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Papst zurückgetreten – Mainzer Kardinal Lehmann überrascht


Kaum kommt man vom Rosenmontag zurück, ist auch schon der Papst zurückgetreten. Und Kardinal Lehmann schreibt uns aus seinem Urlaub dazu folgende Worte: Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, hat durch seinen Rücktritt am Rosenmontag alle Welt vollkommen überrascht. Er gibt sein Amt als Nachfolger Petri am 28. Februar um 20 Uhr auf. Seit fast 600 Jahren ist dies in der Kirche nicht mehr vorgekommen.

Papst Benedikt XVI. ist im Alter von fast 86 Jahren und seit 8 Jahren (gewählt am 19.
April 2005) Oberhaupt der katholischen Weltkirche.

Wer den deutschen Papst in den letzten Monaten sehen konnte, spürte, wie sehr seine physischen Kräfte abnehmen. In aller Offenheit erklärte er in seiner tief beeindruckenden Rücktrittserklärung, „dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben“.

Jeder Papst hat ein eigenes Charisma. Ihm sind von Gott jeweils eigene Gaben zur Ausübung seines Dienstes geschenkt. Dies gilt auch für die Vorgänger des jetzigen Papstes im 20. Jahrhundert und seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Benedikt XVI. wird als großer Lehrer des Glaubens in die Geschichte des Papsttums eingehen. In schwieriger Zeit hat er nach innen und außen die Schätze der Heiligen Schrift und der großen kirchlichen Tradition aus fast zwei Jahrtausenden in ihrer unverbrüchlichen spirituellen und intellektuellen Kraft für unsere Gegenwart glaubwürdig, einsichtig und wirkungsvoll ausgelegt. Er hat entgegen manchen anderen Einschätzungen auch das Gespräch mit den christlichen Kirchen in Ost und West sowie dem Judentum gesucht und gefördert und den Dialog mit den Weltreligionen unterstützt.

In noch jungen Jahren hat er die kirchliche Erneuerung als Konzilstheologe und Berater von Joseph Kardinal Frings auf dem Vaticanum II maßgeblich und nachhaltig vorangetrieben. Die im Spätjahr 2012 erschienenen beiden Bände über die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils legen ein mächtiges Zeugnis dafür ab. Zusammen mit vielen Büchern und dem dreibändigen Leben Jesu bilden sie in ihrer spirituellen und theologischen Synthese für die Kirche eine ganz wichtige Nahrung und verlässliche Orientierung für den Weg der Kirche in die Zukunft.

Papst Benedikt hat nicht nur an seiner abnehmenden gesundheitlichen Kraft, sondern auch an vielen Mangelerscheinungen und Fehlern in der Kirche von heute gelitten: die Müdigkeit der Guten, die Verführbarkeit so vieler Mitglieder der Kirche, die Missbrauchsskandale, den missbräuchlichen Umgang mit dem Konzil von rechts und links, Verletzungen der Menschenrechte und Verfolgungen der Christen, Defekte im eigenen Haus, gerade auch im Vatikan.

Kirche und Welt haben Papst Benedikt XVI. viel zu danken, mehr als uns im Augenblick bewusst ist, gerade auch wir, seine deutschen Landsleute. Die Kirche sagt ihm ein tiefes Vergelt’s Gott. Dieser Papst hat für uns alle mehr zum Guten verändert, als wir oft bemerkt haben. Er hat auch durch den Mut zu diesem Rücktritt und die Würde des Abschieds das Verständnis kirchlicher Ämter und besonders des Papsttums vertieft und erneuert – vielleicht ein besonders wichtiges Geschenk für die Zukunft des christlichen Glaubens und der Ökumene.