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„Ich habe zu viele Fragen gestellt“ – Israel-Professor Yossi David im Interview

Mit 18 Jahren verlässt Yossi David seine Familie und entflieht dem strengreligiösen Leben der Charedim, einer ultraorthodoxen Gemeinschaft in Israel. Innerhalb von zwei Jahren holt er sämtliche Examen nach, um Kommunikationswissenschaften und Soziologie an der Hebrew University of Jersualem studieren zu können.

Seit Oktober 2018 besetzt der 36-jährige Professor für drei Jahre die von der Landesregierung gestiftete Israel-Professur im Fachbereich Publizistik an der Johannes Gutenberg-Universität. Hauptsächlich forscht er zu öffentlicher Meinung, Konfliktforschung und sozialen Bewegungen. In Mainz möchte er die deutsche Sicht auf den israelisch-palästinensischen Konflikt untersuchen und inwieweit sich die Medienberichterstattung von der in Israel unterscheidet.

Sie haben in einer ultraorthodoxen Gemeinschaft in Israel gelebt – warum?

In den 70er Jahren gab es eine Bewegung ultraorthodoxer Gemeinschaften, in die viele Israelis konvertierten. Auch meine Eltern schlossen sich dieser Bewegung an und wurden zu Charedi. Ich wurde so also geboren in Netivot im Süden Israels. Heute gehören etwa zehn Prozent der Israelis zu ultraorthodoxen Gemeinschaften, der theologisch und sozial konservativsten Richtung innerhalb des Judentums.

Wie kann man sich so ein Leben vorstellen?

Die Charedim separieren sich mehr oder weniger von der Außenwelt. Das gilt vor allem für neue Technologien. Wir durften kein Fernsehen schauen und kein Internet oder Handy benutzen. In der Schule studiert man religiöse Texte, vor allem die Thora, jeden Tag, von morgens bis abends. Sogar für Israelis ist es schwer, sich das vorzustellen. Als Jugendlicher spielte sich mein gesamtes Leben in einer einzigen Straße ab. Obwohl es keine Grenze zum Rest der Stadt gab, haben wir uns als Kinder nicht getraut, diesen Bereich zu verlassen.

Warum sind Sie mit 18 Jahren dennoch gegangen?

Alle, die in einer solchen Gemeinschaft aufwachsen, glauben in der Regel stark an Religion und Philosophie. Ich aber nicht so sehr. Ich war schon immer ein Mensch, der viele Fragen gestellt hat. Ein „guter“ Charedim stellt aber keine Fragen, besonders nicht über Gott. Ich habe aber fast alles in Frage gestellt: den Glauben, die Traditionen, die Regeln und die Normen. Also war es für mich schwierig zu bleiben. Ich besuchte zudem viel und heimlich die Bibliothek, las viele Bücher über die israelische Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Irgendwann bin ich dann auf eine Organisation namens „Hillel“ gestoßen, die Mitglieder ultraorthodoxer Gemeinschaften beim Ausstieg unterstützt. Es gab jedoch noch viele Hindernisse: Ich musste erst Hebräisch lernen und auch die für mich neuen Regeln des Zusammenlebens, andere Geschlechter- und Familiennormen. Nicht-ultraorthodoxe Israelis haben zudem die Wehrpflicht. Und mir fehlten auch Grundlagen in Fächern wie Geschichte, Mathe und Englisch.

Was waren die Folgen des Ausstiegs?

Die Charedim mögen keine Aussteiger. Und auch meine Eltern hatten Sorge, ich könnte schlechten Einfluss auf meine Geschwister haben. Tatsächlich folgten mir ein paar meiner Brüder. Auch wenn ich heute nur noch wenig Kontakt zu meinen Eltern habe und die Beziehung sehr angespannt ist, bereue ich die Entscheidung nicht. Nur so hatte ich die Chance, mir ein besseres Leben aufzubauen.

Ihre Forschung beschäftigt sich auch mit dem Konflikt zu Palästina. Welche Auswirkungen hat dieser auf Ihr Leben?

Dieser Konflikt war immer präsent in meinem ganzen Leben. Auch in der Bildung und der Wirtschaft. Im politischen Umfeld ist es schwer zu sagen, ob es eine friedliche Lösung geben kann. Das hängt immer davon ab, wen man fragt. Vielleicht müssen wir auf ein Wunder warten. Aber bei der Berliner Mauer hat auch niemand gedacht, dass sie jemals fallen wird und dann fiel sie.

Würden Sie sagen, dass Ihre Forschung autobiografisch geprägt ist?

Meine Forschung war schon immer von meiner Vergangenheit beeinflusst. Die Auseinandersetzung mit Stereotypen und Gesellschaften rührt auch daher, dass ich schon oft in meinem Leben zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen hin- und hergewandert bin. Ich finde es sehr spannend, wie unterschiedlich die Blickpunkte verschiedener Gruppen auf dasselbe Problem sein können. Eine große Rolle spielen dabei die Medien. Sie beeinflussen die öffentliche Meinung stark.

Die Israel-Professur war im Vorhinein umstritten und wurde stark kritisiert. Warum ist eine Israel-Professur wichtig?

Ich habe nur am Rande von den Diskussionen mitbekommen. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht hier bin, um Politik zu machen. Als ich das Angebot der Universität in Jerusalem bekommen habe, meine Forschung in Mainz fortzusetzen, ist mir die Entscheidung nicht schwergefallen. In Mainz gibt es viele sehr renommierte Kommunikationswissenschaftler, weshalb ich von einem solchen Austausch nur profitieren kann.

Welche Rolle spielte für Sie das Thema Antisemitismus bei der Entscheidung nach Deutschland zu gehen?

Für mich persönlich war das nicht wichtig, aber viele meiner Freunde hatten Bedenken. Die würden nie nach Deutschland gehen, weil sie den Holocaust nicht verzeihen. So gab es kritische Anmerkungen und Witze. Besuchen werden sie mich auch nicht. Für mich steht aber die Forschung im Mittelpunkt. Zudem ist Antisemitismus eine Form von Rassismus und existiert in vielen Ländern. In Deutschland ist es – aufgrund der Geschichte – nur schwieriger das zu ignorieren.

Haben Sie persönlich hier Antisemitismus erfahren?

Wenn man die Sprache nicht so gut spricht, ist es schwer festzustellen, ob Bemerkungen antisemitisch gemeint waren oder nicht. Angst davor habe ich jedenfalls keine.

Interview Lisa Winter
Foto: hbz / Sämmer