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Open Ohr: Das Do-it-yourself-Festival

Text: Felix Monsees
Foto: Michael Grein

Seitdem sie denken kann, geht Nora Weisbrod (27) auf das Open Ohr. Bereits als Kind nahmen ihre Eltern sie jedes Pfingstwochenende mit auf die Zitadelle. Seit drei Jahren engagiert sie sich nun selbst für „ihr“ Festival in der Freien Projektgruppe, die das „Ohr“ bereits zum 37. Mal in Zusammenarbeit mit dem Amt für Jugend und Familie der Stadt Mainz ehrenamtlich veranstaltet. Die Stadt stellt Geld, Mitarbeiter und ist für das „Grobe“ verantwortlich – wie die Infrastruktur von Toiletten bis Parkplätzen – die freie Projektgruppe füllt das Programm.

Zeitaufwendiges Hobby

Ein Dreivierteljahr dauert die Vorbereitung. „Am Anfang steht die Themenfindung“, erklärt Nora, die für die Pressearbeit zuständig ist. Zur Tradition des Festivals gehörte es von Anfang an, das Programm einem Thema zu widmen. Dieses Mal lautet das Motto „Rien ne va plus – Nichts geht mehr“. Drei Jahre nach der Finanzkrise werden die große Pleite und ihre Folgen näher betrachtet. „Das Besondere am Open Ohr ist der politisch-kulturelle Anspruch. Dazu wollen wir jedem etwas bieten: Kindern, Senioren oder Studenten“ , erzählt Nora, „1995 musste noch für den Erhalt des Open Ohrs demonstriert werden, mittlerweile gehört das Festival fest zu Mainz und Politiker aller Parteien sind uns wohlgesonnen.“ Tatsächlich stellen sich heute viele „Sachverständige“ aller Couleur gerne den Podiumsdiskussionen mit den eher linksalternativ angehauchten Besuchern. „Die Diskussionen sind mehr als nur eine Talkshow und nehmen auch Themen auf, die nicht immer nur aktuell sind“, erläutert Uriel Gahl, mitverantwortlich bei der Auswahl der Film, Musik- und Wortveranstaltungen. Er organisiert darüber hinaus die Open Ohr Benefizkonzerte im Kulturcafé, bei denen etwas Geld zusammenkommt und deren Bands in die engere Auswahl für einen Auftritt auf dem Open Ohr kommen. Dieses Jahr sind es Rubbert Twist, die den Auftakt spielen dürfen mit experimentellem Trip Hoppigen Beat. „Bei den sonstigen Buchungen für das Open Ohr sollte man sich nicht von großen Namen abschrecken lassen“, ergänzt Gahl, „es wird schnell selbstverständlich, mit Bundespolitikern oder Stars wie Dendemann oder Marla Glen zu telefonieren.“

Ohr Open für alle

Die Festival-Organisation entsteht fokussiert bei den wöchentlichen Treffen der Projektgruppe im Haus der Jugend. Dazu kommen noch Treffen der einzelnen Arbeitsgruppen. Etwa 20 Stunden pro Woche verschlingt die ehrenamtliche Tätigkeit, hat Gahl einmal gezählt. Ab November nimmt der Stress so richtig zu. Vor allem aber während des viertägigen Festivals ist Multitasking gefordert, viele Veranstaltungen laufen parallel. Zeit für Schlaf oder Chillen mit Freunden ist für die Projektgruppe dann ein Fremdwort. Trotzdem macht Rafael Pantelic (38) dieses Jahr zum zweiten Mal mit. Im echten Leben zeichnet er verantwortlich für das Kabarett-Programm im Hambacher Schloss. Sein Organisationstalent bringt er nun auch in die Programmplanung der Kabarettbühne ein. Festivaltipp 2011 ist für ihn der Kabarettist Wilfried Schmickler, der 2009 den Deutschen Kleinkunstpreis gewonnen hat. Die Projektgruppe ist aber auch für Neue offen: „Wir suchen immer Leute, die ihre Leidenschaft für das Open Ohr ausleben wollen“, sagt er. Mit Ende dreißig Senior der Projektgruppe, betont Pantelic, dass Alter kein Ausschlusskriterium ist: „Vor allem Zeit muss man mitbringen und Spaß an der Teamarbeit. Die älteren Semester wirken im ersten Jahr auch als Pate, niemand wird ins kalte Wasser geschmissen.“ Vielleicht fragt sich der eine oder andere nun, warum man sich diese Strapazen ohne Geld überhaupt antun sollte? Darauf liefert Nora die passende Antwort: „Der Lohn der Anstrengungen ist die Resonanz des Publikums, das seitdem ich dabei bin immer großartig war. Besonders freut mich, dass es nicht nur um Party geht, sondern das ganze Programm mit seinem politischen und kulturellen Anspruch begeistert angenommen wird“. Und wann hat man schon mal die Chance (s)ein eigenes Festival zu kreieren?

Interessenten für die Freie Projektgruppe können sich per E-Mail wenden an buero@openohr-verein.de