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Man(n) tötet nicht aus Liebe: Was 2026 noch gegen sexuelle Gewalt getan werden muss

Häusliche Gewalt spielt sich hinter verschlossenen Türen ab.

Herzen soweit das Auge reicht: Am 14. Februar ist das Fest der Liebe, Valentinstag. Doch so schön Liebe sein kann, so gefährlich kann sie auch werden. Geschlechterspezifische Gewalt ist allgegenwärtig, in den Medien und oft im eigenen Freundes- oder Bekanntenkreis. Und doch gibt es noch hartnäckige Vorurteile und Verhaltensweisen, die sich halten. Zeit, zu sprechen.

 

Am 25. November war die Mainzer Innenstadt orange. Die Schiller-Statue wurde mit orangem Stoff verhüllt, und über zwei Wochen war bis zum 10. Dezember am Lux-Pavillon beim Schillerplatz das riesige Orange-Banner „Stop violence against Women!“ (= „Stoppt die Gewalt an Frauen!“) zu sehen. Neben einer Vielzahl von Veranstaltungen zum Tag der Beendigung der Gewalt an Frauen und Mädchen sind die Studentinnen und Studenten der Hochschule Mainz in orangefarbenen Kostümen durch die Stadt gezogen und haben Flyer, Trillerpfeifen und Feuerzeuge verteilt.

 

Alle zwei Minuten erfährt eine Person Gewalt im sozialen Umfeld

Friedrich Schiller war temporär orange umhüllt.

„Das ist kein künstlerischer Selbstzweck, denn wir wollen Gesprächsanlässe schaffen“, erzählt Wolf Gutjahr. Neben dem Lux-Pavillon steht eine Freiluft-Installation. Die orangenen Banner konfrontieren die Öffentlichkeit mit unbequemen Fragen und Fakten. Auf einem steht: „Ein Viertel der Deutschen findet Vergewaltigung von Frauen unter bestimmten Umständen akzeptabel.“ (Ergebnis einer Umfrage der Europäischen Kommission 2016). Oder: „Alle zwei Minuten erfährt eine Person Gewalt im sozialen Umfeld“. Laut Bundeskriminalamt sind 265.942 Menschen im Jahr 2024 Opfer häuslicher Gewalt geworden. Das sind 3,8 % mehr im Vergleich zum Vorjahr und so viele wie noch nie. 73 % der Opfer sind weiblich. Das RWI zählt 464 geschlechtsspezifische vorsätzliche Tötungsdelikte an Frauen für das Jahr 2024. Davon wurden 202 vollendet. Auch in Mainz: Im April 2024 wurde eine 47-jährige Frau und Mutter von zwei Kindern von ihrem Ehemann erwürgt. Und im Juli 2024 hat ein 30-jähriger Mann in einem Mainzer Hotel zuerst seine Partnerin, eine 26-jährige Zimmerreinigungskraft, dann sich selbst durch Messerstiche getötet. „Als Entwerferinnen und Entwerfer haben wir die Verantwortung, bestimmte Dinge in unserem Gemeinwesen sichtbar zu machen und zu sensibilisieren“, findet Wolf Gutjahr. „Es geht darum, diese Botschaft zu vermitteln. Die eigentlich so selbstverständlich sein sollte, es aber leider nicht ist. Das merken wir auch an so mancher Reaktion von Passanten. Ich hoffe, dass das Projekt nicht nur bis zum 10. Dezember sichtbar ist, sondern etwas auslöst. Und die anregenden Gespräche, die wir hatten, zeigen, dass es auch wirklich Gesprächsbedarf gibt.“

 

„Wir haben Frauen, die jeden Tag Gewalt erleben und es gar nicht merken“

Blut an den Schuhen: Kunst, die Aufmerksamkeit erzeugt.

Die Orange Days wurden 1991 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen. 2011 wurde die Istanbul-Konvention verabschiedet, ein völkerrechtlicher Vertrag zur Prävention und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt. Seit 2018 ist sie in der Gesetzgebung des Bundes verankert, dazu kam im Januar 2025 das Gewalthilfegesetz. Doch der Weg zur Schaffung von genügend Schutzangeboten ist noch lang. Im letzten Jahr fehlten in Deutschland 14.000 Frauenhausplätze. Durch das Gewalthilfegesetz wird erstmalig ein individueller Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung geschaffen. Dieser soll ab Januar 2032 gelten. „Wir sprechen heute mehr über Gewalt an Frauen, trotzdem bleibt es noch immer ein Tabuthema“, meint Louise Schneider (Name geändert). Seit 25 Jahren arbeitet sie im Frauenhaus Mainz. Sexuelle Gewalt, sagt sie, sei heute noch immer mit Scham und Verurteilung aus dem Umfeld behaftet. In vielen Fällen wüssten der Freundeskreis, Lehrerinnen und Lehrer oder der Arbeitgeber nichts von der gefährlichen Situation. „Dabei hilft es dem Täter, wenn man nichts sagt.“ Auch was bereits eine Form von Gewalt ist, sei noch kein allseits verbreitetes Wissen. „Wir haben Frauen, die jeden Tag Gewalt erleben und es gar nicht merken“, meint sie. Denn Gewalt, das sind nicht nur Schläge. Psychische Gewalt – also jegliche Form von Manipulation, Beleidigung und Bedrohung – werde durch das Internet immer perfider. Die Beraterinnen im Frauenhaus Mainz beobachteten eine extreme Zunahme digitaler Gewalt durch das Manipulieren von „Smart Homes“, „Spyware“ (Verfolgungs-/Spionagesoftware) auf dem Handy, das Versenden von „Dickpics“ (Penisfotos) oder Stalking über Social Media. Mit KI können mittlerweile auch sehr einfach sogenannte „Deepfakes“ (= täuschend echte, mitunter pornografische, Bilder und Videos) erstellt werden. Damit können aus harmlosen Selfies verblüffend realistische Nacktbilder gemacht werden, bloßstellendes Erpressungsmaterial.

