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Der Geist der Fastnacht – Worum es bei der fünften Jahreszeit wirklich geht

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von Günter Schenk
Fotos Andreas Coerper, Günter Schenk, MCV / Thomas Gottfried

Terrorgefahr, Kölner Verhältnisse, Tierschützer, die Pferde auf dem Umzug lieber verbieten wollen: „Wir nehmen den Kampf gegen die Mucker und Philister auf“, rief OB Michael Ebling am 1. Januar, „wir werden diese Fastnacht feiern und genießen und uns von niemandem den Frohsinn nehmen lassen.“ Die Sorgen rund um die Fastnacht und andere Großveranstaltungen scheinen von Jahr zu Jahr zuzunehmen.

In Mainz setzt die Polizei nun verstärkt auf Videoüberwachung und mehr Personal. Zusätzlich will man auch die sozialen Netzwerke kontrollieren, ob sich nicht dort schon Gruppen verabreden, die die Fastnacht gefährden könnten. Frauen werden Rückzugsorte angeboten – in der Regel die „Besoffenenzelte“ des DRK – und man munkelt, dass sich Teile der Bevölkerung verstärkt mit Elektroschockern, Pfefferspray und anderen Selbstverteidigungswaffen eindecken, vom erweiterten Glasverbot einmal ganz abgesehen.

Ist es wirklich schon so schlimm geworden oder wer hysterisiert hier wen? Gefeiert wird dieses Jahr trotzdem, und zwar unter dem Motto: „Ein echter Narr ist ohne Sprüch – rhoihessisch, herzlich määnzerisch“. Insgesamt gesehen bleibt der urwüchsige Mainzer also gelassen und wartet lieber auf die Anerkennung der fünften Jahreszeit als UNESCO Weltkulturerbe. Noch ist es nicht ganz dazu gekommen.

Dafür aber vielleicht bald die Idee, welche erst kürzlich entstanden ist: 23 Vereine – Tendenz steigend – haben sich zur „Mainzer Fastnacht eG“ zusammengeschlossen. Für Karl-Otto Armbrüster, Präsident der Prinzengarde, und seine acht Kollegen wurde damit Fastnachtsgeschichte geschrieben. „Ich finde es prima, dass es uns gelungen ist, eine Gemeinschaft zu gründen, in der nun sehr viele Vereine zusammenwirken“, freute sich auch MCV Vorsitzende Richard Wagner, ansonsten Juwelier in Mainz. Gemeinsam wolle man die Fastnacht stärken und sowohl finanziell als auch emotional voranbringen. Gerade auch, um junge Leute wieder für ein Engagement zu begeistern.

Vereine, die Mitglied der Genossenschaft werden möchten, haben die Möglichkeit, ein bis drei Anteile zu je 1.500 Euro zu erwerben. So können auch kleinere Vereine mitmachen und profitieren. Gemeinsame Marketing-Aktionen stehen auf dem Plan und Materialbeschaffung, was Uniformen oder Kamelle betrifft. Nicht zuletzt geht es aber auch um die gemeinsame Ausrichtung der Straßenfastnacht. Zwar soll der MCV weiterhin Veranstalter des Zuges bleiben und auch die Zugleitung bleibt dort angesiedelt. Denkbar und wünschenswert sei es allerdings, dass sich mehr Vertreter anderer Vereine einbrächten.

MCV hält Ruder in der Hand

Mit der Gründung einer Genossenschaft schreiben die organisierten Mainzer Narren Karnevalsgeschichte. Wenn alles gut geht, wird die Genossenschaftsidee zudem Deutschlands erste kulturelle Leistung sein, die künftig das höchste Gütesiegel der UNESCO, also der weltweiten Völkergemeinschaft, erhält. Damit ist auch erstmals das närrische Monopol des MCV gebrochen. Seit 1838 erhob der eine Art Alleinvertretungsanspruch auf die Fastnacht, auch wenn er in Sachen Fernsehfastnacht mit anderen ausgesuchten Vereinen zusammenarbeitete. Wenn es dem MCV finanziell schlecht ging, was vor allem im 19. Jahrhundert hin und wieder der Fall war, zog er sich aus der Straßenfastnacht zurück. Dann sprangen nicht selten Stammtische und Garden in die Bresche, um die Tradition am Leben zu halten.

Zudem lag der Verein nicht selten mit der Stadt im Clinch, stritten sich die Narren mit den Politikern über Zuschüsse für den Rosenmontagszug oder die Kosten für die Anmietung städtischer Säle. Das wird sich auch nach Gründung der Genossenschaft nicht ändern. Auch der neue Vorstand wird immer wieder für optimale Startbedingungen kämpfen müssen. Dazu gehören die kostenlose Nutzung des öffentlichen Raumes ebenso wie der Umgang mit Terrorangst und Sicherheitsbedenken.

