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Pick-up-Artists: Die Kunst des Aufreißens

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von Julius Braun, Fotos: Jana Kay

„Mit möglichst vielen Partnern zu schlafen ist nicht verwerflich. Verwerflich wird es erst, wenn ich irgendwas vortäusche“, sagt Robert. Bei ihm waren es bisher 30 oder 40 Frauen. Wie viele genau, wisse er nicht mehr. Robert ist Ende 20, großgewachsen, blonde Haare, gutaussehend und von Beruf Lehrer an einer staatlichen Schule. Sich selbst bezeichnet er als Pick-up-Artist (PUA).
Ich treffe Robert zusammen mit seinem Kumpel Anton in einem Café am Mainzer Hauptbahnhof. Kennen gelernt habe ich sie über ein Forum im Internet. Fotografieren darf ich nicht. Auch ihre echten Namen bleiben geheim. Die Presse würde das Thema oft viel zu reißerisch und einseitig darstellen, beschweren sie sich. Trotzdem sind sie einverstanden, mit mir über die Pick-up-Szene in Mainz zu sprechen. Und die ist durchaus lebendig.

Frauenfeindlich – Manipulativ
„Pick-up-Artists sind manipulative, frauenfeindliche Aufreißer. Sie folgen einem ausgefeilten Plan und wenden dabei einstudierte Tricks an, um möglichst viele Frauen ins Bett zu bekommen“, schreibt die Soziologin Leonie Viola Thöne in ihrer Masterarbeit zum Phänomen „Pick-up- Artists“. Für Thöne steht fest: Das Ziel der Pick-up-Artists ist es, Frauen zu brechen. Auch der Mainzer Diplom- Psychologe Andreas Baranowski, der die Techniken der Verführungskünstler in seiner Diplomarbeit untersuchte, sieht die Szene kritisch: „Das Menschenbild in Teilen der Szene ist extrem sexistisch: Männer sind die Jäger und Frauen sind die Beute. Sie werden nur als Trainingsobjekte wahrgenommen.“ „Es gibt diese manipulativen Arschlöcher unter den Pick-up-Artists“, sagt Robert. Aber das seien höchstens zehn Prozent. Für ihn ginge es nicht primär um Sex, sondern darum, Frauen und das Flirten besser zu verstehen. Sein Freund Anton wirkt zurückhaltend. Vor drei Jahren gründete er ein so genanntes „Lair“ in Mainz. Lair – so heißt eine geheime Gruppe, in der sich PUAs, also Pick-up-Artists und solche, die es werden wollen, zusammenschließen, um sich zu gemeinsamen „Beutezügen“ zu verabreden. Diese Lairs existieren in vielen deutschen Großstädten – bekannt allerdings nur in Kreisen der PUAs. In Mainz hat Roberts Gruppe inzwischen über hundert Mitglieder. Die meisten davon Akademiker.

Aufreißen nach Zahlen
Als Begründer des Pick-ups gilt der amerikanische Dating-Coach Ross Jeffries und Autor des Buches „How to Get The Women You Desire into Bed“. Heute sagt er von sich, er fühle sich wie Frankenstein, der ein Monster erschaffen habe. Größere Bekanntheit erhielt die Verführungskunst durch den Bestseller „The Game“ des Ex-Musikjournalisten Neill Strauss aus dem Jahr 2005 – heute eine Art Pick-up-Artist-Bibel. In dem Buch werden Frauen nach Attraktivität auf einer Skala von 1 bis 10 eingestuft. Zusätzlich lernen die Männer Manipulationstricks wie „Gib ihr das Gefühl, so gut wie wieder weg zu sein“ – „Mache sie systematisch schlechter als sie ist“ oder „Tu so, als hättest du kein Interesse an ihr“. Schon der Titel seines Buches „The Game“ zeigt, was Flirten für Strauss bedeutet: ein Spiel zwischen Mann und Frau. Ein Sport. Einer, bei dem man gewinnen oder verlieren kann. „Ein guter Spieler ist der mit viel Selbstbewusstsein“, sagt Mathew Lovel. Er ist hauptberuflicher PUA bzw. Flirtcoach. Auf seiner Website verspricht er den Kunden, „verführerisch“ zu werden. Einfach „ein Mann den die Frauen wollen“. Klar, dass sowas seinen Preis hat. Für einen zweitägigen Workshop verlangt er 700 Euro, für zwei Tage Einzeltraining 2.500 Euro. „Ich bin kein Freund von Feministen. Die laufen Sturm gegen mich“, gibt Mathew offen zu, der eher eine „altmodische Sichtweise“ bevorzugt. Frauen würden heutzutage viel zu sehr in die Rolle des Mannes gepresst. Und damit seien sie nicht glücklich. Wer glaube die Frauen würden beim Flirten die Initiative ergreifen, der habe sich „geschnitten“. Für den ersten Schritt empfiehlt er seinen Schülern: „nicht so viel nachdenken – einfach hingehen!“

