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Dressed Up: Mainzer machen Mode


Text: Nicola Diehl
Fotos: Frauke Bönsch und Ramon Haindl

Mainz ist nicht Mailand und Mainz ist nicht Paris. Und ganz sicher ist Mainz auch keine Modemetropole. Zwar haben wir mit Anja Gockel eine europaweit bekannte Designerin im Kunstquartier „Alte Patrone“ sitzen. Doch von dem, was auf dem Hartenberg kreiert wird, kommt im Kleiderschrank der Mainzer nur wenig an. Aber auch jenseits der großen, glamourösen Modewelt gibt es Mainzer, deren Leben sich stark um Mode, Design und aktuelle Trends dreht. Wir haben uns aufgemacht und ein paar dieser Menschen besucht.

Kleiderkunst bei Hotvolée

Kleider erzählen ihre ganz eigenen Geschichten. So zumindest in der kleinen Altstadt-Boutique „Hotvolée“ der Modedesignerin Kerstin Bröckl in der Rochusstraße. Ihre Kollektionen tragen Namen wie „Fernweh“ oder „Fräulein Sommer“ und werden im angelagerten Atelier mit filigranem Fingerspitzengefühl geschneidert. Schere, Nadel und Maßband sind die Instrumente, mit denen die 34-Jährige wahre Stoffkunstwerke kreiert. Ihre Kleider sind extravagant, aber nicht überladen. Doch Kerstin Bröckl übersetzt nicht nur ihre eigenen Ideen in Stoff. Sie schneidert individuelle, nach Kundenwunsch designte Kleider. „Es sind Frauen zwischen 17 und 77 Jahren, die zu mir kommen. Manche mit einem Foto aus einer Modezeitschrift und andere nur mit einer abstrakten Idee“, erzählt die Modedesignerin, die dann versucht, diese Wünsche wahr werden zu lassen. „Am Anfang steht immer das persönliche Gespräch“, denn es sei wichtig, auch etwas über die Persönlichkeit zu erfahren, damit das Kleid auch wirklich zum Typ passe.
Im zweiten Schritt zeichnet sie die Entwürfe. Anhand der „Figurinen“, wie Kerstin die gezeichneten Damen nennt, stellt sie den Kundinnen dann ihre Ideen vor. Ist die Entscheidung gefallen, wird Maß genommen. Brustumfang, Taille, Schulterbreite, Beinlänge – alles wird millimetergenau notiert. Ist das Schnittmuster auf Papier gebracht, geht es an die Nähmaschine. Erste Etappe: Nesselmodell. Das ist die Rohversion des Kleides – genäht mit dem billigsten Baumwollstoff. Hierbei erhält Bröckl tatkräftige Unterstützung von ihren zwei Schneiderinnen. Für den Laien ist schon das Nessel-Modell ein wahrer Hingucker, dabei dient es nur der ersten Anprobe. Und bis die Designerklamotte fertig ist, können manchmal drei Monate vergehen. Vor allem bei Brautkleidern sei das so. „Es ist ein langer Prozess aus Gesprächen, Ideen, Anproben und Umnähen, bis das Kleid richtig sitzt“, schildert sie. Kerstin Bröckl durchlebt ihre Kleider, wie sie selbst sagt. „Und manchmal will ich sie auch gar nicht mehr hergeben“, bringt sie die enge Verbindung zum Ausdruck. Das Designen und Nähen der Kleider wurde zu ihrer Berufung. „Ich kann mir heute nichts anderes mehr vorstellen“, ist sie sich sicher.

