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Gut behütet – Die letzten Mainzer Huthäuser

„Sie haben den Kopf, wir den Hut“ – So wirbt das Huthaus Streibich auf seiner Website. Der Hutladen im Eckhaus (Flachsmarktstraße 34) ist Familienbetrieb seit 1946. Damals gründete – mit Genehmigung der französischen Besatzer – Christine Streibich ihr kleines Hutgeschäft in einem der Domhäuser. Wenn der heutige Inhaber Wilhelm Ehrhard, von der Entwicklung des Huthauses berichtet, gerät das gleichzeitig zu Stadthistorie, Familiengeschichte und Geschichte der Mode.

Als Neffe von Christine wuchs er ins Hutgeschäft hinein. Seine Großmutter, Magdalena Ehrhard, seinerzeit bei Hut Heussling ausgebildet, half der Schwester von Anfang an im Laden. „Es war ein reines Herrenhutgeschäft“ erzählt Erhard, „das war so üblich: Herren- und Damenhüte streng getrennt.“ Erst nach der Übergabe an den Neffen kamen Damenhüte ins Sortiment. Als er das Geschäft 1974 übernahm, war er grade mal 21 Jahre alt: „Die Tante war noch fit und stand mir zur Seite.“ 2003 verstarb sie, 95jährig. Als junge Frau hatte sie schon 1950 auf einem Trümmergrundstück einen Flachbau errichtet, um ihren Hutladen unterzubringen. „1958 baute sie dann das Haus, in dem das Geschäft sich noch heute befindet. Eine Leistung für eine alleinstehende Frau!“

Hüte, wohin man blickt

Herrenhüte dominieren noch heute, wenn man sich die Regale betrachtet. Doch der Schein trügt, wie Ehrhard erklärt: „Herrenhüte, -Mützen und -Kappen müssen wir in allen Größen vorrätig haben. Das ist bei den Damenhüten anders.“ Notwendige Änderungen, enger oder weiter, macht seine Frau Elke. Sie ist seit 25 Jahren dabei und berät vor allem die Damen. Ob mit breiter Krempe, im Herrenhut-Stil, oder eine `Glocke´, wie sie in den 20er Jahren Mode war und die sie auch selbst gerne trägt – sie schwärmt vor allem von ungewöhnlichen Farbkombinationen. Sohn Alexander, seit 2007 mit im Geschäft und „reingewachsen, wie schon der Vater“, ist verantwortlich für den Internetauftritt und Onlineverkauf. „Der Versand ist zwar aufwändig, aber erfolgreich“, sagt Vater Ehrhard. Zwei Hut-Kollektionen gibt es pro Jahr. Namhafte Firmen wie Bugatti, Stetson und Kangol zeigen dann ihre Neuheiten in Showrooms. Hier decken sich auch die Ehrhards ein: „Die Preise sind nicht grade unerschwinglich, eher moderat. Vor allem muss man auch mal Ausgefallenes im Schaufenster haben.“

Modisch mit Domblick

Zwei Damen leiten das Huthaus am Dom: Die Schwestern Hanne und Uta Gieg. Deren Mutter Marianne war Lehrmädchen bei Hut Häussler und leitete vor dem Krieg die Hutabteilung im Kaufhof. Das Haus an der Ecke der Johannisstraße 16, Blick über den Leichhof zum Dom, wurde 1913 von Otto Häussler gebaut. `Huthaus am Leichhof´ hieß es damals und war ein Stockwerk höher als heute. Von den Eltern der Schwestern Gieg wurde das Haus nach dem Krieg wieder aufgebaut. Uta, Bankkauffrau und Hanne, die eigentlich Kunst und Kunstgeschichte studiert hatte, traten in die Fußstapfen der Mutter. Nun verlocken sie mit wunderschön dekorierten Schaufenstern, für die Uta zuständig ist. „Zweimal im Jahr sind wir auf Messen in Paris und Mailand“ sagt Hanne Gieg. „Aber wir waren auch schon in Ascot. Da kann man Hüte sehen!“ Wie auch beim Mitbewerber wurde aus dem ursprünglichen Herrenhutgeschäft erst unter der Leitung der Schwestern ein „gemischter“ Hutladen. Heute führen sie alle Arten von Kopfbedeckungen sowie Accessoires. „Ganz aktuell sind Baskenmützen. Der 20erJahre-Glocken-Typ ist auch wieder mit dabei und sehr schick. Und viele junge Männer tragen wieder Hut.“ Vorbilder und Idole spielen da eine Rolle, zum Beispiel Udo Lindenberg, aber auch Johnny Depp.

Über die Geschichte des Hüte-Tragens hat Hanne an der Uni ihre Abschlussarbeit geschrieben. Und sie liebt breitkrempige Hüte, die ihr ausgezeichnet zu Gesicht stehen. Beim Einkauf kann sie dann selbst kaum widerstehen, aber die Kundinnen kommen aus weitem Umkreis und auch ausgefallene Kreationen finden ihre Käufer. Wie zum Beispiel der „Fascinator“, ein festlicher Kopfschmuck, der von Damen getragen wird. Einer größeren Öffentlichkeit wurde er durch die Berichterstattung anlässlich der Hochzeit von William und Kate bekannt, vor allem bei Beatrice of York. Das Time Magazine erklärte den Fascinator zum „Top 3 Meme“ des Jahres 2011. Die Welt der Herrenhüte ist vielleicht weniger bunt, jedoch nicht minder spannend, vom steifen Bowler bis zum weichen Filzhut. Und noch immer gibt es Gelegenheiten, da geht nichts ohne Zylinder zum Frack. Eine wichtige Rolle spielt heutzutage die Schutzfunktion von Hüten und Mützen. Nicht nur vor Nässe oder Kälte soll die Kopfbedeckung bewahren, sondern auch vor zu viel Sonne. Doch modischer Chic und gesundheitlicher Nutzen widersprechen sich nicht. Das beweist ein Besuch in den beiden letzten Mainzer Hutgeschäften.

Text Ulla Grall Fotos Stephan Dinges

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