für Stadtentwicklung, Statistik und Wahlen, in Abstimmung mit dem Stadtplanungsamt, erstmals im Februar 2005 eingebracht. Inzwischen existiert die fünfte Fortschreibung. Grundsätzlich steht in diesem Konzept, an welchen Standorten welche Art von Einzelhandel stattfinden soll. In Mainz liegt der Schwerpunkt auf den drei Einkaufsbereichen Brand, Ludwigsstraße und Römerpassage – daher auch „Tripol-Konzept“ genannt.

Gutachten für mehr Lockerung

Die Fokussierung auf diese drei neuralgischen Punkte soll aufgegeben werden, sagt Prof. Jörg Funder von der Hochschule Worms. Sein Institut für internationales Handels- und Distributionsmanagement (IIHD) hat für die IHK ein Gutachten über die Situation des innerstädtischen Handels in Mainz erstellt. Anstelle von „Tripol“ sollten kleine Entwicklungs- und Aufwertungsprojekte verwirklicht werden, gemeinsam mit Haus- und Ladenbesitzern. Funder fordert vor allem auch eine generelle Lockerung der bestehenden Ansiedlungspolitik. So sollen mehr Produkte, zumeist von Großunternehmen, außerhalb von Mainz auf der „grünen Wiese“ verkauft werden dürfen – selbst wenn es Überschneidungen mit Geschäften des innerstädtischen Einzelhandels geben sollte. Die so genannte „strikte Auslegung zentrenrelevanter Sortimente“ soll somit aufgeweicht werden. Funder bzw. die IHK fordern zudem ein „integriertes Mobilitätskonzept“ mit Berücksichtigung des motorisierten Individualverkehrs. Auch soll sich die Stadt durch ein aktives City-Management stärker profilieren. Dabei sei auch eine verbesserte Kommunikation zwischen den „Betroffenengruppen“ notwendig. Im Übrigen müsse der stationäre, sprich: in der Innenstadt ansässige Handel, online-Tools und Potenziale zur Kundenbindung stärker nutzen. Ansonsten erliege Mainz zunehmend dem Problem, weniger Umland-Kunden zu haben. In diesem Zusammenhang werden als zentrales Hemmnis vor allem aber die (hohen) Parkgebühren ausgemacht.

Aktuelles Konzept überholt?

„Das Zentrenkonzept ist in seiner jetzigen Form überholt. Es muss darum gehen, die Attraktivität der Stadt Mainz als Handelsstandort langfristig sicherzustellen. Dazu braucht es ein Konzept, von dem positive Ansiedlungsimpulse für Investoren ausgehen.“ So argumentiert Dr. Engelbert Günter, IHK-Präsident. Stadt, IHK und Einzelhandelsverband wollen das Funder-Gutachten jetzt an einem „Runden Tisch“ diskutieren. IHK-Hauptgeschäftsführer Günter Jertz: „Das war von Anfang an unser Ziel. Zeitgleich sollte für die Stadt ein zeitgemäßes und ausgewogenes Verkehrskonzept entwickelt werden. Dazu müsste dann der Stadtrat die erforderlichen Beschlüsse fassen!“ Die Wirtschaft sieht also dringenden Handlungsbedarf, damit – wie es heißt – „Mainz nicht weiter im Wettbewerb mit dem Umland und den Metropolen des Rhein-Main-Gebietes an Boden verliert“. Aber hat das neue Gutachten tatsächlich Schwung in die öffentliche Debatte gebracht? Wohlwissend, dass nicht zuletzt politischer Gestaltungswille den Ausschlag dafür geben kann, ob sich der Innenstadt- Handel besser entwickelt.

