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Auf hoher See: Wohnen auf einem Boot im Budenheimer Hafen


Von Jelena Pecic
Fotos Frauke Bönsch

„Mein Hafen ist wie ein schwimmender Campingplatz mit den entsprechenden Campingplatzgestalten – nur in witzig.“ Bootbewohner Leo Hieronymi lebt seit knapp zwei Jahren auf seinem Boot „Nette“ im Budenheimer Hafen. Der 24-jährige Literaturstudent hat sich für das Wohnen auf dem Wasser entschieden, als sich seine Wohngemeinschaft in der Mainzer Neustadt aufgelöst hat: „Am Anfang fühlte es sich im Vorlesungssaal manchmal an, als wäre ich auf See und umgekehrt, aber man gewöhnt sich schnell an das Wackeln und nach drei Bier merkt man es sowieso nicht mehr.“ Das Boot hat Leos Vater vor zehn Jahren erworben. Der Gas- und Wasserinstallateur entschied sich für das Hobby, weil es familienfreundlicher ist. Bevor es das Boot gab, verbrachte er seine Freizeit mit dem Fliegen von Drachen und Ultraleicht-Flugzeugen, doch das nahm viel Zeit in Anspruch und er konnte niemanden mitnehmen. Inzwischen verbringt die Familie aus Oberursel ihre Ferien damit, Bootsfahrten nach Belgien, Frankreich oder Holland zu machen. Leo und sein jüngerer Bruder schließen sich den Eltern manchmal an. Einen Bootsführerschein hat der 24-Jährige noch nicht, doch das möchte er nachholen, sobald er etwas mehr Zeit hat. Gleichzeitig sagt er, dass er das Boot sehr vermissen wird, wenn er Mainz verlässt, um in einer größeren Stadt seinen Master zu machen. Doch sollte er in Hamburg oder Berlin landen, bestünde die Möglichkeit, sich vielleicht einen kleineren Ersatz an Elbe oder Spree anzuschaffen.

Leben im Naturschutzgebiet
Das erste halbe Jahr auf „Nette“ verbrachte Leo im Mainzer Winterhafen. Als aber eines Tages der Steg überflutet war und er nicht mehr an die Uni kam, war ihm „das dann zu blöd“. Inzwischen steht sein Boot im Budenheimer Hafen. Fernab von jeglichem Stadtleben fühlt es sich an wie Urlaub, wenn er den Steg betritt. Und gerade das ist es, was er so sehr schätzt: die Ruhe, die Natur und die Tiere um ihn herum, denn Leo und Nette leben in einem Wasserschutzgebiet. Internet gibt es auf dem Boot nicht, lediglich einen Fernseher mit DVBT-Anschluss. Abends muss Leo vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause kommen, denn Straßenlaternen gibt es hier auch nicht. „Häufig suche ich mir bei gutem Wetter abends ein nettes Plätzchen in der Nähe und genieße noch den Sonnenuntergang.“ Leo hat einige Lieblingsorte in und um den Hafen, zum Beispiel einen kleinen Strand in einer Bucht, an dem er sich sonnen kann. Und manchmal macht er spaßeshalber Musik von Hans Albers an und setzt dazu seine Kapitänsmütze auf.

Im Winter wird’s richtig kalt
Um zu „Nette“ zu gelangen, muss der Student mit einem kleineren Beiboot vom Ufer übersetzen. Und auch das Beiboot hat einen Namen und eine Geschichte: „Einmal hat mein Vater meinen Geburtstag vergessen. Deshalb hat er als Wiedergutmachung das kleine Boot nach mir benannt.“
„Nette“ hingegen stammt aus den 30er Jahren, ist schmal und lang und bietet genügend Platz für eine Person, die sich entschieden hat, dauerhaft auf ihr zu leben. Der Esstisch lässt sich im Handumdrehen zu einem Bett verwandeln, während in der Küche ein Gasherd, fließendes Wasser und ein Kühlschrank vorhanden sind. Auch ein Badezimmer gibt es, in dem fehlt allerdings die Dusche, weil sie sich an Deck befindet. Also muss Leo zu jeder Jahreszeit und Wetterlage im Freien duschen. Im Winter kommt es nicht selten vor, dass er nachts in seiner Jacke schläft, denn eine Heizung gibt es auch nicht.
Trotz der guten Ausstattung für längere Seefahrten ist das Boot kein Hausboot, aber Leo sieht über solche Tatsachen hinweg, da er das Leben auf der „Nette“, solange er noch in Mainz studiert, nicht mehr gegen das in einer normalen Wohnung tauschen möchte.