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Flusskreuzfahrten: Von der Rheinromantik zum schwimmenden Luxushotel

Stadtbesichtigungen gehören zum festen Programm

Der Rhein ist die Top-Destination unter den deutschen Flüssen – und das schon seit der Rheinromantik Ende des 18. Jahrhunderts. Auch heute boomt der Flusskreuzfahrttourismus wieder.

Mainz liegt an der beliebten Rheinroute von Amsterdam nach Basel etwa auf halbem Weg und wird mittlerweile von vielen Kreuzfahrtschiffen angesteuert – in den diesjährigen Sommermonaten waren die Anlegestellen um die Theodor-Heuss- Brücke wieder gut belegt, und staunende Passanten konnten beobachten, wie teilweise drei, vier dieser – für Flussverhältnisse doch recht imposanten – Kolosse dort herumrangierten. Vom Wochenendtrip bis zur zwölftägigen Reise sind die unterschiedlichsten Etappen auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen möglich.

Entschleunigungseffekt
Angela und Stephan Ambrosi aus der Nähe des Bodensees sind gerade mit der „Viva Tiara“ in Mainz angekommen. Sie haben sich für die „Kurzreise Rhein“ entschieden, die sie von Frankfurt am Main über Mannheim, Speyer, Straßburg und Kehl nach Mainz führt und dann wieder in Frankfurt endet. Das Besondere an diesen Fahrten – es ist schon ihre zweite – sei der „Entschleunigungseffekt“. „Man sieht die Gegend an sich vorüberziehen, ohne den Druck, etwas unternehmen zu müssen“, fasst Stephan das Erlebnis zusammen. Weiterer Pluspunkt für das Ehepaar aus Baden-Württemberg: die Rundumversorgung an Bord. Die „Viva Tiara“ hat auf einer Länge von 110 Metern und drei Decks Platz für 152 Passagiere, einen Wellnessbereich mit Sauna und Dampfbad, ein Sonnendeck mit Whirlpool sowie ein Restaurant und ein Bistro und verfügt über 76 Außenkabinen, teilweise mit französischem Balkon.

The German Wine Culture
Derzeit gibt es in Mainz elf Schiffsanlegestellen, die sogenannten Steiger. Sieben davon gehören Reedereien, vier der Stadt. Mit „Viking Cruises“ kommen die Amerikaner. Der große Kreuzfahrtanbieter besitzt einen eigenen Steiger und läuft Mainz zweimal die Woche auf der Route Paris–Zürich an. „Die Amerikaner wollen alles über Gutenberg wissen, Fachwerkhäuser sehen, und immer mehr interessieren sich auch für SchUM, da viele von ihnen jüdisch- europäische Wurzeln haben“, so Philipp Meier von Mainzplus Citymarketing. Mainz könne bei dieser Zielgruppe auch mit der „German Wine Culture“ punkten, daher hat Mainzplus bei den Reedereien angeregt, mit den Gästen auch mal in Weinstuben zu gehen. Überhaupt sei man mit den Reedereien in engem Austausch und auch die Vermittlung der Stadtführungen, die fast alle in Mainz auf dem Programm haben, erfolgt über Mainzplus. Mainz wurde von den Flusskreuzfahrtanbietern dabei erst relativ spät entdeckt – zu groß war die Konkurrenz durch das nahe gelegene Rüdesheim –, die Stadt musste lange um die Gunst der Reeder buhlen. Inzwischen laufen hier pro Jahr über 900 Schiffe an, so zumindest die Zahlen für das Vorpandemiejahr 2019. Die Flusskreuzschifffahrt gilt seit Jahren als wachsendes Tourismussegment und wurde von der Stadt als Wirtschaftsfaktor erkannt. Das häufig zitierte Klischee, die Kreuzfahrer ließen kein Geld in den Häfen, da sie an Bord Vollverpflegung genießen, können die Zahlen entkräften, die vom Wirtschaftsbetrieb Mainz und Mainzplus vorgelegt wurden: Bei Tagesausgaben von 31,60 Euro pro Person ergab sich für 2019 ein Bruttoumsatz in Höhe von rund 3,5 Mio. Euro, der dem lokalen Einzelhandel, der Gastronomie, Gästeführern und weiteren Akteuren zugutekam. Im Durchschnitt bleiben die Gäste für zehn bis elf Stunden in der Stadt – in dieser Zeit kann man einiges machen. Und so entscheiden sich viele – wie auch das Ehepaar Ambrosi – für eine Stadtführung. Seit dem Frühjahr sah man sie wieder häufiger vom Rheinufer aus in die Altstadt ausrücken: große Gruppen von meist Senioren, behängt mit Kopfhörern oder den Erkennungsmerkmalen der jeweiligen Reederei. Die Mainzerinnen und Mainzer scheinen sich durch die Flusstouristen bislang nicht gestört zu fühlen, wie dies von anderen Kreuzfahrthäfen etwa entlang der Donau berichtet wird.