Ebling: Vorschläge werden im August geprüft

Oberbürgermeister Michael Ebling gibt sich gelassen und fühlt sich durch das IHK-Gutachten „in keiner Weise“ unter Druck gesetzt: „Die Stadt prüft und würdigt diese Vorschläge gerne.“ Gleichwohl unterläge sie einer ausgiebigen Diskussion mit allen Interessensgruppen und der Abwägung im Stadtrat. Im Wirtschaftsausschuss steht das Zentrenkonzept Einzelhandel am 16. August auf der Tagesordnung. Prof. Funder sei zur Präsentation des Gutachtens eingeladen. Im Herbst dieses Jahres komme dann der „Runde Tisch Einzelhandel“ zusammen. Hier würden, so Ebling, „alle Fragen des Gutachtens diskutiert, die weit über das Thema Zentrenkonzept hinausgehen“. Mainzelbahn, City-Bahn (nach Wiesbaden), Radwegenetz, Ausweitung des öffentlichen Personennahverkehrs in die Umlandgemeinden – all dies sei Ausdruck des Willens zu nachhaltigen Verbesserungen. „Mainz kann aber nicht in den Erreichbarkeitswettbewerb mit Kleinstädten eintreten und noch weniger mit kostenlosen Parkplätzen auf der grünen Wiese werben“, betont der OB. Seiner Ansicht nach können Großstädte die Erreichbarkeit ihrer Kerne mit Individualverkehr nur dann erhalten, wenn ÖPNV-Optimierungen und eine attraktive Gestaltung der Innenstädte die Maßnahmen flankieren. Zu Funders Anregung, das Tripol- Konzept zu Gunsten kleinerer Entwicklungs-/Aufwertungsprojekte zu lockern, bemerkt er weiterhin: „Der Vorschlag hat sicher einen experimentellen Reiz. Dem stehen aber städtebauliche, strukturelle und wirtschaftlich-funktionale Realitäten gegenüber – und nicht zuletzt auch die Mentalitäten einer gewachsenen Stadt.“

Ladensterben befürchtet

Für Prof. Günter Meyer vom Geographischen Institut der Universität Mainz ist klar: „Wenn in einer für den innerstädtischen Einzelhandel ohnehin schon ständig schwieriger werdenden Lage auch noch das bisherige Zentrenkonzept aufgeweicht wird, ist das Ladensterben in den Geschäftsstraßen unvermeidbar.“ Meyer führte von 2003 bis 2013 eine Langzeitstudie zur Innenstadt- und Einzelhandelsentwicklung in Mainz durch. Exemplarisch verweist der Wissenschaftler auf seine Untersuchungen zum Einkaufsverhalten bei Möbel Martin. Dort hätten 62 Prozent von 520 Befragten bei ihrem jüngsten Einkauf „cityrelevantes Randsortiment“ erworben. Anders ausgedrückt: Jeder Dritte hatte typische Innenstadt-Artikel und keine Möbel gekauft. Meyers Fazit daher: keine noch größeren Verkaufsflächen für die Randsortimente im Umland. Innenstadt schützen. Er weiß auch: Funder habe „sich bei den Ergebnissen meiner früheren Langzeitstudie zur Einzelhandelsentwicklung in Mainz bedient.“

Standort nicht unnötig schlechtreden

Martin Lepold (Foto links) stört das Schlechtreden des Einzelhandelsstandortes Mainz. Er ist der Vorsitzende der Werbegemeinschaft Mainz e.V., der ältesten und stärksten innerstädtischen Interessensvertretung von derzeit rund 150 Einzelhändlern. „Das passiert ohne Not“, erregt sich Lepold, „auch wenn die Zahlen insgesamt schlechter sind.“ Aber im Deutschland-Vergleich relativiere sich die Situation. Der Besitzer eines Fachgeschäftes für Trauringe weiß: „Natürlich leiden wir alle unter den Auswirkungen des Online-Booms oder – wie auch Wiesbaden – unter einem Einkaufsmagneten wie dem Main-Taunus-Center in Sulzbach. Aber es gibt hier auch florierende Einzelhandelsgeschäfte mit interessanten Sortimenten. Das IHK-Gutachten ärgert ihn maßlos: „Ich finde es schlichtweg dreist, wenn andere Städte, die in der IHK-Vollversammlung vertreten sind, über Mainz-Themen mitbestimmen.“ Es sei doch offensichtlich, dass die IHK versuche, ansiedlungswilligen größeren Unternehmen den Boden zu bereiten, weil diese Betriebe bislang nicht in das Zentrenkonzept passen. „Ich hänge nicht am Tripol-Konzept, aber in der Praxis erweist es sich vor diesem Hintergrund von Bedeutung.“ Sein Credo: Mainz brauche einen attraktiven Mix aus guten Einkaufsmöglichkeiten, breitgefächerter Gastronomie sowie modernen Kultur- und Wohnangeboten.

Bürgerbefragung bei jeder Zentrenkonzept-Fortschreibung?

