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Interview mit Katrin Eder (Dezernentin für Umwelt, Grün, Energie und Verkehr)

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Was sind aktuell Ihre größten Herausforderungen?

Das ist sicherlich die Fertigstellung der Mainzelbahn zum Dezember, dann die Baustellen-Situation generell sowie der Umbau der Bahnhofstraße und der Großen Langgasse. Zudem der Bau des Fahrradparkhauses am Bahnhof, der Abriss der Mombacher Hochstraße bis 2020 und natürlich das Thema Fluglärm. Hier soll es künftig eine Lärmobergrenze geben. Auch läuft gerade das Verfahren um den Layenhof bei Finthen. Die Wiesen im Umfeld sollen zum Naturschutzgebiet werden.

Werden die Baustellen weniger, wenn die Mainzelbahn vorbei ist? 

Das hat auch mit der generellen Neubau-Situation zu tun, zum Beispiel um das Archäologische Zentrum herum oder der Erschließung des Zollhafens. Das sind alles Projekte, die Infrastruktur brauchen und insofern macht das viele Baustellen aus. Zudem ist das Netz unter der Erde in die Jahre gekommen, das heißt die Stadtwerke und die Kommunikations-Dienstleister gehen verstärkt an die Leitungen heran.

Der Punkt ist: Die städtischen Baustellen sind in der Zahl die geringsten. Die Versorgungsunternehmen dürfen jedoch nach Bedarf an ihre Netze – und diese vielen Einzelbaustellen in eine Koordinierung einzubeziehen, ist schwierig. Wir gehen aber davon aus, dass sich die Situation nach der Fertigstellung der Mainzelbahn etwas entspannt.

Sie engagieren sich sehr für den Radverkehr. Der wird immer mehr?

Ja, der Radanteil am Verkehr ist in den letzten sechs Jahren von 12 auf 20 Prozent gestiegen. Das ist ein Wachstum weit über dem Bundestrend und macht uns stolz. Dieser Zuwachs ist nicht nur auf die gelben MVG Räder zurückzuführen, obwohl diese hilfreich sind, den Trend zum Rad weiter zu fördern.

Die Radwege-Situation ist aber immer noch nicht ideal. Warum wird nicht mehr getan?

In meiner Amtszeit ist schon einiges gemacht worden. Wir wollen nicht einfach nur, dass die Leute Rad fahren, sondern, dass der Umweltverbund (ÖPNV, Car Sharing…) stärker genutzt wird. Bei den Radwegen ist der Punkt: Wenn man neue Infrastruktur braucht, muss man jemand anderem etwas wegnehmen. Die Straßenverkehrsordnung und das Bundesverwaltungsgericht sagen, dass das Fahrrad auf die Straße gehört, weil es ein Fahrzeug ist. Also heben wir die Nutzungspflicht der Radwege auf und holen den Radverkehr zurück auf die Straße. Ich weiß, dass dies zunächst große Überwindung kostet. Aber ich kann nur jedem Radfahrer sagen: Traut euch! Auch die Polizei kann nachweisen, dass es sicherer ist, sich im Blickfeld der Autofahrer zu bewegen.

Das ist jetzt natürlich eine Steilvorlage für alle Autofahrer. Es heißt, Sie vergraulen diese?

Wir machen das nicht zum Spaß. Außerdem hat die Deutsche Umwelthilfe Klage gegen die Stadt Mainz erhoben und will ein Dieselfahrverbot durchsetzen. (siehe Seite 14). Wir haben in der Stadt ein massives Problem mit der Stickstoffbelastung und ein Lärmproblem. Im Innenstadtbereich gibt es die schlechteste Luft. Das macht schleichend krank und es ist unsere Aufgabe als Stadt, die Gesundheit unserer Bürger zu schützen.

Ich halte es für einen Erfolg, den Individualverkehr um drei Prozent gesenkt zu haben. Und wir sehen an den Zahlen auch, dass die junge Generation bis 30 oftmals kein eigenes Auto mehr hat. Das ist auch ein Generationenthema. Jahrelang wurden die Augen davor verschlossen, dass es mehr Radfahrer gibt. Wir versuchen, es jetzt besser zu machen.