Das jüngere Publikum im Visier
Mit 85 Prozent kommt die Gästemehrheit beim Reeder A-Rosa aus dem deutschsprachigen Raum. „Pandemiebedingt hatten wir in den letzten beiden Jahren weniger internationale Gäste an Bord, der Anteil nimmt in der laufenden Saison aber wieder zu. Derzeit können wir unter anderem wieder Gäste aus dem Vereinigten Königreich, den Benelux-Staaten und Skandinavien begrüßen“, freut sich Annika Schmied von A-Rosa Flussschiff. Viele Kreuzfahrtanbieter versuchen, das muffige Kaffeefahrt-Image abzustreifen, und sprechen inzwischen auch die jüngeren Generationen an. ARosa unterhält an Bord seiner Schiffe einen Kids Club und bietet mit musikalischen Gastkünstlern, Aktiv-Ausflügen, Mode-, Krimi-, Kunst- oder Wellbeing-Cruises eine lebendige Bordunterhaltung für alle Altersgruppen. „Das Vorurteil, dass nur ältere Menschen an Bord sind und es langweilig ist, gilt bei uns schon lange nicht mehr.“ Die Reedereien arbeiten auch daran, die Qualität der Landausflüge zu erhöhen und zu individualisieren: „Mit A-Rosa bieten wir keine typischen Flusskreuzfahrten an, sondern Städtereisen per Schiff“, so Schmied weiter. Zudem gehe der Trend weg von den großen Gruppenausflügen per Bus. Seit 2009 ist A-Rosa auf dem Rhein unterwegs und läuft auch Mainz an. „In Mainz sind die Ausflüge beliebt, die die wechselvolle Geschichte der Stadt zeigen – ob zu Fuß, mit dem Rad, der Rikscha oder dem Hot Rod, einem modernisierten Oldtimer. Must-Sees sind der Mainzer Dom, der Fastnachtsbrunnen und das Gutenberg-Museum. Aber auch die Mainzelmännchen-Ampeln fotografiert fast jeder Gast.“ Im Programm hat A-Rosa auch eine kulinarische Stadtführung: „2000 Jahre Geschichte und regionaler Wein“.

Abfahrt mindestens in Frankfurt
Wer in eines der Hotelschiffe einchecken will, kann dies kaum in Mainz tun, muss zum Glück aber nur nach Frankfurt, Mannheim oder Köln fahren. Die großen Anbieter wie ARosa, Viva, Nicko oder Phoenix laufen Mainz zwar regelmäßig an, starten hier aber nicht. Wer doch von hier aus losfahren will, kann als kleinen Vorgeschmack und fürs Urlaubsfeeling vor der Haustür dennoch eines der Ausflugsschiffe der Primus- Linie oder der Köln-Düsseldorfer mit ihren unterschiedlichsten Nahzielen sowie Themenfahrten nutzen. Die Stadt Mainz möchte sich mit ihrer neuen Tourismusstrategie unter dem Motto „Eine Stadt am und im Fluss“ noch mehr zum Wasser hin öffnen und in Zukunft nach Frankfurter Vorbild Stadtbesichtigungen vom Fluss aus anbieten. Dazu sei Mainzplus bereits im Gespräch mit den Anbietern.