Nach den Erfahrungen aus dem gescheitertem Bibelturm könnte Mainz gut beraten sein, die Bürger mehr einzubeziehen. In Wiesbaden wird so gehandelt. Wirtschaftsdezernent Detlev Bendel verweist dort augenzwinkernd auf die „gute, kooperative Zusammenarbeit aller Interessensgruppen“, insbesondere zwischen Stadt und IHK. Dafür haben die hessischen Landeshauptstädter keinen City-Manager. Der hat in Mainz in Sachen Zentrenkonzept bislang noch keinen „inhaltlichen Handlungsauftrag“ – Jörg Hormann (Foto): „Auch liegen uns keine Bitten um Stellungnahme oder andere Anfragen vor. Natürlich würde der Verein bei Fortschreibungen, Änderungen oder Ergänzungen als Gesprächspartner und Impulsgeber zur Verfügung stehen.“ Der Mainz City Management e.V. hat sich 2017 neu aufgestellt, will sich primär um die Digitalisierung kümmern und hat mit der städtischen mainzplus Citymarketing GmbH einen Dienstleistungsvertrag unterzeichnet. Diese Verzahnung dokumentiere die Nähe zwischen Tourismus und Handel, heißt es. Steigende Tourismuszahlen pushen bekanntlich auch den Einzelhandelsumsatz.

Parkgebühren wirklich entscheidend?

Bliebe noch der Blick auf die Parksituation, genauer gesagt: auf die Parkgebühren. Denn an Parkhäusern fehlt es in der Mainzer City nicht. Und die Parken in Mainz GmbH (PMG) gab seit 2013 mehrere Mio. Euro aus – für die Sanierung und Weiterentwicklung, neue Farbanstriche oder eine bessere Beleuchtung. Gefordert werden jedoch immer wieder mehr Kurzzeitparkplätze. „Doch wo sollen die herkommen?“, wirft Martin Lepold von der Werbegemeinschaft ein. Eine berechtigte Frage, die durch innerstädtische Fahrverbote noch verstärkt werden dürfte. Für eine Senkung der Parkgebühren sieht die PMG „keine Spielräume“. Dies wäre aus Sicht von Prof. Meyer aber „zweifellos ein Faktor, der zur Attraktivitätssteigerung der Innenstadt als Einkaufsort beitragen“ könnte. Auch in dem Funder-Gutachten wird eine Anpassung der Parkgebühren von 50,7 Prozent der Befragten befürwortet. 31 Prozent sprachen sich für mehr Kurzzeitparken aus. Dies deckt sich mit den Untersuchungen Meyers 2013. Fakt ist: 2015 beschloss Mainz ein Konzept zur Parkgebühren- Harmonisierung. Die Eckdaten: ein Euro für 30 Minuten Parken im öffentlichen Parkraum, 1,62 Euro für die erste Parkstunde in einem der innerstädtischen PMG-Parkhäuser. DieHöchstgebühr je Tag wurde von 15,50 auf 10 Euro reduziert, der Nachttarif auf maximal fünf Euro begrenzt. Das Parkticket ist gleichzeitig Stadtbus-/Straßenbahn-Fahrschein (für bis zu vier Begleitpersonen). Und bei aktuell 60 Mainzer Einzelhändlern gibt es „Zeitwertgutscheine“, über dessen Rabattierung der Einzelhändler selbst entscheidet. Reichen tut das vielen aber scheinbar nicht. Mainz hat als Einzelhandelsstandort in Rheinland-Pfalz unverändert eine dominierende Stellung. Dies bestätigt auch die Comfort-Gruppe (Düsseldorf), ein Maklerund Beratungsunternehmen für Top-Einzelhandelsimmobilien. Die Innenstadt ist mit einem Umsatzanteil von gegenwärtig bis zu 38 Prozent von der gesamten Einzelhandelsverkaufsfläche der 1a-Standort – auch wenn die 1a-Lagen im Vergleich mit anderen Großstädten eher gering sind. Das „Einzelhandelsmonitoring der Stadt Mainz“ (Stand: Juli 2017) verzeichnet 439 Einzelhandelsgeschäfte. Spitzenreiter sind Betriebe des Textilienhandels („Modezentralität“), gefolgt von Schmuckund Uhrengeschäften. Die Kernfrage bleibt jedoch: Wie bekommt man die Kunden wieder in die Innenstadt? Einkaufssonntage und weitere Events sind Ansatzpunkte. Eine vielseitige Gastronomie ein anderer sowie ein Mehr an Service. Was könnte die Alternative zu dem weniger erlebnisreichen Internet-Einkauf sein? Ob die Kombination aus stationärem Handel und digitalem Vertrieb des Rätsels Lösung ist, wie es den Entwicklern der Ludwigsstraße rund um Karstadt vorschwebt, bleibt abzuwarten. Mainz ist jedoch besser als sein Ruf. Vom Untergang weit entfernt. Es bleibt spannend in der Mainzer Einkaufswelt – vor allem in den kommenden Monaten.

