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So wohnt Mainz: Das Kabinett der Kuriositäten von Psycho-Jones

Das Haus, in dem Psycho-Jones wohnt, ist im Stil des Klassizismus des 19. Jahrhunderts gehalten. Man betritt ein schmales Treppenhaus mit ausgetretenen Holzstufen, die bei jedem Schritt knarren und eine Geschichte erzählen. Auf dem Weg in seine Wohnung kommt man an der Etagentoilette vorbei und erhascht einen Blick auf einen blauen Flokati-Bezug, alte Britney Spears Poster und eine Jabba-Figur auf dem Klokasten.

„Die Toilette wurde wohl im Nachhinein eingebaut“, erklärt Psycho-Jones. Er lehnt in einem schlichten, schwarzen Outfit im Türrahmen seiner Wohnung, neben einem Helge Schneider Hampelmann und einem goldgerahmten Barrockspiegel.

Jeder kennt ihn

„Einstürzende Neubauten“ treffen auf Barockstil und
Helge Schneider

Ob vom „GEILOBINGO!“ oder den Konzepten mit vielseitigem Musikprogramm und wechselnder Deko aus Pappaufstellern, alten Videospielen und Schaufensterpuppen oder seinen „Mute Mode“-Partys. Früher legte er in der „Fiszbah“, dem „Red Cat“, dem „Lomo“ und der „Dorett Bar“ auf. Seit den 2000ern arbeitet er mit Gerrit Schick zusammen, erst im „Schick&Schön“ im alten Südbahnhof, heute im „Schick“ und „beben“. 2023 feierte Psycho sein 25-jähriges Jubiläum. „Ich bin 1996 nach Mainz gezogen. ’97 schrieb ich einen satirischen Text, ‚Die Rückkehr des Psycho-Jones‘, über einen Privatdetektiv und den titelgebenden Bösewicht ‚Psycho-Jones‘. Er war halb Mensch, halb Außerirdischer, der skurrile Verbrechen beging und sie danach wieder rückgängig machte. Dabei löste er ,Butterfly-Effekte‘ aus. […] Am 28. April 1998 legte ich zum ersten Mal im Kulturcafé auf. Ich nannte die Partyreihe ,Disco 2000‘ mit dem Untertitel ‚The Return of Psycho-Jones‘.“

Eine DJ-Legende war geboren. „Am Anfang lag der Fokus auf dem Rhein-Main-Gebiet, dann kamen Mannheim, Rheinland, Ruhrpott, Freiburg, Berlin, Hamburg, die Schweiz, Kopenhagen, Stockholm, Barcelona und Valencia dazu. Dieses Jahr war ich zweimal in Prag. Und in Paris und Vilnius. Die Gigs ergeben sich über Social Media Präsenz oder durch Leute, die mich live erlebt haben. ‚Disco Bizarre‘ im Kit- KatClub Berlin zum Beispiel hat mir die Gigs in Prag und Paris eröffnet.“

Ein Blick in das Heiligtum des Psycho-Jones

Hier gibt es in jeder Ecke etwas zu entdecken.

Seine 45 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung in der Mainzer Neustadt entstammt der Zeit vor der Gentrifizierung, als es hier noch zahlreiche, antiquierte sowie eigenwillige Wohnarrangements gab. Hier wohnt er seit 25 Jahren.

„Es ist ein schönes, altes Haus, ich mag die jungen Leute und Studenten, coole Nachbarn, keine Spießer. Die Gegend ist multikulturell. Die Wohnung ist wichtig für mich. Wenn ich in Rhein-Main Gigs habe, bereite ich mich hier vor.“ Die Küche ist klein, gemütlich und mit einer sogenannten „Nasszelle“ versehen, der Gasofen dient als Heizung. Am Fenster steht eine Orgel, im Regal eine Anlage, über der Tür hängt ein „Nichtraucher“-Schild und über dem Herd Sechzigerjahre-Tassen von Schott.

PJs sogenanntes „Archiv“, der Raum, in dem sich seine Musiksammlung befindet, bildet das Herz der Wohnung – hier lässt er nicht jeden rein. Deckenhohe Regale säumen die Wände. Hier stehen tausende Platten, Singles, Kassetten, Videokassetten und DVDs, es türmen sich Plattenspieler und Videorekorder, alte Poster und Flyer, Perückenköpfe flankieren den Torso einer Schaufensterpuppe und auf einem Arbeitstisch liegen Bingo-Preise.

