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Im Norden viel Neues: “Planke Nord” und “Wildes Leben” – Offizielle Eröffnung am 31. August

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von Felix Monsees, Fotos: Daniel Rettig

Hinter dem Frauenlobplatz besteht die Mainzer Neustadt vorwiegend aus Waschbeton und Nachkriegsbauten. Hier gibt es nur wenige schönen Altbauten, der „geschlossenen, gründerzeitlichen Blockrandbebauung“, wie der Fachmann sagt, die in der südlichen Neustadt und vor allem rund um den Gartenfeldplatz reichlich vorkommen. Im nördlichen Teil des Quartiers hingegen stammen die meisten Gebäude aus den 50er bis 70er-Jahren. In der Wallaustraße 31 zum Beispiel strahlt ein mehrstöckiges Wohnhaus mit einem Supermarkt im Erdgeschoss und betongrauem Vorplatz sozialistischen Charme à la Plattenbau aus. Hier haben sich Alexandra Döring und Nina Wansart einen Traum verwirklicht und ihr eigenes Café eröffnet: „Wildes Leben.“
„Es bringt der Neustadt nichts, wenn sich alles auf einen Fleck konzentriert“, sagt Nina über den Standort abseits der einschlägigen Adressen. Auch einrichtungstechnisch sind die beiden Anfangsdreißigerinnen einen anderen Weg gegangen. Statt Vintageniedlichkeit herrscht Klarheit, Holz und Metall. Dazu kommt Sichtbeton, weil Teile der Deckenverkleidung entfernt wurden und den Blick auf das nackte Grau erlauben. Die spartanischen Holztische wurden aus den Resten der Bibliothek des mittlerweile abgerissenen Instituts für Kunstgeschichte geschreinert. Neben der Wandtafel, auf der mit Kreide Getränke und Speisen stehen, sind zwei gemalte Pferde mit wehenden Mähnen der einzige Wandschmuck. „Wir kennen uns über unsere Pferde, die im gleichen Stall stehen. Deshalb war klar, dass irgendwas mit Pferden kommen musste“, erzählt Alexandra. „Aber nicht zu niedlich“ – dafür sorgt der Pferdeschädel im Regal. „Den findet man, wenn man im Internet Pferdeschädel eingibt“, erklärt Alexandra die Geschichte hinter dem Fund.

Sprung in die Selbstständigkeit
Für Alex und Nina ist ihr neues Café der Sprung aus der Regelbeschäftigung. Nina hat ihr Promotionsstudium letztes Jahr zugunsten des Café- Projekts „Zum Bauwagen“ ruhen lassen. Den Sommer über verkaufte sie mit einer Freundin am Rheinufer aus einem Wagen kalte Getränke und Snacks. Und zog so an Sommerabenden viel Publikum auf ein kleines Stück Wiese am Rhein. Eines Abends erzählte ihr Alexandra, dass sie ihren Job in einer Recruiting- Firma geschmissen hat. „Ich habe einen Herzinfarkt bekommen als ich im Arbeitsvertrag gelesen habe: erlischt mit Pensionseintritt.“ Die unbefristete Stelle wurde gekündigt und nun startet für beide das wilde Leben als Selbstständige. „Der Name hat keine unfassbar tiefe Ebene“, erklärt Alexandra die Bedeutung von „Wildes Leben“. Anderthalb Jahre standen die Räumlichkeiten leer, jetzt soll nicht nur der „Café trifft Barbetrieb“ für Leben sorgen. Nähworkshops oder „Heimwerken für Männer“ („Der urbane Mann sollte einen Hammer halten können“, findet Nina) laden zu Erlebnissen ein. Die lange Tafel soll Begegnungen erleichtern. Das gastronomische Angebot kommt einem aus dem Café Zum Bauwagen bekannt vor. Es gibt eine Auswahl trendiger Biere aus der Flasche, Weine aus Bodenheim und Kleinigkeiten zum Essen. Das sensor-Rezept des Monats ist ein Zwetschgenkuchen nach dem Rezept von Ninas Oma. „Der gelingt immer“, verspricht sie. Er steht für die Eigenschaften, die die Küche im „Wilden Leben“ ausmachen sollen: saisonal und regional. Und er schmeckt gut.

