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Hilfe aus der Ohnmacht – Der Frauennotruf Mainz hilft traumatisierten Frauen und Männern

Es ist gut und richtig, dass Opfer von Gewalt ihre Erfahrungen teilen. Dass sie sich jemandem anvertrauen, Hilfe suchen, ihre Täter anzeigen. Doch gerade bei sexualisierter Gewalt schrecken viele Betroffene davor zurück. Denn obwohl davon jede siebte Frau in Deutschland betroffen ist, wird das Thema oft tabuisiert. Opfer fürchten Stigmatisierung, Opfer-Täter-Umkehr und Machtlosigkeit. Frauen (und Männern) nach diesen traumatischen Erfahrungen zu helfen, hat sich der Frauennotruf seit 40 Jahren zur Aufgabe gemacht.

Breites Angebot

„Unsere Erfahrung und Fachkenntnis machen uns zum Sprachrohr für die Gesellschaft“, erklärt Anette Diehl. Sie ist seit 31 Jahren Fachberaterin beim Frauennotruf. Ihre Arbeit setzt sich aus zwei Aufgabenfeldern zusammen: der individuellen Beratung von Opfern und Bezugspersonen (Familie, Partner, Freunde) sowie einem breit gefächerten Angebot aus Präventionsarbeit in Schulen, politischen Podien und vielem mehr. Die Terminabsprache erfolgt online oder per Telefon, anonym. Die Betroffenen sind oft so unterschiedlich wie ihre Schicksale: Junge Mädchen ab 14 Jahren bis hin zu Seniorinnen, die während des Krieges vergewaltigt wurden und ihr Trauma mit sich tragen. 2017 führten die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen 897 Beratungsgespräche mit Opfern und Bezugspersonen. Die meisten davon waren zwischen 18 und 27 Jahren alt, zehn waren jünger, 15 waren 60 Jahre und älter. Fünf der Betroffenen und 29 der Bezugspersonen waren Männer.

Medizinische Versorgung

Seit Anfang des Jahres bietet der Frauennotruf gemeinsam mit der Universitätsmedizin auch ein Soforthilfe-Angebot für Vergewaltigungsopfer. Denn nur schätzungsweise 50 Prozent aller Opfer von Vergewaltigungen lassen sich nach der Tat medizinisch untersuchen. Viele schämen sich oder haben Angst, dass gegen ihren Willen Anzeige erstattet werden könnte. „Die wenigsten Frauen zeigen ihre Täter an“, sagt Anette Diehl. Bei der medizinischen Soforthilfe geht es daher in erster Linie um die Gesundheit der Opfer. Sie werden auf Verletzungen, Krankheiten und Schwangerschaft untersucht. Freiwillig kann auch eine medizinische Spurensicherung durchgeführt werden, die im Falle einer Anzeige vor Gericht wichtige Beweise liefert. Wenn die Frauen es wollen, werden sie schließlich bis vors Gericht begleitet. Doch zu einer Anzeige gedrängt wird niemand. Schließlich ist der Weg schwer, und kann zusätzlich traumatisierend wirken. Eine Studie aus dem Jahr 2012 zeigt, dass es bei nur 8,4 Prozent der angezeigten Vergewaltigungen zu einer Verurteilung kommt. Die Prozesse sind oft langwierig und belastend für die Opfer, zumal der Großteil der Täter aus dem privaten Umfeld stammt.

Noch viel zu tun

Auch das neue Sexualstrafrecht hat nicht viel an der Arbeit des Frauennotrufs geändert. Nach wie vor werden Frauen und Mädchen vergewaltigt, doch, so Anette Diehl, „je mehr über das Thema berichtet wird, desto mehr Frauen trauen sich, zu uns zu kommen“. Initiativen wie #metoo, die Opfer ermutigen, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen, begrüßt sie daher. „Solche Kampagnen führen immer zu einer öffentlichen Diskussion und genau das ist es, was wir brauchen. Betroffene bekommen mit, dass andere den Mund aufmachen und das führt zur Selbstermächtigung.“ Gerade beim Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz wandten sich im Zuge von #metoo viele Firmen an die Frauennotrufe. Im Kulturclub schon schön fand etwa eine Mitarbeiterschulung zum Opferschutz statt. „Denn der Fisch stinkt immer vom Kopf her“, sagt Diehl. „Deswegen begrüßen wir es, wenn sich Führungskräfte für das Thema engagieren.“ Mit Gegenstimmen hat sie gelernt umzugehen. Denn die Diskussion, ob man etwas wie #metoo wirklich brauche, erlebte sie bereits in den neunziger Jahren. Nur, dass es damals um die Vergewaltigung in der Ehe ging.

www.frauennotruf-mainz.de

06131/221213

Text Ida Schelenz Illustration Lisa Lorenz

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