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Sie sind waschechte Mainzerin?

Ja, ich bin hier geboren, war auf der Maria-Ward-Schule und habe Politikwissenschaft im Hauptfach an der Uni studiert. Danach habe ich im Bundestag für Ulrike Höfken gearbeitet, die heutige Umweltministerin im Land. Dann war ich bei der TBS gGmbH, einer Tochter des DGB angestellt. Seit 1999 bin ich Mitglied des Stadtrates. 2011 wurde ich dann zur Dezernentin gewählt.

Und natürlich auch großer Fußball-Fan?

Ja, ich bin Mitglied bei Mainz 05. Mein erstes Spiel war 1996. Ich habe die Übertragung des 4:5-Aufstiegsdramas gegen den VfL Wolfsburg im Volkspark gesehen und das hat mich dann angefixt. Man kann mal schreien und singen und sich auf etwas ganz anderes konzentrieren. Dabei bin ich schon tausend Tode gestorben. Fußball ist ein Stück Emotionalität und man kriegt den Kopf frei.

Sie reisen auch gerne?

Ja, das hat sich in den letzten Jahren entwickelt. Reisen erweitert den Horizont und es ordnet Dinge anders ein. Dieser Planet ist so wahnsinnig schön und es lohnt sich, ihn zu schützen. Wenn man z. B. sieht, wie trocken es in vielen Regionen Afrikas ist und dass die Leute von 200 Euro Monatslohn Wasser für 1 Euro pro Flasche kaufen müssen, oder wenn man sich die Erdöl-Förderung im Regenwald anschaut, rückt das einiges gerade.

Letztes Jahr habe ich in Afrika auf einer Farm gearbeitet. Dort wurden angeschossene Tiere gepflegt und wenn möglich wieder ausgewildert. Es ist erschütternd, wenn man erfährt, wie unser Lebenswandel das Artensterben und die Lebensbedingungen der Menschen beeinflusst. Aber es muss nicht immer die große weite Welt sein. Kürzlich war ich auf dem Rheinsteig wandern oder Radfahren an der Nahe. Ich genieße es sehr, Natur zu erleben.

Womit können Sie noch entspannen?

Am liebsten mit meinen Freunden. Die kennen mich einfach und viele davon auch noch aus der Zeit, bevor ich Dezernentin wurde. Da kann ich einfach ich selbst sein. Ansonsten lese ich noch gern, im Moment „Das achte Leben“ von der georgischen Schriftstellerin Nino Haratischwili. Auch gerne Bücher, die an anderen Orten auf dieser Welt spielen. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist  „Wassermusik“ von T.C. Boyle. Da geht es um die Entdeckung Afrikas. Oder was ich auch sehr spannend fand, war  „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini. Also vor allem gerne Bücher über andere Kulturen, andere Zeiten oder die Entdeckung der Welt. Und natürlich auch Serien wie Game of Thrones, alles, was einen in andere Welten entführt.

Und wie ist das so, als bekannte Politikerin in der Stadt unterwegs zu sein?

Es ist schwieriger geworden. Ich werde häufig angesprochen, im Guten wie im Schlechten. Die Hemmschwelle ist bei manchen Menschen aber erheblich gesunken. Bei bestimmten Themen, wie der Schließung der Schiersteiner Brücke etwa, wurde ich mit viel Hass konfrontiert. Da findet schon eine Grenzüberschreitung statt. Auch die sozialen Netzwerke bringen eine neue und nicht immer bessere Form der Diskussionskultur mit sich.

Wie viele Menschen, die sich politisch engagieren, erlebe ich Shit-Storms, kriege Briefe und werde auf offener Straße angesprochen und manchmal auch beschimpft. Es ist nicht immer einfach, mit solchen Situationen umzugehen. Dabei helfen dann aber auch positive Rückmeldungen. Daher ist mein Lebensmotto die alte Radfahrerregel: „Wenn es bergab geht, geht es auch wieder bergauf“.

Interview: David Gutsche  Foto: Jana Kay