Auf Schatzsuche durch die Altstadtgassen

Sicher mit ihrer Unternehmensidee sind sich auch die Mädels von „Lookers“. Sie wollen zu mehr Modebewusstsein in Mainz beitragen. Anischa Wagner (25) und Annika Beringer (26) sind die Macherinnen des LookBook 2011. Das Konzept: Ein Gutscheinheft, wie man es für Restaurants kennt – nur eben für exklusive Mode- und Accessoireläden. Aufenthalte in London und Berlin haben sie inspiriert, dieses Heft ins Leben zu rufen. Denn die richtig guten Geschäfte fanden sie in den großen Städten auch nur über die Empfehlung von Ortskundigen. Das LookBook soll diese Funktion jetzt für Mainz übernehmen. Dabei haben sich Anischa und Annika an eine strenge Auswahl gehalten: Nur inhabergeführte Geschäfte schaffen es in das Buch. „Wir sind selbst Mainzerinnen und wollen weg von den großen Ketten und die Schätze von Mainz zeigen. Denn es gibt sie hier, nur kennt sie kaum einer. Das wollen wir ändern“, erklärt Annika die Motivation hinter dem Buch. Die Palette der vorgestellten Läden reicht von der klassischen Boutique über den Juwelier bis hin zum Friseursalon – eben all das, was für den richtigen Look notwendig ist. Doch neben dem LookBook haben Annika und Anischa noch weitere Angebote in petto. Sie bieten geführte Shopping-Touren und Modeberatungen an. Ihre Mission heute: der Französin Chloé das modische Mainz näher bringen. Chloé ist neu in der Stadt und hat sich an die Lookers gewandt, um ein paar besondere Modegeschäfte kennen zu lernen. Die Tour führt durch die quirligen Altstadtgassen, die sich als wahre Fundgrube in Sachen Mode, Accessoires und sonstigem Schnickschnack entpuppen. Hier gibt es tatsächlich immer etwas Neues zu entdecken. Dabei stehen Annika und Anischa der Neumainzerin mit Rat und Tat zur Seite, schlagen außergewöhnliche Looks vor, beraten in Sachen Farbe und Stil. Und die Tour hat sich gelohnt – für die Lookers, Chloé und den Mainzer Einzelhandel. Denn am Ende verlässt die sichtlich zufriedene Französin mit einem neuen Kleid in der Tasche das letzte Geschäft des Shoppingspaziergangs.

Lässige Straßenklamotte aus der Neustadt

Locationwechsel. Stilwechsel. Im unscheinbarsten Eck der Neustadt, in der Frauenlobstraße 9, versteckt sich das Klamottenlabel Wemoto. Wemoto macht die lässige Straßenklamotte in frischem Design. Stefan Golz (34) ist der kreative Kopf der Drei-Mann-Truppe. Von seinem Zeichentablett in der Neustadt aus kreiert er Printmotive für Shirts, entwirft Schnittmuster, wählt Stoffe aus. Ganz ohne Nähmaschine, einfach am Computer. Seine zwei Mitstreiter Gregor Garkisch (33) und Patrick Lotz (35) sorgen vom 40 Kilometer entfernten Idstein aus für schwarze Zahlen. Dort befinden sich das Lager und der Showroom von Wemoto. Patrick und Gregor wickeln von dort aus Bestellungen ab, kümmern sich um das passende Marketing und behalten den großen Überblick. Von all dem geschäftigen Treiben bekommt Stefan nur wenig mit. Er sitzt gerade an der Winterkollektion für Herbst 2012. „Die wird eher schlicht ausfallen, insgesamt ist alles sehr viel klassischer und ruhiger geworden im Vergleich zu unseren ersten Kollektionen“, beschreibt Stefan die Entwicklung ihres Designs. Denn in der Anfangszeit, im Jahr 2003, waren es die teils sehr bunt bedruckten Shirts, die unter Kennern als Markenzeichen für das junge Modelabel galten. Kein Wunder, schließlich sind sie allesamt aufgewachsen in einer Zeit, in der aus den USA der Hiphop-Sound bis nach Europa schallte und die lässigste Modebewegung seit Jahrzehnten in Gang setzte. „Das hat uns inspiriert, klar. Wir kommen alle aus der Skateboard-Ecke, auch Hiphop war und ist immer ein Thema bei uns“, schildert Stefan. Die „Rap-Idols“-Shirtreihe mit Motiven von namhaften US-Rappern oder das Revival der Basecap in der aktuellen Kollektion zeugen davon. Mittlerweile sind Wemoto im bekannten Frontline-Online-Shop vertreten, kreieren zusammen mit anderen namhaften Modebastlern wie Pointer oder Kangaroos exklusive Schuhmodelle und verkaufen weltweit. Aber an die Anfangszeit erinnert sich Stefan noch genau: „Wir sind damals einfach mit Stapeln von Shirts im Kofferraum alle Läden im Rhein-Main-Gebiet abgefahren und haben unsere Klamotten vorgestellt.“ Diese Bodenständigkeit haben sich die drei bis heute bewahrt – während ihre Kollektionen die große weite Welt erobern.