ZugplaketteUmstritten war auch das aktuelle Zugplakettchen für den Rosenmontagszug (Foto). Für 4,50 Euro das Stück angeboten, ist es eine wichtige Einnahmequelle zur Finanzierung des 360 Tsd. Euro teuren Zuges. Was auf den ersten Blick für manch einen aussah wie ein Penis mit Kacke und einer Flasche, stellte sich bei genauerer Betrachtung als das bekannte Mainzer Dreigestirn „Weck, Worscht un Woi“ heraus. „Das Zugplakettchen ist nicht nur ein schönes Sammelobjekt“, erklärt MCV-Präsident Richard Wagner, „vielmehr ist es für jeden Narren, der am Zug teilnimmt sozusagen das Eintrittsgeld für den Rosenmontag“.

Das aktuelle Plakettchen erwies sich trotz oder gerade wegen mancher Unkenrufe als Verkaufsschlager. Über 90 Prozent der 43.000 Zugplakettchen sind inzwischen verkauft. Der MCV hat daraufhin noch einmal 5.000 Plaketten nachgeordert. Die Idee zum Zugplakettchen haben sich die Mainzer Fastnachter übrigens beim Deutschen Katholikentag 1948 in Mainz abgeschaut. Damals wurde eine Ansteck- Plakette zur Finanzierung des Katholikentags entwickelt. Das erste Zugplakettchen wurde dann 1950 zur Finanzierung des Rosenmontagszuges eingesetzt und fortan Jahr für Jahr mit immer neuen Motiven angeboten. Neben den Plaketten-Trends gibt es natürlich auch noch die Kostüm-Trends: Dieses Jahr sind vor allem Star Wars, Einhörner, Gruppenkostüme und Uniformen der Renner.

Immer neue Vereine

Das neue närrische Selbstbewusstsein zeigt sich in vielen Vereinen inzwischen in steigenden Mitgliederzahlen. So verzeichnen nicht nur die so genannten Traditionsgarden, von der Ranzen- bis zur Prinzengarde, immer mehr Zulauf, sondern auch Gruppierungen wie die „Allerscheenste“, der „Närrische Überwachungsverein“ (NÜV) oder die „Mainzer Obst- und Gemüsegarde“. Närrische Zentren sind längst nicht mehr nur Schloss, Rheingoldhalle, Frankfurter Hof oder die jeweiligen Bürgerhäuser. Auch Kneipen wie der Domsgickel, die Kugel, das Hafeneck oder der Flehlappe & Co. sind zunehmend im Kommen.

Längst aber, monierte Peter Betz alias Guddi Gutenberg, einer der scharfzüngigsten Mainzer Büttenredner kürzlich, ist Fastnacht nicht mehr in allen Veranstaltungen drin, auf denen Fastnacht draufsteht. Mit kaum einem anderen Fest wird mehr Etikettenschwindel getrieben als mit der fünften Jahreszeit, die spätestens am Aschermittwoch ihr Ende hat und über deren Anfang es sich streiten lässt. Sogar vor Gericht. So urteilten vor kurzem Kölner Finanzrichter, dass der Karneval allenfalls die Zeit zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch markiere und dass eigentlich nur Veranstaltungen in dieser Zeit vom steuerlichen Brauchtums-Bonus profitieren dürften.

Jetzt schaut auch die Mainzer Narrenwelt gespannt auf die Revisionsverhandlung. Aus der Fastnacht, die anfangs nur den Tag vor der anschließenden Fastenzeit markierte und dieser Tatsache auch ihren Namen verdankt, ist längst ein Unterhaltungs- Marathon geworden. Selbst in renommierten Redaktionsetagen wird das größte Mainzer Volksfest inzwischen als ganzjähriges Spektakel empfunden. „Wer Fastnacht live erleben will“, heißt es im neuen, dem 200jährigen Jubiläum Rheinhessens gewidmeten Merian-Heft, „muss nicht auf den Rosenmontagszug warten. Fastnachter wie der Musikkabarettist Lars Reichow oder der Comedian Tobias Mann, der seine Karriere auf der närrischen Bühne begonnen hat, touren bundesweit das ganze Jahr über.“

Dabei haben die Auftritte gerade dieser Spaß-Apologeten so viel mit Fastnacht zu tun wie Glühwein mit Weihnachten. Genau betrachtet pflegen sie keinen über Jahrhunderte gewachsenen Brauch, sondern sind – zugegeben begabte – Rädchen einer Unterhaltungsmaschine, die eine Gesellschaft zum Lachen bringen will, die eigentlich immer weniger zu Lachen hat. Denn obwohl das Heer professioneller Spaßmacher immer mehr wächst, lachen die Leute, wie die Wissenschaft bestätigen kann, immer weniger. Da hilft auch der Wiesbadener nicht mehr, der immer dann ins Spiel kommt, wenn dem Mainzer die närrischen Ideen ausgehen.

