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Grünes Licht für noch saubereres Trinkwasser in Mainz? Vierte Reinigungsstufe in Aussicht

„Der Bau einer vierten Reinigungsstufe in Kombination mit einer Elektrolyse, könnte ein Meilenstein für den Mainzer Umweltschutz werden“, so Umweltdezernentin Katrin Eder. „Deshalb freue ich mich sehr, dass der Wirtschaftsbetrieb seine Hausaufgaben gemacht hat und das Projekt ‚arrived‘ tatsächlich realisiert werden könnte, wenn auch noch der Verwaltungs- und der Mainzer Stadtrat
dem grünes Licht geben.“
Von der technisch-praktischen Seite her kann das Mainzer Klärwerk problemlos mit einer vierten Reinigungsstufe ausgestattet werden: Das haben die Ergebnisse einer Studie der TU Kaiserslautern vor gut einem Jahr bewiesen. Und auch ansonsten steht dem Projekt nichts mehr im Weg, alle offen Fragen sind mittlerweile geklärt.
Die Häkchen zwei und drei auf der internen To-Do-Liste hatte der Wirtschaftsbetrieb Mainz bereits vor einigen Wochen machen
können. Vor allem natürlich, weil die zusätzliche Reinigungsstufe besonders leistungsstark sein soll und Spurenstoffe mit Ozonung
und Aktivkohle entfernt, statt nur auf eine der beiden Techniken zu setzen. Das allein aber hätte nicht ausgereicht, um finanziell unterstützt zu werden. Und das sogar zweifach.

FÖRDERGELDER? CHECK!
Rund 6,6 Millionen Euro wird der Bund dazugeben. Weitere 6,6 Millionen hat das Land zugesagt, sobald die wasserrechtliche Bau- und
Betriebsgenehmigung vorliegt. Für Katrin Eder ein deutliches Signal, „dass beide die Besonderheit des Projektes anerkennen.“ Dabei dürfte auch eine entscheidende Rolle gespielt haben, „dass wir uns zusätzlich Gedanken darüber gemacht haben, wie die vierte Reinigungsstufe so umweltfreundlich, energieeffizient und kostengünstig wie möglich betrieben werden kann“, erklärt die Vorstandsvorsitzende des Wirtschaftsbetriebs, Jeanette Wetterling. Dafür ist u. a. eine Elektrolyse vorgesehen. Mit ihr wird grüner Sauerstoff erzeugt, der für die Ozonung genutzt werden kann, und grüner Wasserstoff. Einen Teil davon wollen die Mainzer Stadtwerke und Greenpeace Energy nutzen. Der Rest könnte als ‚Öko-Sprit‘ direkt aus der Zapfsäule strömen, „z. B. wenn auf unserem Firmengelände eine entsprechende Tankstelle errichtet würde“, blickt die Firmenchefin nach vorne.

Aber macht eine vierte Reinigungsstufe überhaupt Sinn? Immerhin verfügt das Mainzer Klärwerk mit dem Rhein über einen besonders großen, sogenannten Vorfluter. Das heißt, die gereinigten Abwässer werden zwar noch einmal stark verdünnt, wenn sie in den natürlichen Kreislauf zurückgelangen. Trotzdem ist die Meinung des zuständigen Ministeriums für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten (MUEEF) eindeutig.

RECHTSSICHERHEIT? CHECK!
Politischer Rückenwind ist das eine, das rechtliche Fundament das andere. Denn gesetzlich ist eine vierte Reinigungsstufe für Kläranlagen (noch) nicht vorgeschrieben. Weil die Fördergelder allein aber nicht ausreichen werden, sind Gebühren nötig, um die restliche Bausumme und den Betrieb der vierten Reinigungsstufe zu bezahlen. Geht das? Ja, sagt das MUEEF nach Abstimmung mit dem Ministerium des Inneren und für Sport: „… Danach sprechen u.a. folgende Gründe für eine Einrichtung einer 4. Reinigungsstufe auf der Kläranlage Mainz:

• Die Spurenstofffracht des gereinigten Abwassers der KA Mainz. Die Kläranlage Mainz ist die größte kommunale Kläranlage des Landes Rheinland-Pfalz. In ihrem Einzugsgebiet liegen auch einige Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Mehr als 100 Tuben Diclofenac finden sich im gereinigten Abwasser pro Tag.

• Synergieeffekte insbesondere hinsichtlich der Reduzierung des Eintrags von Phosphor. Der Rhein ist p1 bewertet, d. h. die kommunalen Kläran lagen tragen maßgeblich mit dazu bei, dass der gute Zustand/WRRL infolge der Nährstoffbelastung (Eutrophierung/ Wasserpflanzen) nicht erreicht wird.