Milfs und Cavemanning
„Es gibt durchaus Methoden der Pick-up-Artists, die wirken“, meint der Psychologe Andreas Baranowski. Allerdings liege das weniger an den mit Küchenpsychologie gespickten Techniken selbst. Ausschlaggebend sei der Glaube an den Erfolg und die unzähligen Anmach-Versuche, die die Pick-up-Schüler unternehmen. Trotzdem stellte Baranowski in seiner Arbeit fest: „Flirten kann man beeinflussen und lernen.“ Methoden wie „Frauen nur im 45 Grad Winkel ansprechen“, hält er dagegen für Unsinn. Außerdem gebe es unter den PUAs sehr kritische Techniken, die „massiv psychologischen Druck auf die Frauen“ ausübten. Wie wenig die Pick-up-Szene mit einem aufgeklärten Geschlechterverhältnis zu tun hat, offenbart sich auch am Vokabular der PUAs. So sind Frauen HBs, also Hot Babes, SHBs (Super Hot Babes), UGs (Ugly Girls), MILFs (Moms I‘d Like To Fuck) oder Targets. Die Sets, also die Orte, an denen Mann Frauen aufreißt, werden in HQs (High Quality Sets) und LQs (Low Quality Sets) unterschieden. Je nach HB-Dichte. Zusätzlich unterscheiden die Pick-up- Artists unzählige Techniken. Vom Cavemanning (Der dominante Höhlenmensch schleppt die Frau nach Hause) bis zum Freeze Out (Der Mann entzieht der Frau die Aufmerksamkeit und macht sich dadurch interessant). Da ist für jeden was dabei.

Selbsthilfegruppe
Für Flirtcoach Mathew Lovel sind solche Methoden nur „eine Gehhilfe“. „Drei Sprüche auswendig lernen und dann fällt sie um. Das gibt es nicht.“ Nach seiner Philosophie müssten Männer zu unabhängigen „Alpha- Tieren“ werden. Begründet wird das natürlich biologisch und mit Hilfe jagender Vorfahren. Wie man ein „Alpha“ wird, lehrt Mathew seinen Schülern in Praxisstunden – gerne auch in Mainz, wegen der vielen Studenten. Mit den geheimen Lairs kann er dagegen weniger anfangen: „Da erklären Einäugige den Blinden, wie es beim Flirten läuft. Die meisten Lairs gleichen einem Auffangbecken gescheiterter Sozialfälle!“ „Viele kommen da schon mit einer gewissen Verzweiflung hin“, gibt Hobby-Pick-up-Artist Robert zu. Er sieht das Lair weniger als Treffpunkt testosterontriefender Aufreißer, sondern eher als „Selbsthilfegruppe für resignierte Männer“. Es gehe vor allem darum, die eigene „Sicherheitszone“ zu verlassen und seine Persönlichkeit zu verändern. „Das Hauptproblem ist, das die Typen immer gesagt bekommen, du bist zu nett“, mischt sich Anton ein. Und an dieser Freundschaftsschiene würden viele verzweifeln. Äußerlich wirkt Anton (28) genau wie einer dieser „zu netten Typen“. Unauffällig, dunkle Haare, fettige Haut. „Ich war eben ein typischer Informatiker, eher introvertiert.“ Erst durch das Training als PUA habe er sich getraut, auf Frauen zuzugehen und Selbstbewusstsein gewonnen. Und das sei das A und O beim Flirten. „Ich bin ein halbes Jahr lang jeden zweiten Tag durch die Fußgängerzone gegangen, um Mädels anzusprechen – mit verschiedenen Techniken.“ Ob das erfolgreich war, will ich wissen und er rechnet konzentriert nach. Mit 20 oder 30 Frauen – nickt er – habe er seitdem geschlafen.

Game Over
Inzwischen hat Anton die Verwaltung des Mainzer Lairs übernommen, trotz fester Freundin. Sein Freund Robert hat sich zurückgezogen. Nach der Einen, Richtigen habe er nie gesucht, erzählt Robert. Das sei ja wohl „ein bisschen pubertär“. Aber immerhin: Auch er lebt jetzt in einer festen Beziehung. „Wenn man ein paar Frauen kennt, ist man nicht aus purer Not mit jemandem zusammen, weil man keine anderen Optionen hat“, meint Robert. Pick-up-Artists stünden deshalb auch mehr zu ihren Frauen. Also heißt das jetzt: Game over? Naja nicht ganz. Das Spiel mit der Liebe wollen beide nicht aufgeben. Sie führen offene Beziehungen. Ihre Verführungskünste wenden sie nur an, wenn ihnen „zufällig eine auffällt“. Aber selbst dann ist der Erfolg nicht garantiert. Der Männertraum von der Gebrauchsanleitung zum unwiderstehlichen Frauenheld bleibt – ein Mythos.

 

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