Abgelichtet und in Szene gesetzt

Doch alle Mode ist nichts, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit ins rechte Rampenlicht gerückt wird. Ein Job, dem der im Nordhafen beheimatete Fotograf Sebastian Friedrich (34) nachgeht. Er hat schon das eine oder andere Fashionshooting hinter sich. Hauptsächlich betreibt er Werbefotografie und kommt eigentlich aus der Stillleben-Ecke, doch das Segment People und Fashion reizt ihn derzeit am meisten. „Ich fotografiere lieber Menschen, auch wenn das viel mehr Trubel bedeutet, als einen schlichten Gegenstand abzulichten“, sagt Sebastian. „Bei so einem Fashionshooting hast du Leute für das Make-up, Stylisten und natürlich die Models. Da ist viel mehr Interaktion gefragt“, erklärt der Fotograf den wuseligen Ablauf. In seinem Studio im Nordhafen bekommt man ein Gefühl dafür. Eine Szenerie aus Blitzgeräten, Beleuchtungsschirmen, Farbfiltern und diversen ausgefallenen Accessoires offenbart sich beim Betreten des hellen, in weiß gehaltenen Studios. Hier wurde auch die Fotosession für das benachbarte Mode-Studio „human shell“ abgehalten. Die Fotografien dieser Fashion-Reihe überzeugen mit klarem fotografischem Blick und gutem Posing. „Das waren professionelle Models, denen muss man nicht viel sagen, das hat sofort super funktioniert“, schildert Sebastian. Seit August 2010 hat er sich in Mainz niedergelassen. Fast untypisch für seinen Lebenslauf. Denn Sebastian ist schon hier und da rumgekommen. Als gebürtiger Westerwälder hat er bereits in München und Hamburg gelebt, war zwei Jahre auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs und hat nach fünf Jahren Assistenz bei einem renommierten Fotografen in Frankfurt nun seinen Platz im Nordhafen gefunden. Er möchte den Bereich der Fashion-Fotografie gerne weiter ausbauen und hofft, dass ihm das von Mainz aus gelingt.

Bescheidenes, aber vielfältiges Modetreiben

Auch wenn sich Mainz auf den ersten Blick nicht gerade als Modemekka offenbart, so präsentiert die Stadt eine vielfältige modische Bandbreite. Zwar sind die Modemacher hier rar, denn entsprechende Studiengänge und Ausbildungsgänge finden sich woanders, doch eine Entwicklung zeichnet sich ab. Die auferstehende „Do It Yourself“-Bewegung oder Kreative und Weltenbummler wie Kerstin und Sebastian geben Anlass zur Hoffnung, dass sich auch hier etwas tut. Und auch Stefan von Wemoto bleibt – und geht nicht nach Berlin. Und nicht zuletzt sorgt die zweimal jährlich stattfindende „stijl“-Messe für Fashion, Sport und Design dafür, dass Mainz sich modisch nach vorne positioniert. Es tut sich was – fangen wir an.