Text Hermann-Joseph Berg Fotos Stephan Dinges

Was die Stadtratsfraktionen zum  Thema sagen:

 SPD

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung beim Einzelhandel/ Zentrenkonzept ein?

Fast alle Städte in Deutschland haben heute ein Einzelhandelskonzept. Das Mainzer Zentrenkonzept ist ein wichtiges Instrument, um sowohl die wohnungsnahe Versorgung der Menschen in den Stadtteilen, wie auch die Sicherung der Angebots- und Funktionsvielfalt der Innenstadt zu erhalten. Dies zeigen zahlreiche Studien, so auch die neueste Studie des internationalen Handels- und Distributionsmanagements an der Hochschule Worms (IIHD). Das Konzept hat sich seit Jahren bewährt. Dennoch muss es, wie jedes andere Konzept auch, regelmäßig überprüft werden. Jedoch ist uns die neueste Studie noch nicht in Gänze bekannt, weswegen die Verwaltung von Seiten der Mainzer Ampelfraktionen gebeten wurde, die Studie in einer der nächsten Sitzungen des Wirtschaftsausschusses vorzustellen. Danach kann überlegt werden, ob und welche Maßnahmen beim Runden Tisch besprochen werden sollten. Derzeit werden die größten Investitionen seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in die Mainzer Infrastruktur getätigt, wie beispielsweise die Neugestaltung der Bahnhofstraße, des Münsterplatzes und der Großen Langgasse, um die Attraktivität der Innenstadt weiter zu erhöhen. Für diese und viele weitere Maßnahmen hat der Stadtrat ein Innenstadt-Entwicklungskonzept (IEK) verabschiedet.

In verschiedenen Studien werden Aspekte genannt, an denen die Stadt arbeiten kann, um den Einzelhandel am Standort Mainz weiter zu stärken und für Besucherinnen und Besucher attraktiver zu machen, wie beispielsweise die bessere Erreichbarkeit der Innenstadt durch das Umland. Der Bau von Mainzel- sowie Zollhafenbahn, die Neugestaltung des Bahnhofs Römisches Theater, als einem der wichtigsten Eingänge zur Innenstadt, und die Einführung des Fahrradverleihsystems MVGmeinRad waren Meilensteine für eine noch attraktivere Umland- und Naherschließung. Der Bau einer CityBahn kann ein weiterer Meilenstein sein. Klar ist: der Individualverkehr stößt in Mainz wie in anderen Städten auch an seine Wachstumsgrenzen und wir müssen künftig ÖPNV und den Radverkehr noch mehr stärken. Die einzelnen Verkehrsträger müssten gemeinsam gedacht werden und dürften nicht weiter gegeneinander ausgespielt werden. Es bedarf eines Masterplans Mobilität für Mainz und daher wird die SPD sich auf ihrem Zukunftskongress zur Mobilität im Herbst genau mit diesen Fragestellungen befassen und gemeinsam mit allen interessierten Mainzerinnen und Mainzern Lösungsansätze entwickeln. Abschließend bleibt noch zu sagen, dass eine Abschaffung des Zentrenkonzeptes für unsere Fraktion nicht zur Debatte steht.“

Alexandra Gill-Gers, Vorsitzende der SPD-Fraktion im Mainzer Stadtrat

 

Bündnis 90/Die Grünen

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung beim Einzelhandel/ Zentrenkonzept ein?

Das Funder-Gutachten liegt uns als Ratsfraktionen zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vor, deshalb können wir hierzu auch noch keine Stellung beziehen. Die Kernidee hinter dem Zentrenkonzept ist, die Nahversorgung mit allen Dingen des täglichen Lebens in den Stadtteilen und der Innenstadt zu gewährleisten. Es steht also der Mensch und nicht der Handel im Mittelpunkt. Der Innenstadthandel setzt sich mit den sich ändernden Rahmenbedingungen und Kaufgewohnheiten auseinander. Eine Vernetzung der Händler*innen untereinander und mit der Gastronomie ist hier sicher nötig. Das findet nach unserer Kenntnis aber auch statt.