Erster Flusskreuzer made in Mainz
Die Schiffsreise auf dem Rhein hat eine lange Tradition. Wesentlich entwickelt hat sich die Binnenschifffahrt durch die Erfindung der Dampfmaschine Ende des 18. Jahrhunderts. Das erste Dampfschiff fuhr ab 1816 auf dem Rhein. Zwar stagnierten irgendwann die Passagierzahlen, unter anderem durch die Konkurrenz der Eisenbahn, doch durch die Schönheit des Rheintals, über die schon seit Ende des 18. Jahrhunderts gedichtet, gesungen und gemalt wurde, überstand die Schifffahrt als langsame Reiseform diesen Wandel sehr gut. Dampfschifffahrten im Rheintal waren bis ins Ausland beliebt, sodass man die Rheinromantik als Beginn des Tourismus bezeichnen könnte. Die Schiffe veränderten sich schließlich langsam von reinen Transportmitteln hin zu teils luxuriös ausgestatteten Ausflugsbooten. Ende der 1950er-Jahre entschied sich die bereits seit 1826 bestehende Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt GmbH (KD), neben dem Tagesausflugsgeschäft in einem neuen Bereich tätig zu werden: der mehrtägigen Rheinkreuzfahrt – zwischen Rotterdam und Basel. Deswegen bestellte sie bei der alten Ruthof-Werft in Mainz- Kastel ein Kabinenschiff. Die im Mai 1960 von Ministerpräsident Peter Altmeier in Mainz getaufte „Europa“ war das erste jemals gebaute Flusskreuzfahrtschiff. Und die KD mischte noch bis 1995 auf dem Flusskreuzfahrtmarkt mit.