• Zusammen mit den weiteren großen Kläranlagen am Rhein, die bereits nachgerüstet wurden oder in Bau bzw. Planung sind (u. a. Mannheim, Lahr, Bühl, Sinzheim, Karlsruhe, Sindelfingen, Pforzheim Stuttgart, Darmstadt, Schweiz) kann die Belastung des Rheins mit Spurenstoffen in einem relevanten Umfang reduziert werden.

• Nutzung von Uferfiltrat oder Rheinwasser als Rohwasser für die Trinkwassergewinnung

• Effizienzgründe (Kosten/Nutzen) bei einer großen Kläranlage …“

Auszug aus einem Schreiben des MUEEF vom 24. Januar 2020:
„Die Ansatzfähigkeit der Kosten für den Bau und den Betrieb einer vierten Reinigungsstufe ist mit einer Bewertung durch die zuständigen Wasserbehörden und einem Festhalten der Gründe und Anforderungen für eine solchen Stufe im wasserrechtlichen Erlaubnisbescheid gegeben. Dies wurde uns vom Ministerium des Innern und für Sport bestätigt.

Bleibt also noch die Frage, was die vierte Reinigungsstufe unter dem Strich kosten und dem Gebührenzahler damit blühen könnte. Eine Rechnung mit zahlreichen Zwischenschritten:

• Rund 33 Millionen € Investitionskosten sind einkalkuliert.
• Zieht man die zwei Mal 6,6 Millionen € Fördergelder ab, bleiben 19,8 Millionen übrig.
• Weil das Landesumweltministerium die größeren Kläranlagenbetreiber aufgefordert hat, Phosphor ab 2021 stärker aus dem Abwasser herauszufiltern als bisher, müsste das Mainzer Klärwerk ohnehin demnächst mit einer sogenannten Filtrationsanlage ausgestattet werden. Nach Abzug möglicher Fördergelder würde das 14,2 Millionen € kosten. „Diese Summe würde also sowieso fällig und ist deshalb bereits in unserer Finanzplanung mit eingeplant“, betont Jeanette Wetterling. „Dadurch bleiben 5,6 Millionen € übrig, die allein der vierten Reinigungsstufe zugerechnet werden müssen.“

• Darüber hinaus kann der Wirtschaftsbetrieb die Abgabe, die er für die Einleitung der Mainzer Abwässer in den Rhein bezahlen muss, über drei Jahre lang mit den Investitionskosten verrechnen. Grund dafür ist die dann deutlich verbesserte Reinigungsleistung der Kläranlage. Das sind insgesamt 1,8 Millionen Euro, die das Unternehmen nicht bezahlen muss. Unter dem Strich würde das eine Gebührenerhöhung von circa 9,5 Cent pro Kubikmeter Abwasser bzw. rund 4,30 € pro Kopf und Jahr bedeuten. Und das frühestens drei Jahre nach Inbetriebnahme, voraussichtlich also 2028. „Denn so lange wird es mindestens dauern, bis Planung, Ausschreibung und Bau abgeschlossen sind und die vierte Reinigungsstufe in Betrieb gehen kann“, so die Firmenchefin. Wobei vorher ja auch erst einmal Verwaltungs- und Stadtrat grünes Licht geben müssen.

BEDENKENLOS? BEDENKEN LOS!
Politisch kein Muss! Technisch nicht ausgereift! Unnötig, wenn nur das ins Abwasser gelangt, was tatsächlich rein darf! Es gibt immer noch Bedenken gegen eine vierte Reinigungsstufe zum jetzigen Zeitpunkt. „Und mit denen haben wir uns selbstverständlich auch
beschäftigt, das jeweilige Für und Wider abgewogen“, betont Jeanette Wetterling. Letztlich aber habe am Ende ein Argument alle Zweifel überwogen: „Der Wille, etwas zu tun“, so die Vorstandsvorsitzende, „Und zwar jetzt. Für den Gewässerschutz, den Umweltschutz und damit auch den Schutz jedes einzelnen von uns.“

Hintergrund: 4. Reinigungsstufe
Darunter versteht man eine technische Ergänzung bereits bestehender Klärwerke. Mit ihrer Hilfe können Spurenstoffe, also kleinste Schadstoffe, wie Arzneimittelrückstände, Hormone, Mikroplastik, aber auch multiresistente Keime besser aus dem Abwasser entfernt werden. Anlagen, die bereits mit einer vierten Reinigungsstufe ausgestattet sind, haben entweder auf Aktivkohle oder Ozonung gesetzt. Die Studie der TU hatte unter anderem festgestellt, dass in Mainz beide Verfahren gemeinsam angewendet werden können. Dadurch können deren jeweilige Vorteile kombiniert und so die Reinigungsleistung optimiert werden.
Auch die Idee, den Energieverbrauch einer solchen Anlage so gering, so effi zient und so günstig, wie möglich zu gestalten, ist machbar, sagen die Wissenschaftler. Konkret geht es dabei unter anderem um Speicherpotentiale, Bezugsquellen und den idealen Energiemix. Dabei soll ausschließlich auf regenerative Quellen gesetzt werden.

