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Liebeserklärung an eine uralte Stadt am Rhein – Clara liebt Mainz

Verliebtsein und Tauben füttern am Rhein. Foto: Henriette Clara Herborn

Statt Schwerpunkt Fastnacht, machen wir diesmal was zum Thema Liebe, sagte unser Sensor-Chef Ende letzten Jahres. Daraus sind nun sogar zwei Ausgaben hintereinander geworden. Schöne Idee, mal was anderes! Jetzt, wo wir schon Amors Pfeile verschießen… Und dann wäre da noch die Liebe zu unserer Stadt und natürlich zum Sensor, die uns täglich antreibt. Mal abgesehen von der Liebe zwischen mir und besagtem Redakteur, die – rein freundschaftlicher Natur – derzeit besonders in der Zusammenarbeit erblüht. Da schreibe ich doch liebend gerne was drüber. Nämlich wie ich mich in Mainz, die Meenzer und das Schreiben verliebte. Disclaimer: Das Wort Liebe kommt in meinem Text 20-mal vor.

Mainzliebe darf wachsen

Mainz, die Perle am Rhein. Foto: Henriette Clara Herborn

Ich komme gebürtig aus Mainz, habe hier die späten Siebziger, die knallbunten Achtziger und die legendären Neunziger erlebt und auch alles, was danach kam. Als ich 1997 mit der Schule fertig war, zogen alle, die cool waren, nach Berlin. Man hatte seine halbe Jugend lang davon geträumt, von hier abzuhauen. „Mach ‘ne Flocke“, riet man mir. Und das tat ich auch. Ich reiste allein um die halbe Welt, wohnte in Berlin, Glasgow, Derry und Belfast. Surfte die Wellen Südfrankreichs, Nordspaniens und der USA. Durchritt die Sahara auf einem Dromedar, kauerte während eines Sandsturms in einem Beduinenzelt – und fühlte zum ersten Mal in meinem Leben Heimweh. Ich vermisste mein kleines, „goldisches“ Meenz, seine aufgehübschten Altstadt-Touri-Ecken, die Meenzer Mundart, „Herzlischkeit“, „Gesellischkeit“, unsere tausend Feste, die hässlichen Straßen der Neustadt, wo ich herkam (damals noch Arbeiterviertel), das wunderschöne Rheinufer zum Spazieren, Chillen und Picknicken und vor allem meine Familie und Freunde, mit denen ich mein ganzes, bisheriges Leben verbracht hatte. Meine Sehnsucht nach Mainz besiegte Fernweh und Wanderlust. Ich kehrte mit Liebe für meine Heimatstadt im Herzen zurück, studierte in Mainz, schrieb aber auch damals schon Bücher, die bei kleinen Verlagen im Umkreis erschienen, und erhielt 2007 den Literaturförderpreis der Stadt Mainz. Ich schloss mein Studium ab, arbeitete in der Kulturlandschaft unserer Landeshauptstadt und trat mit meinen Werken bei Lesungen auf. Rückblickend kann ich heute sagen, dass ich schon viele Leben mit unvorhersehbaren Wendungen in Mainz gelebt habe. Als nächstes war ich nach zweijähriger Ausbildung Yogalehrerin, nach meinem Studium Filmprüferin (FSK). Zweimal wollte ich auswandern. Doch die Liebe zu meiner Familie hielt mich hier. In den 2010ern folgte meine Zeit als Barkeeperin und Barchefin im „Kulturclub schon schön“. Ich schrieb zwei Romane und veranstaltete Lesungen sowie Literaturshows. In diesen Jahren erlebte ich unzählige herzliche Begegnungen mit Meenzer Urgesteinen, Zugezogenen sowie Menschen, die unsere Stadt besuchten, um die über die Landesgrenzen hinaus bekannte Herzlichkeit und das „Mainzgefühl“ zu erleben, die Geselligkeit, die unsere Kultur ausmacht. Meine Mainzliebe wuchs.

