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sensor testet: Radstrecken zu Straußwirtschaften

Rad und Straußwirtschaften 004_web
von Andreas Coerper

Die Treidelpferde an der letzten Wechselstation waren frisch, die Strömung kurz vor dem Mainzer Freihafen gleichmäßig. Der an armdicken Hanfseilen von Gäulen und Treidelknechten auf dem Leinpfad von Köln bergauf geschleppte, mit fünfzehn Tonnen Stoffballen beladene Schleppkahn ist bald am Mainzer Umschlagsplatz gelöscht. Die Reise war beschwerlich, im Mittelrheintal gefährlich. Hier bei Mainz ist der ungepflasterte Leinpfad trocken, die Strömung mäßig, das Wetter freundlich, man macht gute Fahrt. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war das in Variationen Alltag auf dem von Basel bis nach Holland führenden Leinpfad am Ufer des Rheins. Dann wurde die Dampfschifffahrt erfunden, der Beruf des Schleppschiffers starb aus. Der Leinpfad aber blieb bis auf wenige Unterbrechungen auf der gesamten linksrheinischen Strecke erhalten. Wir nutzen den ebenen Weg für kurzweilige Radtourfluchten aus der Landeshauptstadt.

Flussabwärts – Erster Halt am Lustschloss Rhein-Klause

Los geht es rheinabwärts zum Jagdund Lustschloss Rhein-Klause in Richtung Ingelheim. Die ersten zwei Kilometer bis unterhalb der Schiersteiner Brücke verlaufen auf dem gut ausgebauten, durchgehenden Radweg entlang der Rheinallee. Der Radweg endet am Leerstand einer insolventen Baumarktkette. Es geht geradeaus weiter, wie den Rest der Strecke, immer möglichst dicht am rechts liegenden Fluss entlang. Zuerst lässt man eine Schrebergartensiedlung links liegen, während die Fahrt wahlweise auf asphaltiertem Weg oder auf dem Deichkamm zügig bis zum Kreuzerhof bei Budenheim weiter geht. Der bleibt rechts liegen, genau wie einige Yachtwerften. Hinter der alten Glasfabrik in Budenheim gehts immer weiter geradeaus. Von dort an wählt man selbst den befestigten Weg hinter dem Deich, den schmalen Trampelpfad auf der Deichkrone oder den teilweise holprigen Feldweg durch den Urwald am Ufer und entlang von Streuobstwiesen. Nach ungefähr 15 Kilometern ist das Ziel erreicht. Der Weg ist auch für Kinder und mit Transportanhänger leicht zu bewältigen. Entlang der Strecke sind Störche, Gänse und Greifvögel, in Schwemmgebieten sogar Sumpfschildkröten zu beobachten. Die Fahrt durchs Dickicht ist schattiger als der landwirtschaftliche Betriebsweg südlich des Deichs. Die 110 Jahre alte Rhein-Klause ist samstags von 14 bis 21 Uhr geöffnet, die Preise der angebotenen regionalen Produkte sind familienfreundlich, Spielplatz und -wiese vorhanden. Das Gelände ist umzäunt, sodass auch Eltern entspannen können. Im Sommer wird gegrillt.

Weiter nach Ingelheim

Wer nicht versackt, fährt weiter zur Fähranlegestelle der Rotweinstadt Ingelheim. Von dort im Zickzack durch das links der Hauptstraße liegende Wohngebiet Richtung Boehringer-Ingelheim. Entlang der für Radler freien Betriebsstraße, vorbei an den Werkstoren bis zur Fußgängerunterführung mit Ziel Selztalradweg. Der Selztalradweg ist insgesamt 58 Kilometer lang. Er führt auf perfekt ausgebauten Wegen quer durch Rheinhessen bis nach Alzey und ist eine eigene Radtour wert. Als Fortsetzung unserer Tour enden wir allerdings in Schwabenheim. Unsere Strecke steigt konstant leicht an, ist aber trotzdem leicht zu bewältigen. In Ingelheim lädt der „Kuhstall“ des Weinguts Bettenheimer, ebenso wie das von der Weinbaufamilie Wasem ausgebaute Kloster Engelthal zur Rast. Beide Weingüter sind mit Auszeichnungen überhäuft, entsprechend ist das Ambiente dem Preisniveau angepasst. Wer nicht den Radwanderweg nutzen möchte, sondern durch die Stadt nach Ober-Ingelheim fährt, findet mühelos weitere hübsche Straußwirtschaften mit leckerem Wein- und Speisenangebot. Besonders erwähnen wollen wir das Ingelheimer Rotweinfest am letzten Wochenende im September.