In Zeiten drohender Fahrverbote ist eine Verkehrswende unabdingbar, es muss gute Angebote geben, mit dem Umweltverbund in die Zentren zu kommen. Mainz bietet aber auch ausreichend Parkraum. Wir GRÜNE sind froh, dass eine Schneise wie die Große Langgasse jetzt Aufenthaltsqualität bekommt – denn graue Straßenschneisen, die Städte zerteilen, sind nicht attraktiv.

Sylvia Köbler-Gross, Sprecherin der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Mainzer Rathaus.

 

CDU

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung beim Zentrenkonzept ein?

Wir halten ein Zentrenkonzept nach wie vor grundsätzlich für nötig und wollen dieses auch beibehalten. Allerdings bleiben wir bei unserer Meinung, dass das bestehende Konzept unbedingt flexibler gestaltet werden muss. Die CDU hatte bereits in der Stadtratssitzung am 4. Oktober 2016 einen sehr detaillierten Ergänzungsantrag zur Fortschreibung des Zentrenkonzepts eingereicht und darin eine Vielzahl von konkreten Modifizierungsvorschlägen unterbreitet.

Wir wollten mit unserer Initiative die Situation sowohl für die in der Innenstadt und in den Stadtteilen ansässigen Einzelhändler als auch für die Unternehmen verbessern – zum Beispiel mit einer Einzelhandelskonzeption, einer gezielten Suche, wie die derzeit bestehende Einzelhandelspalette in der City umfassend ergänzt werden und wie man ansiedlungswillige, interessante Unternehmen aus dem Handel für Mainz gewinnen kann. Zudem sollten Ausnahmen vom Zentrenkonzept zulässig und eine Umsiedlung von bereits in der Stadt ansässigen Unternehmen möglich sein, ohne dass es aufgrund des Zentrenkonzepts dann zu Einschränkungen im Warenangebot kommt. Dieser sehr konstruktive Ergänzungsantrag ist jedoch damals von SPD, Grünen und FDP abgelehnt worden. Die weiter anhaltende Kritik von Firmen, Unternehmen und Einzelhändlern zeigt, dass die vor zwei Jahren von der Verwaltung ausgearbeitete und von der Ampelkoalition letztlich durchgesetzte Fortschreibung des Zentrenkonzepts eben nicht ausreichend gewesen ist. Es wäre sinnvoll und auch notwendig, sich wieder intensiver mit der Thematik zu beschäftigen und dabei auch noch einmal über unsere Vorschläge zu diskutieren.

Oberbürgermeister Michael Ebling, Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte und die Ampelparteien sollten wirklich über ihren Schatten springen. Letztlich geht es doch darum, die Einkaufsstadt Mainz attraktiver zu gestalten und Verbesserungen für die Unternehmen und Einzelhändler zu erreichen. Aus unserer Sicht wird man um eine weitere Modifizierung des Zentrenkonzepts nicht herumkommen, wenn man auch in Zukunft angesichts der großen Konkurrenz im Rhein-Main-Gebiet im Wettbewerb um die Kunden mithalten und diese für Mainz gewinnen möchte. Dass Mainz hier Boden verloren hat, belegt das Gutachten eindeutig und bestätigt uns in unserem Ansinnen.

Was muss jetzt schnellsten beim Runden Tisch auf den Tisch gebracht werden?

Wir müssen uns überlegen, wie wir die Einkaufsstadt Mainz noch attraktiver gestalten können. Das gilt für die Innenstadt, die Stadtteile aber auch für die grüne Wiese. Welche Produktpaletten fehlen? Welche Geschäfte und Marken sind attraktiv und beliebt? Wie sieht es mit dem Service in den Läden und Firmen aus? Was schreckt Menschen aus dem Umland ab, zum Einkaufen nach Mainz zu kommen? Wie schaffen wir es, Unternehmen in unsere Stadt zu locken etc.