Die meisten Betroffenen erlebten laut Louise Schneider mehrere Gewaltformen. Oft ist die Gewalt auch sozial spürbar. Die Betroffenen werden zunehmend von ihrem Partner isoliert, und es wird ihnen stark erschwert bis unmöglich, Freunde oder Familie zu treffen. In vielen Partnerschaften haben Frauen weniger Geld zur Verfügung, etwa nur in Form von Taschen- oder Kindergeld, oder sie haben kein eigenes Konto. All diese Faktoren können den Ausbruch aus einer gewaltvollen Beziehung stark erschweren. Oft erlebe Louise Schneider in ihren Beratungen Frauen, die ihr Erlebtes kleinreden oder sogar komplett infrage stellen, erzählt sie. „Da sind oft Männer, die ihnen einreden, dass sie das Problem sind, dass sie einen an der Klatsche haben. Und die Frauen, die zu uns kommen, wollen oft nett sein, alles Recht machen und zweifeln deswegen dann auch an ihrer eigenen Wahrnehmung“.

 

Möchte sie nur, dass die Gewalt aufhört – oder will sie sich trennen?

Für Betroffene kann es sehr sinnvoll sein, sich professionell beraten zu lassen. Möchte sie nur, dass die Gewalt aufhört – oder will sie sich trennen? „Das ist für viele die eine existentielle Frage, vor allem wenn Kinder mit im Spiel sind“, sagt Louise Schneider. „Da muss auch überlegt werden, wie mit dem Partner oder Ex-Partner kooperiert werden kann.“ Neben dem Frauenhaus gibt es den Frauennotruf in Mainz. Dieser kann all jenen Hilfe bieten, die sexuelle Gewalt erlebt haben, auch wenn diese schon länger zurückliegt und wieder hochkommt. Es gibt ebenfalls eine Anlaufstelle für betroffene Männer und TIN*-Personen (trans*, inter* und nichtbinär). Die Gespräche können in Präsenz, telefonisch oder online erfolgen, eine erste Kontaktaufnahme ist auch über „Signal“ möglich. Eva Jochmann hat bereits viele solcher Gespräche geführt. Seit 1993 arbeitet sie beim Frauennotruf. Im Jahr 2024 hat die Einrichtung 310 betroffene Personen betreut sowie über 100 Angehörige und Fachkräfte. Für 2025 sei die Tendenz der Betroffenen, die bei ihnen angerufen haben, leicht steigend, sagt sie. Das Gesprächsangebot ist kostenlos und ergebnisoffen, falls nötig auch mit Hilfe einer Sprachmittlung. „Das, was die Frauen bedrückt und belastet, das ist hier Thema, und das legen wir auch nicht fest. Und wir haben eine Verschwiegenheit. Die nehmen wir auch sehr ernst.“ Ihr Team kann genau erklären, was beispielsweise bei einer Strafanzeige passieren würde und welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. Eine Psychosoziale Begleitung kann bei Gängen zur Polizei oder vor Gericht unterstützen. Denn im Fall einer Anzeige herrscht bei Sexualstraftaten Ermittlungszwang. „Das kann ein erneuter Kontrollverlust und daher sehr destabilisierend sein“. Auch können Kontakte zu sensibilisierten Therapeutinnen und Therapeuten oder eine Schuldnerberatung vermittelt werden.

 

Was Angehörige wissen sollten

„Es gibt immer viele Freunde, die in so einer Situation helfen wollen. In dem Moment, wo eine Frau ihre Beziehung dann aber wirklich beendet, ist sie oft die Böse, die sich getraut hat, so etwas zu machen,“ meint Louise Schneider vom Frauenhaus Mainz. Auch sei es nicht förderlich, wenn die Hilfe von Freunden und Familie darin umschlüge, Entscheidungen für sie zu treffen. Und auch Eva Jochmann wünscht sich mehr Verständnis. „Jede, die sexuelle Übergriffe oder Gewalt erlebt, reagiert darauf komplett anders und geht damit ganz anders um. Daraus kann man nicht schlussfolgern, wie schlimm es war oder darüber urteilen. Man kann die eigenen Vorstellungen nicht übertragen, denn in der Situation selbst ist nochmal alles anders.“ Angehörige sollten überlegen, wie sie da sein und unterstützen können, keinen Druck ausüben, nicht verurteilen. Auch jenen stehen, bei Bedarf, Gesprächsangebote wie der Frauennotruf Mainz zur Verfügung. Darüber hinaus muss weiter aufgeklärt werden, meint Eva Jochmann. „Es ist wichtig, nicht nur Unterstützungsarbeit zu leisten, sondern auch im größeren Rahmen Aufklärungsarbeit und Öffentlichkeitsarbeit zu machen, um das Thema sexualisierte Gewalt grundlegend anzugehen und da Verbesserungen für Frauen insgesamt zu erreichen.“ Zum Thema Positive Männlichkeit hatte der Frauennotruf im letzten Jahr eine Wanderausstellung präsentiert. „Es wäre insgesamt schön, wenn sich zwischen den Geschlechtern mit entsprechendem Respekt und ohne Rollenfestschreibungen begegnet würde“, hofft sie.

 

 

Hilfe für Betroffene und Angehörige

Hilfetelefon: 116 016 oder online: www.hilfetelefon.de

Frauennotruf Mainz: Telefon 06131-22 12 13 oder online

Frauenhaus Mainz: Telefon 06131-27 92 92

 

Text & Fotos: Jeanika Namislo

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