Panorama auf dem Weg nach Schwabenheim

Unterwegs zum Endpunkt in Schwabenheim befindet sich das Weingut Breidscheid in Groß-Winternheim. Das Weingut liegt am Berg und ist entsprechend nur durch einen brutalen Anstieg aus dem Selztal zu ertrotzen. Im Ort geht es rechts der im neoromanischen Stil erbauten evangelischen Kirche 200 Meter steil bergan. Oben angekommen entschädigt der spektakuläre Blick von der großen, Wein bewachsenen Panoramaterrasse über Ingelheim und das Rheintal. Freitags und samstags ist ab 17 Uhr, sonn- und feiertags ab 11 Uhr geöffnet, die Preise allesamt günstig. Zur Rückkehr nach Mainz schiebt man entweder weitere 300 Meter bergauf, fährt 500 Meter rechts, um dann links immer geradeaus erst ebenerdig, dann ausschließlich bergab, vorbei am Wackernheimer Schießstand und Finther Flughafen Richtung Heimat zu rollen. Oder man fährt die Anfahrtsstrecke zurück. Noch radeln wir, die wir diesmal nicht bei Breidscheids einkehrten, weiter nach Schwabenheim. Dort liegt die Gutsschänke Bacchushof mit übersichtlicher Speisekarte, Tageskarte und Weinen örtlicher Winzer. Als Spezialitäten werden frisch gegrillte Hähnchen und Haxen angeboten. Wegen der langen Garzeit bitte von unterwegs vorbestellen. Die Rückkehr nach Mainz führt entweder über Ingelheim, Heidesheim- Budenheim, oder Essenheim-Lerchenberg mit einem langen Anstieg.

Flussaufwärts – Über das Laubenheimer Ried

Fährt man den Leinpfad in der klassischen Treidelrichtung flussaufwärts, ist man nach 15 Kilometern in Nierstein. Die Ausflugsfahrt beginnt am Winterhafen. Am Weisenauer Rheinufer teilt man sich die asphaltierte Strecke in Richtung Zementwerk mit Inlinern, Skateboardern und Joggern. Am Zementwerk darauf achten nicht in Eisenbahnschienen einzufädeln, besonders bei der Einfahrt auf das Industriegelände besteht Unfallgefahr an Engstellen durch entgegen kommende Drahtesel. Während wir die Fabrik hinter uns lassen unterqueren wir die Autobahn, um sofort in Richtung Rheinufer links ab zu lenken. Bevor die Vorderräder eintauchen, rechts abbiegen. Von da an fährt sichs auf dem geschotterten Pfad immer der Nase nach. Hinter dem Deich sind nagelneue Radelstrecken planiert, die parallel zum Leinpfad verlaufen. Wir fahren früher los als in der Gegenrichtung, um am Anfang der Strecke im Laubenheimer Ried, an das sich das Bodenheimer Ried anschließt, die Pflanzen und Tierwelt zu bestaunen. Das Laubenheimer Ried ist seit 1998 als 110 Hektar großes Naturschutzgebiet ausgewiesen. Durch zahlreiche seltene Pflanzenarten steht das Ried unter besonderem Schutz als Flora-Fauna Habitat (FFH-Gebiet). Vormittags patrouillieren staksend Weißstörche auf der Suche nach leichtsinnigen Fröschen oder Kammmolchen durch die Wiesen. Gute Beobachter erspähen mit ein bisschen Glück Tüpfelsumpfhühner. Die sind besonders scheu, denn auch die Rohrweihen wissen als Greifvögel die Gegend zu schätzen.

Weiter nach Nierstein

Schatten gibt es ausschließlich direkt am Rheinufer, dort rollt es sich mit mehr Widerstand. Die Rheinstrecke ist perfekt ausgeschildert, bis auf die Überquerung der B9 mit beschranktem Bahnübergang vor Nierstein wenig kniffelig. Danach führt der Weg in die Riesling-City unterhalb des Weinbergs „Roter Hang“, der zum Rhein hin abfällt und Niersteiner Weinen überregionale Bekanntheit verschafft. Die letzte Teilstrecke endet direkt im touristisch voll erschlossenen, hübschen alten Ortskern. Nierstein wurden im März 2013 vom rheinlandpfälzischen Ministerrat die Stadtrechte verliehen. Die vielen Feste sind nur auf dem Internetauftritt der Stadt zu überblicken. Wir besuchten die schöne, freitags ab 17.30 Uhr, samstags ab 14 Uhr, sonntags ab 12 Uhr geöffnete Weinstube im Haxthäuser Hof, das Weingut Gustav Strub und den Winzerhof Fritz Reichert. Überall war die Qualität hoch, die Preise Straußwirtschaften angemessen. In allen Höfen standen viele Fahrräder, bei Reicherts teilt man sich den Innenhof mit Winzerwerkzeug und blitzenden Edelstahltanks. Für den Weg nach Hause bleibt die bekannte Strecke, oder, für diejenigen mit zu viel Energie, durch Bodenheim, hinauf auf die Weinberge zur Laubenheimer Höhe, rüber nach Hechtsheim und von der Frankenhöhe durch den Volkspark zurück in die Stadt.

Fazit

Alle Fahrradstrecken sind auch von Untrainierten und mit „Mein Rad“- Mieträdern zu bewältigen. Eventuell muss ein Fahrradschloss mitgenommen werden. Von Ingelheim und Nierstein sichern Regionalbahnen die Rückkehr, wenn das Rad kaputt geht. Schwächelnde Akkus von Elektrorädern können während der Rast in den Straußwirtschaften geladen werden. Überall gibt’s nette Pausenplätze für Picknicks oder zum Verschnaufen. Sonnencreme einstecken und los geht’s. Gute Fahrt!