Unter anderem auf diese Fragen müssen Antworten gefunden werden. Vor allem muss aber die Verwaltung erkennen, dass sie beim Thema Zentrenkonzept flexibler reagieren muss. Auch zeigt das Gutachten, dass die ideologische autofeindliche Verkehrspolitik und die hohen Parkgebühren ein wesentlicher Grund für die Kaufkraftabflüsse sind. Und letztlich müssen sich auch die Einzelhändler angesichts der Konkurrenz aus dem Internet überlegen, wie sie Kunden für sich gewinnen können. Mainz hat sicherlich ´hervorragende Chancen, um im Wettbewerb zu bestehen. Jetzt heißt es, gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Was finden Sie in dem Funder-Gutachten gut respektive schlecht?

Das Gutachten belegt sehr eindrucksvoll, was sich in den letzten Jahren schon durch viele Gespräche mit Menschen – insbesondere aus Rheinhessen – heraus kristallisiert hat: Mainz hat deutlich an Attraktivität und Zugkraft verloren. Die Gründe, wie etwa eine schlechte verkehrliche Erreichbarkeit, Staus und hohe Parkgebühren, sind von der Stadtspitze ja immer verharmlost worden. Jetzt zeigt sich, dass man hier in die falsche Richtung agiert hat und eine geänderte Politik erforderlich ist, wenn Mainz nicht weiter deutliche Rückgänge erleben möchte. Denn dies hat ja nicht nur Auswirkungen auf den Einzelhandel, hier geht es auch um andere Branchen, wie z.B. Gastronomie, aber auch um Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Dies alles zeigt das Gutachten auf und ist deshalb so wertvoll.

Muss in ein neues/überarbeitetes, tragfähiges Zentrenkonzept ein Mobilitätskonzept integriert werden, das den motorisierten Individualverkehr stärker berücksichtigt?

Wir würden es sehr begrüßen, wenn ein Mobilitätskonzept integriert werden würde. Ist doch das wesentliche Ergebnis der Untersuchung, dass es hier für viele potentielle Besucher offensichtlich das Argument gegen einen Besuch von Mainz ist. Ohne Frage ist die Stärkung und der Ausbau des ÖPNV sinnvoll und richtig. Fakt ist aber auch, dass die meisten Kunden aus dem Umland – völlig egal, ob aus dem Rhein-Main-Gebiet oder aus Rheinhessen – mit dem Auto nach Mainz kommen möchten. Die vielen Baustellen, die täglichen Staus, der Mangel an Kurzzeitparkplätzen direkt an der Straße und die hohen Parkkosten haben viele Menschen aus dem Umland in den letzten Monaten abgeschreckt, zum Einkaufen in unsere Stadt zu kommen. Wir müssen nach Wegen suchen, wie wir aus diesem Dilemma wieder herauskommen. Gleichzeitig müssen wir wissen, was die Menschen in Sachen Mobilität erwarten. Dabei sollten sicher auch die Einzelhändler und Firmen eingebunden werden.

Welche Änderungsvorschläge haben Sie?

Aus unserer Sicht sind unsere Vorschläge aus unserem Ergänzungsantrag vom Oktober 2016 weiterhin aktuell. Dementsprechend halten wir an diesen fest und glauben, dass diese zu einer Verbesserung führen könnten. Ebenso muss die Stadtspitze in Sachen Mobilität die ideologischen Kämpfe gegen den Individualverkehr beenden und mit einem ganzheitlichen Konzept ,das neben ÖPNV, Fahrrad und Fußgängern auch dem Individualverkehr beinhaltet, die Menschen wieder in diese Stadt locken.

Hannsgeorg Schönig, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Mainzer Stadtrat

 

FDP

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung beim Zentrenkonzept ein?

Bei der Presse-Präsentation wurde nicht gefordert, das Zentrenkonzept erneut zu überprüfen und ggf. zu modifizieren. Dem können wir uns anschließen. Auch in der Vergangenheit wurde das Konzept mehrfach geändert und den aktuellen Gegebenheiten angepasst. Dabei ist auch das Integrierte Entwicklungskonzept für die Innenstadt von Mainz (IEK) zu beachten. In das IEK sind u. a. das Zentrenkonzept, der Einzelhandel und das sog. Tripol-Konzept als Grundlagen eingeflossen. Es stellt mit über 80 konkreten Maßnahmen das vom Land geforderte Konzept für die seitdem erfolgten umfangreichen städtebaulichen Fördermaßnahmen in der Innenstadt dar.

Was muss jetzt schnellsten beim Runden Tisch auf den Tisch gebracht werden?