Mainz ist immer für eine Überraschung gut

Herbstspaziergang an der Mainzer Rheinpromenade. Foto: Henriette Clara Herborn

Nach meinen Disco-Jahren musizierte ich zwei Jahre lang, lebte von der Hand in den Mund und wunderte mich, was als nächstes kommen sollte. 2018 begann ich mit der Arbeit an meinem eigenen Herzensprojekt, welches natürlich auf meiner Liebe zum Schreiben basiert: eine Schule für Kreatives Schreiben, „Selfpublishing“ frei vom Buchmarkt und jede Menge Bücher. Meine Liebe zur Mainzer Kunstszene habe ich ja bereits in der Titelgeschichte der Oktober-Ausgabe ausführlich zelebriert. Kunst machen mit Freundinnen und Freunden, Leben und Arbeit zusammenbringen, um etwas Liebenswertes für andere zu kreieren, das ist nun meine Welt. Wie immer ist mein Medium das Wort, durch das meine Liebe zu Leben und Kunst zu euch findet. Die Menschen sind das, was Mainz zu dem macht, was es ist und – wie in heutigen Zeiten zu betonen ist – ihre Vielfältigkeit. Ja, ihr seid gemeint und die besondere Liebe einer Autorin zu ihrer Leserschaft. Als die Pandemie uns alle zeitweilig auseinanderriss, schrieben wir uns Nachrichten aufs Trottoir, trafen uns zum Spazierengehen am Rhein oder heimlich zum Feiern zuhause. Als uns der rege Austausch, wie wir ihn kennen, verboten war, merkten wir noch mehr, wie sehr wir einander brauchen.

Wobei…, mit anderen ist es ja nicht immer einfach. Ich wohne jetzt schon mein ganzes Leben lang hier und habe viele Menschen geliebt: Verwandte, Frauen und Männer, Freundinnen und Freunde, Partner und Affairen, One-Night-Stands und jahrelange Lieben, die in keine Schublade passen. Das lief natürlich nicht immer optimal ab und endete manchmal unschön. Ein paar Arschlöcher waren auch dabei – doch Mainz weiß, dass ich selbst kein Unschuldsengel bin. Einmal meldete ich mich auf eine Kontaktanzeige aus einem Mainzer Blatt. Kurz darauf saß ich in einem Altstadt-Café einem Zuhälter gegenüber, der Mitarbeiterinnen rekrutieren wollte. Ich stand unter Schock, doch mehrere Herrinnengedecke leisteten Abhilfe, bis er unverrichteter Dinge abzog. Jahre später versuchte ich es auch mal mit Online-Dating und fabrizierte so weitere Ex-Freunde in und um Mainz. Manchmal hat das Daten wirklich recht unangenehme Konsequenzen: Ich komme auf eine Party und sehe schon von der Tür aus, dass drei meiner Ex-Freunde da sind. Oh nein, jetzt unterhalten sie sich auch noch. Ich sollte einen polnischen Abgang machen. Zu spät, sie gucken rüber. Ich winke. „Die Schlinge zieht sich zu“, nennt sich das im Volksmund, oder auch „verbrannte Erde“. Manch einer würde mir sicher wieder zum Wegziehen raten. Aber ist die Liebe zu Menschen nicht an jedem Ort gleich kompliziert?

Ein kitschiges Happy End

Sommer am Winterhafen. Foto: Henriette Clara Herborn

Das Wunderbare am Älterwerden ist, dass sich eine gewisse Gelassenheit einstellt. Das Leben wird nicht gerade leichter, und so kommt man zu dem Schluss: Ich rege mich nur noch auf, wenn es was bringt. Mit den meisten Exen läuft es mittlerweile dementsprechend entspannt, sogar Freundschaften sind daraus erwachsen, die tatsächlich noch die anderen Exen der Exen und deren Neue miteinschließen. Wenn man zu einem Geburtstag eingeladen wird, ist es wie eine Familienfeier: Ich, meine Exen und deren Exen und die neuen Partnerinnen und Partner – und alle verstehen sich, weil man sich schon seit zehn, zwanzig oder sogar dreißig Jahren kennt. Ein etwas kitschiges und ungewöhnliches Happy End, findet ihr vielleicht, aber warum denn auch nicht?! Denn so macht das Weggehen am Wochenende in einen oder mehrere der süßen, kleinen Clubs um die Ecke einfach mehr Spaß: Es legt ein alter Freund auf, es tanzen diverse Nachbarinnen und Nachbarn, Bekanntschaften, Kumpels und Freundinnen auf dem Dancefloor, ein paar Exen grüßen erfreut, die Exen der Exen rufen einen herüber und machen das Handzeichen für „Kurze“, vom Tresen aus winken ein ehemaliger Barkollege und der Lieblingsredakteur vom Sensor. Den hab ich damals im schon schön übrigens mal rausschmeißen lassen, woraufhin er sich beim Inhaber über mich beschwerte. Manche Lieben brauchen eben Zeit, um zu wachsen. Doch dafür ist die Liebe immer wieder für eine Überraschung gut. Und so lernt man im Lieblingsclub noch neue Leute kennen und feiert dann mit allen zusammen. Gerade wenn man glücklich ist, geht ein Gedanke raus an die Freunde und Familienmitglieder, die nicht mehr bei einem sind, und man ist zugleich traurig, aber auch froh, sie gekannt zu haben. Und obwohl das Leben nicht immer leicht ist, scheint plötzlich alles ganz klar zu sein: Ich liebe Mainz und seine Menschen und mein Leben hier und bin dankbar, ein Teil davon zu sein.+

Text: Henriette Clara Herborn

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