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Liebe(r) online? – Die digitale Suche nach Liebe, Sex und Partnerschaft

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Frühlingsgefühle, frisch verliebt oder doch was festes, vielleicht sogar die große Liebe? Im Netz wird mehr denn je gebaggert. Was suchen wir dort eigentlich: den perfekten Partner oder einfach nur (guten) Sex? Wir stellen die gängigsten Dating-Apps und Mainzer Facebook-Gruppen vor:

Facebook-Singles
Eintreten dürfen in die Facebook- Gruppe „Singles in Mainz“ (kurz „SiM“) nur Singles; drin bleiben aber auch diejenigen, die via SiM ihren Partner gefunden haben. Mitglieder sollen sich beschreiben, präsentieren und vernetzen. Dafür sind nach Männern und Frauen getrennte „Threads“ vorgesehen und zur allgemeinen Erleichterung einige Regeln geschaffen worden. Ein identifizierbares Profilbild und die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme müssen gegeben sein, sonst wird man blockiert oder erst gar nicht aufgenommen.

SiM ist für Jung und Alt (ab 18 Jahren), für Homosexuelle lohnt sich die Gruppe aber eher nicht. Gemeinsame Unternehmungen und Stammtische stehen auf dem Programm, werden allerdings zumeist von den Aktiven genutzt. Die meisten Mitglieder halten sich dezent zurück. Die Gruppe hat 1.380 Mitglieder (Stand Mai 2015), zwei Drittel davon Männer.

Sandra ist seit einem Jahr bei SiM angemeldet. Ihre längste Beziehung hielt sieben Jahre, das ist nun schon fast zehn Jahre her. Seit sie Ende 30 ist, sei es noch schwieriger, bestehende Freundschaften zu pflegen und vor allem neue zu finden, oder überhaupt Leute zu haben, mit denen sie abends weggehen und feiern kann. Ihre Freunde sind mittlerweile zumeist Eltern und haben andere Interessen als Party. Eine Kontaktanzeige kam für sie trotzdem nie in Frage. Bei SiM sieht Sandra einen Mehrwert: Sie möchte im geschützten Rahmen respektvoll Freunde oder indirekt einen Partner finden, statt „anonym“ Männer kennen zu lernen.

Einsamkeit hat keine Chance
Gruppen wie diese oder auch die beliebte Facebook-Gruppe „Neu in Mainz“ (5.250 Mitglieder, Stand Mai) helfen, der drohenden Single-Einsamkeit vorzugreifen. Bei Stammtischen und Gruppen-Events war Sandra schon dabei, Speeddating hat sie noch nie ausprobiert, möchte sie aber schon einmal. Ihr Ziel ist es, einen Freundeskreis mit ähnlichen Interessen zu finden. Klingt zwar mehr nach Verein oder Familienersatz als nach Partnersuche, könnte aber gerade deswegen aussichtsreich sein.

Sven (31 Jahre) ist der Gruppe „SiM“ schon vor Jahren aus Neugier beigetreten. Damals waren Single-Gruppen noch nicht weit verbreitet, die Gruppe hatte etwa 130 Mitglieder. Erst später fiel ihm auf, dass sie vergleichsweise gut strukturiert und organisiert ist. Regeln wurden von Anfang an gut kommuniziert und durchgesetzt. Ihn nervte nur, dass die Mädels stets erwarten, der Mann solle den ersten Schritt machen, z. B. eine Nachricht schicken.

Einige Mädels haben ihm erzählt, dass sie mit Nachrichten geradezu bombardiert werden. Originelle Kreativität ist daher gefragt, ein einfaches „Hi, wie geht‘s?“ oder „Wow, tolles Profilbild“ bringt da wenig. Schwierig bloß, wenn „Sie“ wenig über sich preisgibt, im Profil kaum mehr als das Profilfoto zeigt und sich im Gruppenthread nicht vorstellt. Sein Fazit: „Ich bin lieber in meiner Freizeit viel unterwegs und lerne Leute kennen. Das regionale Onlineflirten sehe ich als Ergänzung.“

Massen-Apps Tinder & Co
Dating-Apps in Deutschland wachsen rasant. Ob Tinder, Badoo, Jaumo, Zoosk oder Lovoo, vom Bildschirm aus Leute kontakten und der „ungefährliche“ Kitzel dabei lockt die User in Scharen. Beinahe alle Apps laufen nach den gleichen Prinzipien ab. Wir konzentrieren uns hier auf Tinder, die App für die „Schnellen“. Tinder (tinder. com) gibt es in knapp 200 Ländern. Die App soll das Kennenlernen von Menschen in der näheren Umgebung erleichtern und wird zur Anbahnung von Flirts oder zum Knüpfen von Bekanntschaften verwendet.

Diese Hoffnung hat bereits 10 Mio. Nutzer angelockt, sagt das Unternehmen, 62 Prozent davon männlich. Tinder-Konten lassen sich anonym über das Facebook-Profil erstellen. Der Dienst benutzt dabei den Vornamen und das Alter des Benutzers und wählt bis zu fünf Fotos als Profilbilder aus. Zudem kann man sich mit einem kurzen Text beschreiben. Die meisten kommen hier über abgegriffene Zitate nicht hinaus, bei Frauen besonders beliebt ist „live, love, laugh“.