„Die Wohnung ist mein Lager, in dem ich mich unter der Woche aufhalte, wochenends bin ich im Westerwald und laufe mit dem Hund im Wald – das brauche ich als Ausgleich.“

Wie viele Musikträger das wohl sind? „Mehrere zehntausend. Ob zwanzig- oder dreißigtausend weiß ich nicht. Es gibt über tausend Deko-Elemente.“

PJ ist Sammler und Schatzsucher. „Ich hab früher eine Ausbildung als Dekorateur und Schaufenstergestalter gemacht. Die ersten Partys hab ich so wie früher mein Zuhause dekoriert. Das ‚Q-Kaff‘ sah damals noch aus wie ´ne Studentenkantine. Ich wollte ein bisschen Seele reinbringen, da hab ich die Deko von daheim verwendet.“

Im Schlafzimmer finden sich Siebzigerjahre-Vorhänge, -Möbel und -Lampen in Orange und Crème, Briefbeschwerer, Schaufensterpuppenhände, Retro- Aschenbecher, alte Poster von Elvis, Mireille Mathieu, den Beatles und Stereo Total. Retro-Plüschtiere und -Figuren sowie etliche Perückenköpfe aus Plastik und Styropor zieren das Hochbett.

„Das ist mein Lebenswerk. Ich gehe nicht wohin und suche gezielt, die meisten Sachen finde ich zufällig, in Secondhandläden, auf Flohmärkten, im Sperrmüll oder bei Ebay. Mit der Musiksammlung ist es ähnlich.“ Viele Deko-Utensilien bewahrt PJ in Lagerräumen auf. Doch welches ist sein liebstes Deko-Teil? „Etwas, das ich seit der ersten Psycho-Jones-Party dabeihabe: Der analoge Vorläufer der heutigen LED-Schriften, ein Laufband mit dem rotleuchtenden Schriftzug ‚The Return of Psycho-Jones‘.“

Hier ist ein Multitalent zuhause

Uschi Obermaier – per Schaufensterpuppenrumpf zensiert.

Doch PJ legt nicht nur auf, er hat seit der Pandemie mit zahlreichen Musikern deutsche Cover-Versionen von „Depeche Mode“-Songs aufgenommen – u. a. mit Dyan Valdés, der Keyboarderin der Band „Die Sterne“.

„‚Depeche Mode‘ war meine erste Lieblingsband, mein erster Tonträger, mein erstes Livekonzert. Ich hab 1987 ´ne Kompaktanlage bekommen, und mein Bruder und ich duften uns je eine CD zu Weihnachten aussuchen. Fast ein Jahr lang hatte ich dann nur eine CD, das war ‚Music for the Masses‘. Die hab ich im CD-Player auf Repeat gehört.“

Er schreibt auch seit 2017 an einem „Depeche Mode“-Fan-Buch: „Mein persönlicher Werdegang eingebettet in Zeitgeist und Weltgeschehen: Tschernobyl, der Kalte Krieg, die Trennung zwischen Ost und West, die Mauer, die Wende, das Gefühl des Aufbruchs. ‚Depeche Mode‘ war der Soundtrack dieser Zeit. Hier fing meine Reise mit der Musik an.“

Und wo geht sie hin, die Reise des Psycho-Jones? „Dadurch, dass ich mich selber vom Geschmack her immer weiterentwickle, bleibt es auch spannend. Es ist vom Anfang bis heute eine Metamorphose, ein Weg. Sowohl persönlich als auch kreativ und musikalisch.“

Zum Abschied spielt Herr Jones mir noch einen seiner Coversongs vor, seine Version von „It´s No Good“ von dem Album „Ultra“: „Ich hab alle Zeit der Welt“, singt er in der Aufnahme, „bist du bereit? Es steht in den Sternen über uns …“ Danke für diesen Einblick in dein Heiligtum, Psycho-Jones und auf bald!

 

Text: Henriette Clara Herborn
Fotos: Thomas Schneider

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