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Das sensor 2×5-Interview mit Landesarchäologin Dr. Marion Witteyer

Was sind Ihre Aufgaben als Archäologin?

Unsere Hauptaufgabe ist es, Kulturdenkmäler zu schützen und erforschen. Wir forschen dazu vom Beginn der Menschheitsgeschichte bis zum Zweiten Weltkrieg, vor allem zum Leben der Menschen. Es geht uns dabei weniger um einzelne Fundstücke, als darum, zu rekonstruieren, wie Menschen früher gelebt haben. Das ist ein wenig wie Polizeiarbeit.

Wir werden gerufen wenn gebaut wird, um zu schauen was sich in der Baugrube befindet. Wir graben dann, beschreiben das Gefundene und dokumentieren es wissenschaftlich. Wir restaurieren aber auch Fundstücke und machen sie ausstellungsreif.

Wie viele Grabungen haben Sie etwa im Jahr?

Das sind etwa fünf größere Grabungen alleine in Mainz. Dazu kommen weitere im Umland. Diese Grabungen führen wir mit dreieinhalb wissenschaftlichen Stellen durch, drei Grabungstechnikern, einer Zeichnerin, einer Sekretärin und einem Grabungsarbeiter. Zusätzlich helfen uns Studenten und Ehrenamtliche. Jeder darf gerne mitmachen! Wir haben sogar einen über 80jährigen ehemaligen Bankdirektor. Voraussetzung ist Spaß am Draußen sein und Ausgraben.

Was sind die wichtigsten Fundstellen in Mainz?

Da sind aktuell die Massenbestattungen am Bruchweg / SWR mit den zurückgekehrten Soldaten aus der Völkerschlacht 1813. Und sonst alles auf dem Gelände der unimedizin, vor allem das römische Legionslager. Für das Mittelalter ist es die Altstadt, besonders um den alten Dom herum, der Johanniskirchenbereich. Was uns völlig fehlt, sind archäologische Siedlungsreste des mittelalterlichen jüdischen Mainz. Wo und wie haben diese Menschen gewohnt? Wir haben bisher keine Synagoge gefunden, kaum etwas eigentlich, außer unseren Vermutungen.

Wie sah Mainz aus zur Zeit der „Römer“?

In der Altstadt war es damals viel sumpfiger. Und der Rhein war breiter, noch nicht begradigt. Nur ganz wenige Menschen haben hier gelebt. Dann kamen plötzlich die Römer, um ihr Imperium zu vergrößern. Dazu haben sie Lager entlang des Rheins gegründet. Die Anhöhe zum Kästrich war dafür besonders geeignet, mit der weiten Sicht. Das Bild der Stadt war markanter und klarer. Ein Heer von 12.000 Mann war das – zwei Legionen samt ihrem Tross. Das muss ein imposanter Anblick gewesen sein. Die Soldaten kamen aus Frankreich und Gallien, bis in den Libanon. Sie erhielten ihren Sold und wurden dadurch auch interessant für umliegende Händler. Es bildete sich ein Markt. Mainz wurde dann Provinzhauptstadt und verwaltete ein riesiges Gebiet von Koblenz bis zum Genfer See. Etwa 500 Jahre dauerte das an.

Was reizt sie am meisten an Ihrer Arbeit?

Besonders interessieren mich Riten, speziell der Umgang mit dem Tod. Wie ging man mit sterbenden Menschen um? Wurden die Toten geehrt oder einfach nur entsorgt? Bei den Römern waren die Gräber unantastbar. Man hat mit den Toten sogar gemeinsam gefeiert. Im Endeffekt geht es mir vor allem um die Entwicklung von Gesellschaften oder kleineren Gemeinschaften über eine große Zeit hinweg. Und das macht einen auch oft nachdenklich, wenn man sich das heute anschaut und sieht, was in der Historie aus ähnlichen Entwicklungen geworden ist.

Sie kommen aus dem Westerwald und haben hier studiert

 Ich komme aus Elz am Westerwald und bin zum Studium der Klassischen Archäologie nach Mainz gekommen. Unsere Schulabschlussfahrt war nach Griechenland und da entstand die Idee, dass Archäologie spannend sein könnte, obwohl ich damals auch mit der Sozialpädagogik geliebäugelt hatte. Für meinen Magister bin ich dann nach München gegangen und habe dort auch promoviert. Dann gab es in Mainz wiederum eine interessante Stelle und Mainz ist historisch gesehen eine derart spannende Stadt, so etwas findet man kaum woanders.

Würden Sie jungen Menschen das Archäologie-Studium empfehlen?

Ich denke, wenn jemand Interesse und Engagement mitbringt, ist das Studium nicht verkehrt. Weil egal, was man studiert, heute gibt es in vielen Berufen kaum noch Sicherheiten. Ich glaube, wenn man etwas gerne macht, macht man das später lieber, als wenn man irgendetwas lernt, was einem keine Freude bereitet. Viele Archäologen arbeiten zudem später in anderen Feldern.

Reisen Sie auch, um Inspiration zu erhalten?

Ja, gerne und oft. Kurzreisen, wie mal zum Akropolismuseum nach Athen oder auch nach London. Und Italien ist für mich natürlich ein Muss. Dort grub und forschte ich auch mal in Ravenna mit einer internationalen Gruppe. Das war genial, Freude pur.

Warum ist es wichtig, sich mit Vergangenheit zu beschäftigen anstatt mit dem heute oder der Zukunft?

Mir geht es generell um die Beschäftigung mit anderen Kulturen. Egal ob gestern, heute oder morgen. Man muss so oder so ein Verständnis für das entwickeln, was nicht unbedingt dem eigenen entspricht. Es ist dann zudem oft ein Teil der eigenen Geschichte, und somit nicht fremdartig. Es geht mir also um Bildung, um die Auseinandersetzung mit verschiedenen Facetten von Werten, Traditionen und Vorstellungen.

Haben Sie sonst noch Hobbys?

Seit einiger Zeit habe ich die Liebe zu Pflanzen entdeckt. Wenn ich mit meinem Partner im Urlaub bin, wandere ich oft stundenlang mit Büchern durch botanische Gärten und fotografiere alles. Jedes grüne Blatt wird dann hochgehoben und gewendet. Das kann für meinen Partner schon recht anstrengend sein. Aber für mich ist das ein absolutes Sinneserlebnis. Und das mache ich auch gerne zuhause in Gau-Bischofsheim, da habe ich sehr viel Grün.

Interview David Gutsche Foto Jana Kay