Anhand dieser vielschichtigen Informationen – aber in der Regel nur nach einem Blick auf das erste Foto – entscheidet der User, ob ihn eine Konversation mit der Person interessiert. Ist dies der Fall, wird das Foto nach rechts gewischt. Falls die Person als unattraktiv empfunden wird, wischt man das Foto nach links: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Nirwana. Eine ziemliche Wischerei bis der Daumen brennt.

So kann sich die Generation Maybe zumindest ganz spielerisch ans Entscheiden gewöhnen. Und auch das Ergebnis ist für manche Narzissten wie ein Ego- Pusher: Ha, fünf Frauen oder Männern gefalle ich! Daraus entwickelt sich nicht zwangsläufig ein Kontakt. Oft bleiben Gespräche aus, Hauptsache man weiß, dass der andere einen heiß findet ergo der Marktwert stimmt. Dementsprechend sind Fotos häufig inszeniert, nicht selten unfreiwillig komisch. Beliebt sind in der Regel Urlaubsfotos: „Sie“ mit verklärtem Blick am Meer, „Er“ mit Surfboard unterm Arm.

Tinders Zielgruppe sind Frauen und Männer zwischen 18 und 35 Jahren. Die Marktforscher von GlobalWebIndex haben kürzlich bekannt gegeben, 42 Prozent der Tinder-User seien keine Singles und mehr als zwei Drittel dieser „Vergebenen“ verheiratet. Tinder hat dafür seine ganz eigene Erklärung: Schließlich suchten Menschen in der App nicht nur romantische oder erotische Verwicklungen, sondern auch Freundschaften.

Der moderne Mensch befindet also nicht nur über potenzielle Affären, sondern auch über Freunde nach deren Aussehen. Entgegen gängiger Meinungen ist Tinder keine Plattform, auf der man sich zu schnellem Sex verabredet. (Hierzu besser die „Fickbörsen“ siehe nächster Absatz nutzen) Die meisten Frauen schreiben bereits im Text: „Keine ONS“ – bedeutet soviel wie: Keine One Night Stands.

Wird bei Tinder also doch die große Liebe gesucht? Kommt ganz auf das Land und die Person an. Frauen sind generell wählerischer als Männer. Aber egal, wie der Kontakt nun ausgeht und ob man das Ganze jetzt scheiße findet oder nicht, oder ob das Kennenlernen in der virtuellen Welt nur etwas für Loser und Freaks ist: Tinder macht Spaß, ist schnell und unverkrampft.

Die App offeriert einem nicht Mr. Right, sondern schafft schnell und unkompliziert die Möglichkeit, Menschen kennen zu lernen, ein wenig Nervenkitzel oder wenigstens darüber zu lachen. Den weiteren Lauf der Dinge kann man ohnehin nicht beeinflussen – egal, ob man sich nun durch Zufall im Supermarkt begegnet oder bei Tinder dem „Glück“ ein wenig auf die Sprünge hilft.

Schneller Sex? Die Fickbörsen
Bei den so genannten Fickbörsen geht es primär um Sex: „Poppen“ (Gründung 2001, angeblich 4 Mio. Mitglieder) und „Secret“ (Gründung 2011, hat angeblich 67 Mio. „geheime Abenteuer“ ermöglicht) sind in Basisversion und Registrierung gratis, Premium- Accounts mit zusätzlichen Features kosten extra. Fotos sind bei beiden Apps meist freizügiger als bei „normalen“ Portalen, oft auch anonymisiert, ansonsten ist vieles ähnlich. Bei beiden Apps besteht die Möglichkeit, Vorlieben anzugeben und mit potenziellen Partnern abzugleichen – von „zart und kuschlig“ über „krass, was ist das denn“.

Mädels werden mit Nachrichten überschüttet und kommen kaum dazu, all diese abzuarbeiten. Viele Vergebene bezwecken hier diskrete Seitensprünge oder suchen Spielpartner zum Partnertausch. Die User haben offenbar ein „selbstbestimmtes“ Verhältnis zu ihrer Sexualität, oder können die körperliche gut von der emotionalen Ebene trennen. Bei einigen Profilen merkt man dennoch, dass der Wunsch nach einer klassischen Partnerschaft zumindest vage besteht. Viele Männer fallen aber lieber direkt mit der Tür ins Haus und schreiben poetische Einzeiler wie „Na, Lust zu poppen?“.

Die meisten Damen möchten jedoch auch hier charmant angesprochen und umworben werden. Wir zitieren eine Userin: „Fuck my brain first, then my body”. Einige Nutzer von Poppen.de konnten trotz Rückschlägen einige Dates ergattern, wobei hier eher von Gleichgeschlechtlichen und Bi-Treffen berichtet wurde. Ebenfalls beliebt scheinen Partnertausche etc. zu sein. Wer als Mann einen schnellen F*** sucht, der könnte jedoch in der Kneipe nebenan oder im Supermarkt (vor allem REWE am Bahnhof) besser beraten sein als bei Poppen.de.

Mutig sein
Ob wahre Liebe, Abwechslung oder beides, online wie offline gibt es die Wahl zwischen Abwarten und Beschleunigen, Zufrieden sein und Streben nach Neuem. Verkuppelt werden kann helfen, Prostitution mag ein Feld für manche sein, aber spontan Mut, Charme und Witz zu beweisen bleibt der Renner, egal ob im Netz oder im realen Leben. Das Partnerglück finden wir jedenfalls nicht allein im Internet.

von Herrmann Michels, Sven Lichter, Dafne Daubinger und Mareike Montana
Illustration: dainz.net