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sensor-Kolumne im Juni: Dr. Treznok ist plöööt


Vor kurzem kam ein Brief bei mir an, den ich eigentlich sofort in den Papierkorb werfen wollte, weil er wie Werbung aussah, adressiert an meinen bürgerlichen Namen. Als Absender waren ARD und ZDF angegeben. Ich habe mit Rundfunk und Fernsehen nichts zu tun, trotzdem öffnete ich den Brief. Es war eine Aufforderung, meinen Rundfunk- und Fernsehbeitrag zu bezahlen.
Da ich seit 15 Jahren weder Radio noch Fernseher habe, wollte ich endgültig den Brief wegwerfen, aber irgendwas war sonderbar. Die Gebühren hießen nicht Gebühren, und das ganze kam auch nicht von der mir bekannten GEZ, also las ich den Brief genauer. Überrascht stellte ich fest, dass ich einen monatlichen Beitrag von rund 17 Euro zahlen soll, und zwar unabhängig davon, ob ich Empfangsgeräte besitze. Sofort ging ich auf die Barrikaden: Warum soll ich etwas bezahlen, das ich nicht in Anspruch nehme, ja noch nicht einmal in Anspruch nehmen will? Ich bezahle doch auch kein Telefon, das ich nicht benutze, oder einen Pizza-Lieferanten, wenn ich keine Pizza bestellt habe! Zugegeben: Dass ich nur das bezahle, was ich auch nutze, stimmt nicht. Von meinen Steuergeldern werden Autobahnen bezahlt, auf denen ich nicht fahre, oder Lehrer, obwohl ich nicht in die Schule gehe. Auch Panzer und Militärflugzeuge finanziere ich unfreiwillig, vielleicht sogar mit 17 Euro pro Monat. Blöderweise heißt die ehemalige Rundfunkgebühr aber „Beitrag“ und nicht etwa „Mediensteuer“. Eine Steuer ist verpflichtend, aber ein Beitrag sollte eigentlich freiwillig sein, zumindest wenn ich das, zu dem ich beitrage, gar nicht haben will. Vielleicht sollte ich auch einen Beitrag erheben. Ich schreibe experimentelle Lyrik, und ich könnte jeden deutschsprachigen Haushalt verpflichten, mir einen monatlichen Lyrik-Beitrag zu überweisen. Ich wäre auch mit weniger als 17 Euro zufrieden, bei rund 40 Millionen Haushalten kommt einiges zusammen. Wenn ich dann noch berechne, dass viele Leute unterwegs meine Lyrik lesen könnten und dass diese Leute dann doppelt bezahlen müssten – da könnte ich schon mit wenigen Cent schnell reich werden. Immerhin habe ich vor kurzem das Dreifach-Ö erfunden, um noch pompöööser zu sein als dieser blööde geschmacksverirrte Pseudo-Designer. Meine neue lyrische Kreation heißt: plöööt. Plöööt statt nur blööd. Ich finde, allein dafür wäre ich berechtigt, einen monatlichen Beitrag zu verlangen, unabhängig davon, ob in den Haushalten meine Lyrik-Bücher vorhanden sind. Schließlich gehööört die Lyrik zur deutschen Hochkultur und ist höööchst fööörderungswürdig. Nun argumentieren die Öffentlich- Rechtlichen damit, dass sie eben nicht diesen Doppel-Ö-Schwachsinn verbreiten, sondern seriös sind statt seriöös. Das sollte es jedem Bürger 17 Euro monatlich wert sein, denn wenn ARD und ZDF Pleite gehen, dann gibt es nur noch blöödsinnige Dschungelcamps und keinen großartigen Tatort mehr, nur noch billige Nachrichten und kein heute-Journal. Das Argument ist überzeugend, dennoch finde ich 17 Euro monatlich zu viel. Bei 40 Millionen Haushalten sind das immerhin 680 Millionen Euro monatlich. Pro Jahr sind das dann 8 Milliarden und 160 Millionen Euro, wenn ich die Zahlen auf meinem Taschenrechner richtig lese. Bei so vielen Nullen vor dem Komma streikt mein Gehirn nämlich irgendwann. Ich habe keine Vorstellung, wie viel Fernsehen und Rundfunk man mit über 8 Milliarden Euro produzieren kann. Ich kööönnte allerdings für meinen verpflichtenden Lyrik-Beitrag die gleichen Argumente anführen. Ohne den Pflichtbeitrag gibt es nur das Doppel-Ö statt meines genialen Dreifach- Ö, die Lyrik wäre nur blööd und nicht plöööt, und die Lyriker könnten öööffentlich-rechtlich Lyrik verbreiten anstatt die Bevöölkerung mit drittklassigen Schüttelreimen in ööden vierfüßigen Jamben zu quälen. Ob den ganzen Quatsch nun jemand lesen will oder nicht, sollte dabei keine Rolle spielen.