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Leben aus der Mitte – Das Zen-Zentrum Mainz

„Der Geist ist unruhig wie ein wilder Affe“, heißt es im Zen. Er springt von Baum zu Baum und sucht nach jeder Ablenkung. Ein wenig Beruhigung in schnelllebigen Zeiten bietet das Zen-Zentrum Mainz in der Mittleren Bleiche. Wer über dem türkischen Günay-Supermarkt die Treppen besteigt, findet sich plötzlich in einem großen Saal mit Parkett wieder, nebst einer schönen Dachterrasse im japanischen Stil. Hauptbereich ist ein lichter Meditationsraum mit reichlich Plätzen, ausgerichtet auf einen schlichten Holzaltar. Hier erteilt das Ehepaar Christian und Dr. Natalia Kopfer spirituellen Unterricht. Oder auch „einfach“ nur Meditation.

Der geistige Weg

Die Mitt-Fünfziger haben ihre weltlichen Ambitionen als Sportlehrer und Diplom-Biologin fallen gelassen und sind seit Jahren selbst Schüler des Zen-Meisters Zensho W. Kopp in Wiesbaden, wo sie auch wohnen. Finanziert wird ihr Zentrum durch Mitgliedsbeiträge und den Verkauf der Kunst von Christian. Seine Holzarbeiten und Gemälde sind im Zentrum reichlich zu sehen: Zen-Motive, Kalligrafien, Meditationsbänkchen und Hausaltäre. „Zu uns kommen auch viele Menschen wegen der Kreativität“, sagt Christian. Zen unterstütze dabei. Denn häufig gehe die Kreativität im Laufe eines Lebens verloren. „Die Zen-Meditation aktiviert das schöpferische individuelle Potenzial eines jeden.”

Sich miteinander ergänzen

Das ungleich wirkende Paar ergänzt sich. Er, die rheinische Frohnatur aus Düsseldorf, Sport Studium, Shaolin-Lehrer, sieben schwarze Gürtel. Sie promovierte Biologin, mit Feingefühl und Blick fürs Detail. Er kann gut vor Leuten reden und Feuer entfachen für die Sache, sie ergänzt, rundet ab, komplettiert. „Wir verstehen uns als Lebenskünstler“, sagt Natalia. Das ist aber nicht nur leicht. „Man muss den Mut haben, sich vom Denken zu lösen. Mit dem Verstand kommt man an gewissen Themen nicht ran.“ Mit diesem Hintergrund begleiten sie die Meditationen jeden Dienstag- und Freitagabend. Dann kommen die „Schüler“, aber auch Neulinge sind gern gesehen. „Entscheidend ist der Schülergeist“, sind sich beide einig. „Den musst du auch als Lehrer haben. Der offene Geist, das ist das schöne. Sonst wäre es nicht authentisch“, sagt Christian. Daneben gibt es auch die Möglichkeit zum Einzelgespräch. Hier hat der Zen-Schüler Gelegenheit, persönliche Fragen, die seine geistige Entwicklung betreffen, oder alltägliche Lebensfragen vorzubringen.

Einfach in der Gruppe

Zen ist ursprünglich aus dem Buddhismus entstanden, gelangte über Indien nach China, dann nach Japan und schließlich zu uns in den Westen. Seinem Wesen nach ist es jedoch nicht an eine bestimmte Religion oder Kultur gebunden. Oft wird gesagt, dass Zen „nichts“ biete: keine Lehre, kein Geheimnis, keine Antworten. Es bedeute, das Leben zu leben – in seiner ganzen Fülle. Zen entzieht sich der „Vernunft“ und wird daher oft als „irrational“ empfunden. Es zielt auf die Erfahrung und das Handeln im gegenwärtigen Augenblick und umfasst auf diese Weise Gefühl, Denken und Empfinden. „Wichtig bei uns ist auch das Buddha-Feld“, sagt Christian, „also die Meditation in der Gruppe. Das ist was anderes als alleine zu Hause. Das gibt nochmal mehr Kraft.“ Ihren Status als „Lehrer“ sehen beide da ganz praktisch: „Manchmal braucht es jemanden, der inspiriert oder weiter hilft. Daher auch die Einzelgespräche. Der Sinn dabei ist, dass die Menschen mehr in ihr Herz oder Bauchgefühl kommen und weniger im Kopf sind. Es geht um Vertrauen und darum, sich nicht zu sehr vom Ego leiten lassen.“

Die Praxis

In der Zen-Praxis wird zumeist gesessen: das Zazen. Die Beine sind ineinander geschlagen, der Rücken gerade und die Hände ineinandergelegt. Ein anderer, wichtiger Teil besteht aus dem Meditationsgehen, dem Kinhin. Es wird zwischen zwei Zazen geübt. Während des Gehens im Rhythmus der Atmung richtet sich die Konzentration auf jeden Aspekt der Haltung. Man konzentriert sich so auf die Aktivität, die man gerade in diesem Augenblick ausübt, ohne anderen Gedanken nachzugehen. Beide Übungen ergänzen einander und sind dazu gedacht, den Geist zu beruhigen und die „Gedankenflut“ einzudämmen. Danach halten Christian oder Natalia noch einen Vortrag, meist mit ein wenig Humor, der beiden wichtig ist. Wer reinschnuppern möchte, dem sei die Probemeditation empfohlen. Das Zen-Zentrum Mainz lädt zudem regelmäßig zu Vorträgen und Meditationen zu den großen Themen des Lebens ein, wie Liebe, Achtsamkeit, Selbsterkenntnis und Glücklich-Sein.

30.11. Stille finden inmitten einer hektischen Welt

18.01. Wesentliches aktivieren – Unwesentliches loslassen

www.zen-mainz.de

Text David Gutsche Fotos Katharina Dubno

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