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„Das Erotikgewerbe ist das ehrlichste der Welt“

Interview mit Jasmin Wimmer (ehemalige Chefin der „Bar zur Hölle“) über Musik, Klischees und das älteste Gewerbe der Welt …

Warum hat die „Hölle“ eigentlich dicht gemacht?

Man hat mich da ganz schön abgefuckt. Das Haus wurde versteigert und als ich gehört habe wer es bekommt, habe ich schon nichts Gutes geahnt. Es war die Mutter der Besitzerin einer anderen Bar. Die haben mir nicht gegönnt, dass mein Laden lief und sich dann als Vermieter um nichts gekümmert. Es gab einen Wasserschaden, dass es von der Decke tropfte und mitten im Winter mussten die Heizungen weger einer Reparatur ausgeschaltet werden. Als ich mir einen Anwalt holen wollte, haben mich erst mal drei abgelehnt, weil sie die Frau in irgendeinem Sujet vertreten haben. Von der Stadt habe ich leider auch keine Unterstützung bekommen. Sonst hätte ich die Bar zur Hölle gerne wieder an anderer Stelle aufgemacht.

Nun betreibst du das „Lucky“ in Taunusstein. Was ist das für ein Laden?

Das Lucky ist ein Musik-Pub und entwickelt sich mehr und mehr zum Nachtlokal. Viele Bands wollen hier auftreten und wenn es mir gefällt und die die Hütte voll machen, können die gerne hier spielen. Irgendwann sollen auch wieder Tänzerinnen auftreten. Unter der Woche ist es gechillter und es kommen vor allem Leute die lange trinken und reden. Wenn alle anderen Bars zu haben, kann man hier herkommen. Ich passe mich an die Bedürfnisse der Menschen an, egal ob Techno-Party, oder 50. Geburtstag

Machst du selbst auch Musik?

Ich hatte früher verschiedene Bands und habe mit meinem Ex-Mann Musik gemacht. Derzeit mache ich mit meiner Band AC/DC Cover. Aber am liebsten singe ich Blues, darum lerne ich nun auch Gitarre spielen. Früher bei einem Auftritt hatte sich mal eine junge Frau auf einen Tisch an die Stange gestellt und während des ganzen Konzertes getanzt. Das war klasse! Ich war ja auch mal Gogo Tänzerin. Man muss da die Bewegungen auf die Musik abstimmen. Und das Gefühl hat man, oder nicht. Das ist schon was anderes als Poledance heute, dieses Herumgeturne an der Stange, das ist ja fast schon Hochleistungssport. Meiner Meinung nach bleibt die Erotik da aber auf der Strecke.

Wurde in der Bar zur Hölle auch getanzt?

Teilweise schon, aber eigentlich war es ganz normal. Man denkt ja immer in Klischees: Eine Frau, die im Rotlichtmilieu arbeitet, muss entweder drogenabhängig und mit Gewalt dahin geprügelt worden sein, oder sie ist dumm, sonst würde sie ja was anderes machen. Aber nein, bei mir haben ganz normale Frauen gearbeitet. Für die meisten war es nur ein Nebenjob – Studentinnen, die sich ihr Studium finanziert haben und 50jährige verheiratete Frauen. Dass die Frauen so unterschiedlich waren, war wichtig, denn ein 60jähriger Gast schaut sich vielleicht gerne mal ein junges Mädchen an, aber sucht auch eine lebenserfahrene Gesprächspartnerin. Das Wichtigste bei der Arbeit aber war der Spaß.

Wie würdest du das Gewerbe beschreiben?

Das Erotikgewerbe ist das ehrlichste der Welt, weil die Leute sich so geben wie sie sind. Klar kommen sie oft heimlich – in der Öffentlichkeit kommen ja bei dem Thema nur Spießer und Konservative zum Vorschein, dass einem schlecht wird – aber wenn die Leute bei uns waren, dann waren sie frei und ehrlich. Oft wussten sie gar nicht, was sie eigentlich wollten und meistens ging es nur ums Reden. Und das konnten sie bei uns, ohne Angst zu haben, dass ihnen daraus ein Strick gedreht wird. Das Leben ist ja oft sehr gespielt, und wenn sie aus der Bar gingen, waren auch die alten Probleme wieder da. Es ging also einfach darum einen schönen Abend zu verbringen. Und haben sich zwei besonders gut verstanden, gab es auch kleine Séparées …

Kam es dort zu käuflichem Sex

Das ist immer gleich die erste Frage. Ich glaube die Gesellschaft hat ein Problem mit Erotik. Eine Frau, die Spaß beim Sex hat, ist heute immer noch eine Schlampe – hat sie es nicht, ist sie frigide. Diese Doppelmoral kotzt mich an. Ich bin ein Kind der 70er. Ich denke wir waren damals freier als heute. Die Entwicklung scheint mir rückwärtsgewandt. Die Pornoindustrie boomt, aber visuelle Stimulation ist etwas anderes. Der Porno bringt weder Verständnis noch Wertschätzung. Und das ist es, was unsere Gäste gesucht haben.

Wer sind wichtige Menschen an deiner Seite?

Freunde auf jeden Fall. Und meine Eltern waren auch toll, die waren im- mer gut gelaunt. Besonders mein Vater war mir immer wichtig. Er war gar nicht spießig. Ihm war es egal, wo jemand herkommt und was er gemacht hat, solange er ein netter Mensch war. Meine Eltern hatten nichts dagegen, was ich mache und selbst wenn, hätte ich eh gemacht, was ich wollte. Ich habe auch noch zwei Brüder, mit denen der Kontakt super ist, obwohl ich sie selten sehe. Und der Ehemann prägt einen natürlich. Ich bin jetzt seit 26 Jahren verheiratet. Bei meinem früheren Job brauchte man einen Mann mit starker Persönlichkeit und keinen Eifersuchtsknochen.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Eigentlich wünsche ich mir nur, dass sich das „Lucky“ noch mehr etabliert. Ansonsten wird sich alles zeigen. Ich habe mir nie überlegt, das und das ist mein Traum und den muss ich jetzt leben. Ich habe einfach immer gemacht was mir Spaß macht.

Interview Lena Frings Fotos Stephan Dinges

 

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