Umwelt-Aspekte
Der gern zitierte Entschleunigungseffekt auf einem Flusskreuzer: das klingt nach Slow Travel, nach umweltschonendem Reisen. Doch wie ist es tatsächlich um die Umweltbilanz der schwimmenden Hotels bestellt? Viele Schiffe bieten inzwischen in puncto Größe, Ausstattung und Komfort vieles von dem, was man von der Hochseekreuzfahrt kennt, in kleinerem Maßstab: Luxuskabinen, Lounges, Spa-Bereich, Fitnessraum oder der Pool auf dem Deck. All dies verschlingt Energie, die die Schiffe in der Regel mit schiffseigenen Dieselmotoren erzeugen. Hinsichtlich der Feinstaubbelastung entlang des Rheins zog der NABU vor einigen Jahren den Vergleich einer Autobahn, die quer durch die Stadt führt. „Die Situation ist weitgehend unverändert. Die Ungleichbehandlung von Straße und Wasser ist insbesondere in der Umweltzone sehr eindrücklich. Frühere Luftschadstoff-Messungen entlang des Rheins zeigten dramatisch hohe Belastungen“, so Christian Kopp vom NABU. Eine Pflicht zur Nutzung von Diesel-Partikel-Filtern und SCR-Katalysatoren für Binnenschiffe wäre aus Sicht der Umweltschutzorganisation ein großer Schritt hin zu saubererer Luft entlang des Rheins. „Die Technik existiert und wäre mit vertretbarem Aufwand umrüstbar. Leider fehlen jedoch die entsprechenden politischen Vorgaben. Auch weitere Maßnahmen wie die Nutzung von erneuerbarem Landstrom, grünen E-Fuels oder Batterietechnik würde mithelfen, die Binnenschifffahrt auf einen umweltfreundlicheren Pfad zu bringen“, so Kopp. Daran hat auch der Masterplan Binnenschifffahrt von 2019 bislang wenig geändert, der die Branche eigentlich bei der Umstellung auf effizientere und emissionsärmere Schiffe unterstützen sollte. A-Rosa hat die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz auf der Agenda: mit einem eigenen Bereich in der Unternehmenszentrale, „welcher zusammen mit dem Fraunhofer Institut alle Aspekte unserer Reisen im Hinblick auf Nachhaltigkeit prüft und neue Wege für eine grüne Zukunft festlegt“. An Bord wird auf Einwegplastik verzichtet und überall dort, wo es möglich ist, Landstrom bezogen. Flaggschiff für die nachhaltige Ausrichtung ist die „A-Rosa Sena“, die für ihre umweltschonende Technologie kürzlich mit dem Deutschen Award für Nachhaltigkeitsprojekte ausgezeichnet wurde. Sie verfügt über ein hybrides Antriebssystem bestehend aus Elektro- und Dieselmotor sowie einen Batteriespeicher. Dieser ermöglicht zumindest ein batteriebetriebenes Anlaufen der Städte, wodurch Emissionen vermieden werden. Zudem werden die noch entstehenden Abgase mit AdBlue gereinigt und die Abwärme genutzt, um das Wasser an Bord zu erwärmen und daraus Energie zu gewinnen und wieder in der Batterie zu speichern. Damit Kreuzfahrtschiffe während des Aufenthalts etwa in Mainz zukünftig weniger Dieselkraftstoff verbrennen müssen, fördert das Land Rheinland-Pfalz den Bau von sechs Landstromanlagen am Rheinufer mit rund 1,45 Mio. Euro. „Wir setzen mit Blick auf lebenswerte Innenstädte sowie den Klimaschutz auf eine alternative Energieversorgung der Schiffe“, sagte Verkehrsministerin Daniela Schmitt. Damit könnten künftig mehr als 500 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart sowie Lärm vermieden werden.

Pandemiegewinner
Die Flusskreuzfahrtgesellschaften haben wie alle Akteure im Tourismus keine leichte Zeit hinter sich. Dennoch gehören sie zu den Pandemiegewinnern. Viele Deutsche sind lieber noch im Inland geblieben und haben so vielleicht zum ersten Mal eine Flusskreuzfahrt gebucht. Zudem konnten die Anbieter mit Hygienekonzepten bei Reisewilligen punkten. „Während der Corona-Krise haben viele diese sichere Art zu reisen für sich entdeckt – ob ehemalige Hochsee-Kreuzfahrer, Familien oder Menschen, die ihre eigene Region oder die Hauptstädte Europas kennenlernen wollten. Die letzten beiden Jahre sind wir mit der in unserem Hygienekonzept definierten Auslastung komplett ausgebucht gefahren“, so Annika Schmied von A-Rosa. Hohe Treibstoffpreise, knappes Flüssiggas-Angebot, Mitarbeitermangel und Preisdruck – die Kreuzfahrtindustrie ist nach dem Neustart aber dennoch mit zahlreichen neuen Herausforderungen konfrontiert. Auch der historische Niedrigpegel des Rheins macht in diesem Sommer den Kreuzfahrtanbietern zu schaffen. A-Rosa konnte Mainz zeitweise nicht anlaufen und auch andere Anbieter mussten „umrouten“ oder überbrückten unterbrochene Wasserwege mit Busfahrten und Alternativprogrammen. „Die Schiffe sind dennoch sehr gut ausgelastet. Für dieses Jahr rechnen Flussreiseanbieter mit einem Umsatzniveau und Gästevolumen wie im Vor-Corona-Jahr 2019. Wir erleben ein Comeback der Flusskreuzfahrt“, bilanziert der stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses Kreuzfahrt im Deutschen Reiseverband (DRV), Benjamin Krumpen. Für die Reiseveranstalter also erst mal alles wieder im Fluss.

Text Katja Marquardt Fotos Jonas Otte

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