Als erstes brauchen wir eine Bestandsaufanahme der bisherigen Aktivitäten. Diese gehen weit über die  Erstellung eines Zentrenkonzeptes hinaus. Bei der Bestandsaufnahme sollten folgende Punkt/Fragen berücksichtigt werden:

  • Wie beurteilt der City-Manager die Situation?
  • Kann die Arbeit des Arbeitskreises City, der sich um die Verschönerung und Pflege der öffentlichen Bereiche der Innenstadt kümmert, intensiviert werden?
  • Die Stadt begleitet und unterstützt die Gründungsinitiative für ein Lokales Entwicklungs- und Aufwertungsprojekt nach LEAP-G.
  • Wie beurteilt die Werbegemeinschaft die verkaufsoffenen Sonntage?
  • Kann der Einkaufsführer „Einkaufen in Mainz“ verbessert werden?
  • Können Veranstaltungen, wie z.B. „Online Einkaufen in Mainz“, „Handel im Wandel“, verbessert werden?

Darüber hinaus steht die Weiterentwicklung der „Mainz App“ in Kooperation mit der mainzplus CITYMARKETING GmbH und dem Tourismusfonds Mainz e.V. auf der Tagesordnung. Sie soll mit ihren vielseitigen Angeboten Mainz unter anderem auch als Einkaufsstandort präsentieren und  mit ihren Funktionen die zentrale Schnittstelle der digitalen (Innen-)Stadt bilden. Sie funktioniert als „Allround-Kommunikationsplattform“ zwischen Angebot und Nachfrage. Von Services und Informationen über Einzelhandel, Gastronomie, Veranstaltungen und Events, Sehenswürdigkeiten/Points of Interests (POIs), bis hin zu Fahrplanauskünften, sollen alle wichtigen Neuigkeiten schnell, individuell und unkompliziert zur Verfügung gestellt werden und überall abrufbar sein.

Was finden Sie in dem Funder-Gutachten gut respektive schlecht?

Wir begrüßen es, dass mit dem Gutachten die Rolle der Innenstadt aus neuem Blickwinkel thematisiert wird. Es beleuchtet insbesondere die spezifische Konkurrenzsituation in einem polyzentrischen Ballungsraum.  Das Gutachten würdigt die Initiativen der Stadt und des Stadtrats zur Weiterentwicklung der Innenstadt. Die Forderung, die Innenstadt zu einem „Erlebnisraum“  zu entwickeln, entspricht unserer städtebaulichen Konzeption. Auch der Tourismus und seine Bedeutung für den Einzelhandel werden gewürdigt, ohne allerdings spezielle Handlungsempfehlungen abzuleiten. Gut finden wir auch, dass dabei der Focus auf die verkehrliche Erreichbarkeit gelegt wird.

 Muss in ein neues/überarbeitetes, tragfähiges  Zentrenkonzept ein Mobilitätskonzept integriert werden, das den motorisierten Individualverkehr stärker berücksichtigt?

Die Zentrenkonzepte für den Einzelhandel und Mobilitätskonzepte sind eigentlich zwei verschiedene Planungsebenen. Zentrenkonzepte regeln, wo im Stadtgebiet welche Art von Einzelhandel stattfinden soll, machen aber keine „Vorschriften“, höchstens Empfehlungen für die Innenstadt. Mobilitätskonzepte versuchen, unter den gegebenen städtebaulichen und funktionalen Rahmenbedingungen ein Optimum an Erreichbarkeit herzustellen. Das Gutachten gibt hier wichtige Anstöße. Für Busse, Bahnen und Räder haben wir bereits eine hohe Erreichbarkeit der Innenstadt. Ohne die Besucher, die mit dem PKW kommen – sie kommen aus den Stadtteilen und dem Umland –  wäre die Innenstadt nicht überlebensfähig. Wir unterstützen deswegen die Forderung der Gutachter nach niedrigeren Parkgebühren, einer flüssigen Verkehrsführung, Park-and-Ride Parkplätzen.

Welche Änderungsvorschläge haben Sie?

Bisher keine. Wir wollen mögliche Änderungen auf jeden Fall mit allen Beteiligten intensiv diskutieren.

Walter Koppius, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Mainzer Stadtrat

 

FWG

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung beim Zentrenkonzept ein?