NarrenzirkusFastnacht im (unguten) Wandel

Inzwischen ist der Karneval eine globale Erscheinung, dokumentiert in fast 30 Mio. Google-Sucheinträgen. Seine Kraft aber bezieht das Fest bis heute aus den lokalen Gemeinschaften, den närrischen Familien, wenn man so will. Vor allem die Mundart ist der Kitt, der diese Gemeinschaften zusammenhält, der Spaß an Musik, Tanz und Spiel. „Narrheit-Einigkeit“ stand einst in großen Buchstaben an einer Wand im Frankfurter Hof, der ersten großen (närrischen) Versammlungsstätte in Mainz. Und um die Einigkeit nach außen zu demonstrieren, trug man Narrenkappen wie sie ein preußischer Generalmajor unter dem Motto „Gleiche Brüder, gleiche Kappen“ 1827 in den Kölner Karneval eingeführt hatte.

Auch in Mainz wurden die vierfarbbunten Kappen anfangs jährlich vom so genannten Kopfschuster gefertigt. Sie dienten nicht nur als gemeinsames Erkennungszeichen, sondern auch als Eintrittskarte für närrische Veranstaltungen, auch für die Sitzungen, die anfangs närrische Generalversammlungen hießen und in erster Linie dazu dienten, den Rosenmontagszug vorzubereiten. Jeder konnte sich da zu Wort melden, textlich oder musikalisch. Vor allem aber wurde viel zusammen gesungen, gut und reichlich gegessen und noch mehr getrunken. Das Bühnenprogramm war oft eher zweitrangig und allenfalls von größter Heiterkeit, wenn wieder mal einer der Redner durch eine auf der Bühne eingebaute Falltür im Untergrund verschwand – lautstark begleitet von den Schellen der Narrenkappen.

Für die Mainzer im 19. Jahrhundert war die Fastnacht ein Ausbruch aus dem Alltag. Doch weil Fest- und Alltag heute nicht mehr wie früher einen schroffen Gegensatz bilden, haben es die wahren Narren immer schwerer. Seit Feste und Partys alltäglich sind, ist die Fastnacht zu einem Fest unter vielen geworden. Dabei ist sie im Grunde mehr als eine Lockerungsübung mit Pappnase, Luftschlangen und Konfetti. „Es ist jedes Mal dasselbe und eben doch nicht das Gleiche“, bringt es der Kulturwissenschaftler Werner Mezger auf den Punkt. „Vertrautes verbindet sich mit Neuem, Erwartetes mit Unerwartetem. Und in dieser fein dosierten Mixtur aus Bekanntem und Überraschendem, aus Ritual und Spontaneität liegt ein enormer Reiz.“

So betrachtet ist die Fastnacht vor allem ein Spiel, das weder Sieger noch Verlierer kennt, in dem die Hoffnung immer siegt, das Staunen und Lernen verlangt und im besten Fall einen neuen Blick auf die Welt und sich selbst schaffen kann. Die entscheidende Rolle kommt dabei der Maske zu. Sie hilft, in andere Welten einzutreten, im Rollenspiel auszuloten, wer wir wirklich sind. Die Fastnacht wird so zum Spiegel des Menschseins, zu einer Art kosmischen Re-Kreation.


Zusammenhalt & Gemeinschaft

Das älteste Mainzer Volksfest, darin sind sich jedoch alle einig, lebt von der Summe seiner teilhabenden Individuen. Und nicht vom Zuschauen! Das unterstreichen auch die steigenden Mitgliederzahlen in vielen Karnevalsvereinen – ein gefährlicher Boom. „Man muss achtgeben, dass es nicht zu anonym wird“, sagte Ranzengarde- Chef Lothar Both unlängst in einem Interview. „Wir wollen, dass jeder jeden kennt“, heißt es auch bei der Prinzengarde. „Der Zusammenhalt ist uns wichtig.“

Diese Erkenntnis könnte der Mainzer Fastnacht – wie jetzt schon der schwäbisch-alemannischen Fasnet oder dem rheinischen Karneval in den ABCD-Hochburgen (Aachen, Bonn, Köln, Düsseldorf) – den Weg zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO ebnen. Die Hüter kulturellen Erbes nämlich interessiert nicht, ob das Fest möglichst viele Zuschauer oder eine besonders interessante Tradition hat, sondern ob es dazu beiträgt, selbst kleinste Gemeinschaften in ihrer Identität zu stärken. Etikette wie Originalität oder Alter, mit der sich mancher Verein gern schmückt, sind eher zweitrangig. Denn so wichtig Traditionen auch sind, sie müssen von Menschen gelebt werden – und die sind nicht mehr die Bildungsbürger des 19. Jahrhunderts, welche die Fastnacht einst reformiert und aus einem eher derben Volksfest ein romantisch geprägtes großes Rollenspiel gemacht haben. Heute gestaltet eine Generation die närrischen Feiern, die gelernt hat, dass Toleranz und kulturelle Vielfalt eine lebendige Gemeinschaft ausmachen.