Reaktionen:
„Das Projekt ‚arrived‘, also der Bau einer vierten Reinigungsstufe für die Mainzer Kläranlage in Kombination mit einer Elektrolyse, könnte ein Meilenstein für den Umweltschutz der Landeshauptstadt werden. Der Wirtschaftsbetrieb hat gezeigt, dass ‚arrived‘ machbar ist. Und dass Bund und Land das Projekt mit jeweils 6,6 Millionen Euro unterstützen wollen, zeigt, dass dort dessen Besonderheit anerkannt und gewürdigt wird. Deshalb sollte es auch unbedingt in die Tat umgesetzt werden. Schließlich hat sich die Stadt verpflichtet klimaneutral zu werden. Und ‚arrived‘ würde nicht nur dafür sorgen, dass der Rhein mit deutlich weniger Schadstoffen belastet wird, es könnte auch ein wichtiger Schritt in Richtung Energiewende werden, wenn Teile des dabei produzierten Wasserstoffs tatsächlich einmal Fahrzeuge des ‚Konzerns ‚Mainz‘ emmisionsfrei antreiben würden. Das wäre dann der Beweis dafür, dass der Umbau zur Klimaneutralität funktioniert, die wir dringend benötigen, um den heute bereits spürbaren Auswirkungen des Klimawandels Einhalt zu gebieten.“

Alexander Mauritz, Leiter Stadtentwässerung Mannheim: „Die Mannheimer waren 2010 die Pioniere, als dort die erste großtechnische 4. Reinigungsstufe mit Aktivkohle realisiert wurde. Die geplante Kombination für Mainz aus Ozonung und Aktivkohlefilter ist der Königsweg, der maximale Eliminationsraten bei den Spurenstoffen erwarten lässt. Mit dem Konzept Elektrolyse und kombinierter 4. Reinigungsstufe ist Mainz der nächste Pionier zur Weiterentwicklung der Abwasserreinigung!“

Dr. Tobias Brosze, Vorstand Mainzer Stadtwerke AG: „Seit mehr als fünf Jahren engagieren wir uns mit unserem Energiepark Mainz in Hechtsheim beim Thema ‚Wasserstoff als Energieträger der Zukunft‘. Wir haben umfangreiche Erfahrungen gesammelt bei der Planung und der Umsetzung einer H2-Elektrolyse und der Einspeisung von Wasserstoff ins Erdgasnetz. Bei dem Projekt ‚arrived‘ bringen wir außerdem unser Knowhow bei der energiewirtschaftlichen Optimierung des Strombezugs von Power-to-Gas-Anlagen ein und haben mit der Inbetriebnahme eines Brennstoffzellenbusses im Mainzer ÖPNV gezeigt, dass die Nutzung von regional produziertem Wasserstoff in der Mobilität hervorragend funktioniert. Wir freuen uns daher, dass wir mit ‚arrived‘ gemeinsam mit kompetenten Partnern einen weiteren Baustein errichten können, um Mainz zu einem regionalen H2-Zentrum weiterzuentwickeln.“

Nils Müller,Vorstand Greenpeace Energy e. G.: „Als bundesweit einziges Energieunternehmen kauft Greenpeace Energy erneuerbar produzierten grünen Wasserstoff aus derzeit vier Elektrolyseuren, darunter einer der Mainzer Stadtwerke. So sichern wir den wirtschaftlichen Betrieb der Elektrolyseure und beliefern zugleich die Kundinnen und Kunden unseres Gasprodukts proWindgas mit diesem Wasserstoff – den wir auch aus dem hier geplanten Elektrolyseur beziehen würden. Grüner Wasserstoff ist ein zentraler Baustein für das Energiesystem der Zukunft mit 100 Prozent erneuerbaren Energien. Denn er garantiert als einziges Speichermedium die nötige Versorgungssicherheit auch dann, wenn der Wind über längere Phasen nicht weht und die Sonne nicht scheint. Greenpeace Energy hat inzwischen fast zehn Jahre praktische Erfahrung mit der Technologie, und diese Expertise bringen wir nun in das Energiekonzept für das Projekt hier in Mainz ein. Ihren Nutzen für die Energiewende vergrößern Elektrolyseure besonders dann, wenn sie ihren Betrieb an das mit dem Wetter schwankende Dargebot von Wind- und Solarenergie anpassen, ihre Leistung entsprechend herauf- oder hinunterfahren. Das steigert die Netzstabilität, senkt die Netzkosten und hilft zudem dabei, die erneuerbaren Energien effizienter zu nutzen. Dass dieser Aspekt eine so zentrale Rolle bei diesem Projekt spielt, ist ein wichtiges Motiv für unser Engagement hier.“

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