Das Zentrenkonzept hat sich in der Vergangenheit teilweise bewährt, ist jedoch inzwischen überholt. Nicht nur die technische Entwicklung auch die Konkurrenz zu den Nachbarstädten, wie z.B. Wiesbaden, zwingen Mainz zu einem Umdenken. Denn der Schutz des Einzelhandels in der Mainzer Innenstadt geht inzwischen zu Lasten der Bürger in den Vororten von Mainz und zu Lasten ansiedlungswilliger Händler am Stadtrand. Die oft zitierte „grüne Wiese“, die bei manchen Einzelhandelsketten wie z.B. Globus, im Fokus steht, existiert in Mainz so nicht mehr. Gerade das Beispiel Globus beweist, dass die Bürger nun mit den Füßen abstimmen: Weil der Standort in Hechtsheim von der Stadt verhindert wurde, hat diese Firma am Stadtrand von Wiesbaden gebaut – und die Mainzer gehen dort einkaufen. Die Kommunen stehen im Wettbewerb um die Gewerbesteuer in einer Konkurrenz zueinander. Mainz hat in den letzten Jahren verloren. Das schadet nicht nur der Attraktivität sondern auch dem Stadtsäckel.

Was muss jetzt schnellsten beim Runden Tisch auf den Tisch gebracht werden?

Alteingesessener Fachhandel in der Innenstadt ist immer weniger gefragt. Die Geschäftsinhaber müssen umdenken, um zu überleben. Produkte und Angebote müssen mehr als bisher online beworben und vermarktet werden. Was spricht dagegen, wenn man beim Drogeriemarkt „X“ online kauft oder bestellt und das Produkt vor Ort abholt oder besichtigt?

Andererseits sind die Mieten für kleine Einzelhändler teilweise unbezahlbar. Die Zahl der 1-Euro-Läden wächst. Die Innenstadt wird gesichtslos und beliebig. Das vor Jahren geplante „Tripol-Konzept“ hat sich nicht bewährt, weil die Distanzen zwischen dem Fort Malakow, Brandzentrum, Innenstadt fußläufig zu groß sind. Das jahrelang verschleppte Bauvorhaben rund um die Ruine „Karstadt“ schmort vor sich hin.

Was finden Sie in dem Funder-Gutachten gut respektive schlecht?

Das Gutachten beschreibt deutlich die Gründe für den Attraktivitätsverlust des Einzelhandels in der Mainzer Innenstadt und macht einige Vorschläge zur Verbesserung. Allerdings fehlen konkrete Lösungsansätze für die Benachteiligung des Einzelhandels an der Peripherie der Stadt.

Muss in ein neues/überarbeitetes, tragfähiges  Zentrenkonzept ein Mobilitätskonzept integriert werden, das den motorisierten Individualverkehr stärker berücksichtigt?

Immer noch sind die Parkgebühren in Mainz zu hoch. Sie schrecken auch auswärtige Kunden ab. Der Parksuchverkehr hat zugenommen. Es fehlt eine Verzahnung zwischen Zentrenkonzept und weiteren Verkehrsträgern. Fahrradwege zwischen den Vororten und der Innenstadt fehlen oder sind in einem teilweise erbärmlichen Zustand. P&R-Plätze am Stadtrand sind nur in unzureichender Zahl vorhanden – teilweise fehlen sie völlig. Die Anbindung durch den ÖPNV ist verbesserungsbedürftig. Elektromobilität wird nur unzureichend gefördert, Lademöglichkeiten sind viel zu wenig vorhanden. Was spricht gegen eine kostenfreie Ringverbindung durch kleine Elektrobusse in der Innenstadt (wie z.B. in der Partnerstadt Dijon)? Die ideologisch motivierte Verdrängung des Autoverkehrs aus der Innenstadt verhindert den Zustrom von Kunden.

Welche Änderungsvorschläge haben Sie?

Neben der Innenstadt müssen auch die Vororte für die Mainzer Bürger attraktiver werden. Auch zentrenrelevante Artikel des täglichen Bedarfs sollten angeboten werden dürfen. Der Einzelhandel muss sich stärker als bisher an den Parkgebühren beteiligen. Die Ausweisung von Flächen für große Ketten, wie z.B. Globus, Decathlon usw., muss dringend geplant werden.

Kurt Mehler, Vorsitzender der Fraktion Freie Wähler-Gemeinschaft im Mainzer Stadtrat

 

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