„Die Gegend wird kommen”
Noch ist im Norden nicht viel los. Doch bald wird hier das wilde Leben herrschen. Ungefähr 130 Jahre nachdem der Stadtbaumeister Eduard Kreyßig die ersten Entwürfe zur Stadterweiterung der Neustadt vorlegte, wird mit der Umnutzung des Zoll- und Binnenhafens das Quartier abermals erweitert. Und auch der Norden der alten Neustadt wird um Wohneinheiten – sogar einen ganzen Quartiersplatz – erweitert und somit zur Mitte des neuen Wohnviertels. Spätestens 2016, wenn die Bundeswehr die alte Kommissbäckerei verlässt (die sie momentan als Lager nutzt), könnte dort mit dem Projekt Kulturbäckerei ein neuer Anlaufpunkt entstehen. „Die Gegend wird kommen“, ist sich Nina sicher. Das liegt auch am Zweitjob der beiden Café-Betreiberinnen. Sie gehören zu den sieben Gesellschaftern der „Planke Nord“. Dazu kommen noch die Jungs vom „Gebaeude27“, einem Veranstaltungsraum auf dem Gelände des Nordhafens. Im Mai hatte die Gruppe von Kreativen um die 30 Jahre die Ausschreibung um einen Biergarten auf dem Gelände am nördlichen Zollhafen gewonnen. Seitdem konnte die Öffentlichkeit die Baufortschritte auf der Planke in kleinen Videos verfolgen und dabei Däumchen drehen anstatt Bier zu trinken. Die teilweise Kritik an der Wartezeit auf den Biergarten findet Nina ungerecht. In einer Karikatur wurde die Eröffnung im Winter mit Glühweinstand prophezeit. „Ein Bauantrag dauert halt drei Monate“, rechtfertigt sie die Verzögerung. Auch Sebastian Zimmerhackl, Mitgesellschafter der Planke Nord, ist überrascht: „Wir haben im Mai von der gewonnenen Ausschreibung erfahren. Dann haben wir drei Wochen gebraucht, um das Konzept in Details nachzuarbeiten.“ Vieles auf der Planke Nord ist selbst gebaut, wie der Zaun aus alten Fahrrädern, der allen Unkenrufen zum Trotz (zu viele Löcher, scharfkantig) von der Stadt abgenommen wurde. Tanzfläche und Tribüne sind aus Europaletten geschreinert. Strandsand und Grünflächen wurden angelegt. In monatelanger Arbeit und mit viel Unterstützung von Freunden und Bekannten hat die Planken-Crew daran geschraubt. Der Standort im Norden, weitab vom Schuss, ist für Mitgesellschafter Flo Kuster ein Vorteil. „Das Leben verlagert sich in die Neustadt und somit hierhin, wenn man in der Stadt keinen Krach machen darf.“

Kunst statt Kalorien
Bis zuletzt war die Eröffnung der „Planke Nord“ eine Hängepartie, bis endlich alle Genehmigungen vorlagen. Als es so weit war, mussten Alex und Nina gleich zweimal Eröffnung feiern. Nur wenige Tage vorher öffnete ihr Café ebenfalls die Pforten. Mit dem Fahrrad können sie jetzt innerhalb von Minuten zwischen beiden Jobs pendeln. Weil sie für das „Wilde Leben“ bereits auf Ämtermodus geschaltet waren, hatten Nina und Alex auch die Behördengänge für die Planke unternommen und konnten viele Anträge für beide Betriebe gleichzeitig stellen. Einen Gang haben sie sich allerdings gespart. Speisen wird es im Biergarten erst im nächsten Jahr geben. Den Behörden-Hickhack für die Einrichtung einer Gastronomieküche wollte man sich noch nicht geben. Wer nicht nach ein, zwei Bier hungrig bleiben möchte, muss sich also eine Stulle einpacken oder kann einfach zum Imbiss „Schorsch“ um die Ecke gehen. Für geistige Nahrung wird ein Kunst-Container sorgen, der vom Kunstverein Peng kuratiert wird. Regelmäßig sollen regionale Bands und DJs über die Mainzer Künstleragentur „Musikmaschine“ für Musik sorgen. Und wenn schon nicht gekocht wird, wird zumindest gebraut. Peng-Chef und Kleinbrauer Andreas Fitza unterhält auf der Planke seine Bierbotschaft. Regelmäßig sollen dort qualitative Biere im Stil amerikanischer Kleinbrauereien gebraut werden. Die verbleibende Biergartentaugliche Zeit soll als Testballon für das nächste Jahr dienen, wenn die Planken-Saison vielleicht schon im Frühling anfängt. Auf weitere Zuwächse sind wir gespannt.

Nach dem Soft-Opening am 17. August folgt am 31. August übrigens die “richtige” Eröffnung der PLANKE NORD am Zoll & Binnenhafen.
Mit LIVEMUSIK: DJs: S O U L P A R L O R (http://www.soulparlor.com/) – Nothing Ever Changes feat. Jacob Vetter, (http://www.youtube.com/watch?v=i9bXlKRKLc8)

Wildes Leben Café, Wallaustraße 31

Planke Nord, Am Zoll-/Nordhafen

Nordhafen

Gebaeude27, Rheinallee 88

Rezept für Omas Zwetschgenkuchen mit Streuseln
1 kg Zwetschgen, Kuchenteig: ½ Päckchen frische Hefe, 40 g Zucker, 1/8 l lauwarme Milch, 250 g Mehl, ½ Tl Salz, 1 Ei, 40 g Butter, Streusel: 100 g Butter, 80 g Zucker, 1 Packung Vanillezucker, 200 g Mehl.
Den Ofen auf 200 °C Umluft vorheizen. Zwetschgen halbieren und entkernen. Hefe zerbröseln und mit der Milch und Zucker in eine Schüssel geben. Mehl darauf schütten, eine Kuhle hineindrücken und das Ei, Salz und die Butter in Flocken hinein geben. Den Teig auf ein eingefettetes Blech geben und für weitere 20 Minuten gehen lassen. Die Zwetschgen auf dem Teig verteilen. Für die Streusel alle Zutaten bis auf das Mehl miteinander verkneten. Dann das Mehl dazugeben und weiterkneten. Je mehr Zucker im Teig ist, desto härter werden die Streusel. Den Kuchen für 30 Minuten backen.