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Abfahrt auf Gleis 13: Der nerdige Mainzer Modellbahnclub

Ein einzelner Waggon steht etwas abseits im Mainzer Hauptbahnhof. Die Fenster sind hermetisch verschlossen. Am Ende des Schienenstrangs wuchern Brombeeren. Auf Gleis 13 geht die Fahrt nie weiter. „Deutsche Reichsbahn“ sagt das Schild auf der dunkelgrauen Außenwand. Abstellgleis? Keineswegs! Drinnen geht es lebhaft zu. Ein langer Tisch ist aufgestellt. Rundherum sitzen der Kassenverwalter Hans-Peter Riedel, der Vorsitzende Dominic Doos und neben einigen anderen Mitgliedern des Vereins auch Hermann Hönow, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Jeden Donnerstagnachmittag treffen sich hier die Mitglieder des „MCM 70“, des Modellbahnclubs Mainz, Auch Interessierte können mal vorbei schnuppern. „Wir sind eine Freizeitgruppe des Bahnsozialwerks“, erklärt Riedel. Auch einer der jüngsten Modellbahner ist mit von der Partie: Sebastian Franz ist 15, sein Bruder Jonathan, 10 Jahre, fehlt heute. „Die jüngeren Clubmitglieder sind nur selten da“, bedauert Hönow. Der mit 87 Jahren älteste Aktive ist aber so gut wie jeden Donnerstag hier anzutreffen. Es ist Josef Stumm, der von der Gründung des Clubs im Jahre 1970 bis 2005 das Amt des Vorsitzenden innehatte. An den Wänden stehen in Vitrinen zahlreiche Modell- Loks. Am kleinen Arbeitstisch enthalten Regale zahllose Fächer und Schublädchen, sorgfältig beschriftet: Zubehör, Kleinteile, Werkzeuge zur Reparatur der zierlichen Stücke. An den etwa 100 Lokomotiven und 200 Wagen ist immer mal wieder etwas in Stand zu setzen. „Vorige Woche hatten wir eine Vorführung, da gibt es viele Loks, die wir wieder in Ordnung bringen müssen“, sagt Sebastian. „Das geht aber nur, wenn wir Ersatzteile haben oder noch bekommen können.“ beschriftet: Zubehör, Kleinteile, Werkzeuge zur Reparatur der zierlichen Stücke. An den etwa 100 Lokomotiven und 200 Wagen ist immer mal wieder etwas in Stand zu setzen. „Vorige Woche hatten wir eine Vorführung, da gibt es viele Loks, die wir wieder in Ordnung bringen müssen“, sagt Sebastian. „Das geht aber nur, wenn wir Ersatzteile haben oder noch bekommen können.“ Teilweise stammen die Loks aus den 60er Jahren, die neueste kam grade erst dazu. So ist die Vereinsarbeit gleichzeitig auch ein Stück Geschichtsschreibung der Bahn. Klar, dass viele der Clubmitglieder Bahner sind oder waren.

Landschaft mit viel Zugverkehr

Plötzlich rauscht es im Hintergrund. Ein Zug kommt durch die Trennwand zum nächsten Abteil gefahren und verschwindet wieder im Tunnel. „Das war der alte Intercity Rheingold“, bemerkt Riedel. Neugierig tritt man ins andere Abteil, und steht vor einer vollkommenen Miniaturwelt: „Hinter der Trennwand liegt H0-Land.“ Den größten Teil des Waggons füllt diese Modellbahnanlage aus. Eine Landschaft mit Bergen, von Tunnels durchzogen, eine Burg obenauf. Belebte Straßen, Ortschaften mit idyllischen Häusern, die Kirche, deren Glocken läuten, Bäume und Sträucher, sogar ein Friedhof – die winzigen Grablichte fehlen nicht, es findet gerade eine Beerdigung statt! Eine Seilbahn gleitet hügelan, oben am Berg ist ein Sägewerk in Betrieb. Winzige Personen bevölkern allenthalben das Bild: Arbeiter, Spaziergänger und Wanderer, und dort der Rotlichtbus einer Prostituierten. Der Hang zur lebensechten Darstellung wird weit getrieben. Damit die Hochspannungsleitungen „echt“ aussehen, haben die Modellbauer anstelle von Draht ganz dünne Kettchen verwendet. „Nur so hängen die Leitungen durch wie in Wirklichkeit“, erklärt Stumm. Er hat von Anfang an am Bau dieser Anlage mitgearbeitet und ist mit sämtlichen Details bestens vertraut. „Da“, deutet er, „fährt eine kleine Grubenbahn vollbeladen in den Tunnel und kommt entladen wieder zurück. Auch die Bäume und Sträucher, alles selbstgemacht“, erzählt er. „Die Spundbohlen an der Hilfsbrücke sind aus alten Gardinenstangen. Ein Modellbahn-Bastler kann alles brauchen“, zeigt er auf den Wasserturm. „Der wurde aus einer alten Meister-Proper-Flasche gebaut.“ Stumm hat damit unmittelbar nach dem Krieg angefangen. „Als Kind spielte ich schon im Sandkasten mit einer Holzeisenbahn.“ Später wurde es dann zu seinem Hobby „und zu siebt haben wir den Club gegründet“. Jede Menge Herzblut in dieser Sache! Natürlich gibt es, das ist das Wichtigste, auf dem Modellbahngelände Bahnhöfe, Brücken, einen Lokschuppen mit Drehscheibe, sogar eine Gleisbaustelle. Jede einzelne Situation wird bis ins kleinste Detail dargestellt. Vor allem herrscht reger Zugverkehr auf allen Strecken. „Unsere Loks sind alles Modelle, die im Original in Deutschland fahren oder zumindest in Deutschland zugelassen sind.“ Der besondere Stolz der Modellbahner: „Die Anlage fährt mit einer echten Oberleitung – wie im richtigen Leben!“

Immer wieder Neue

 An der Anlage muss hin und wieder auch das eine oder andere geändert werden. Doos zeigt die Schublade mit den Fahrgeräten. „Vor kurzem haben wir die Signalsteuerung umgebaut. 18 Volt haben die Steueranlagen jetzt.“ Von Beruf Elektroniker, kann er seine Kenntnisse hier prima anwenden. Der Blick unter die etwas mehr als tischhohe Platte die die Landschaft trägt, ist für den Laien verwirrend. Wer blickt bei dieser Kabelvielfalt durch? Für die Fachleute kein Problem. Als Doos vor 15 Jahren zum Club stieß, war die Anlage im Prinzip so aufgebaut, wie sie jetzt steht. „Teilweise sind die verbauten Elemente 40 bis 50 Jahre alt. Da muss auch immer mal was ersetzt werden.“ Vor allem die sommerlichen Temperaturen im Waggon machen zu schaffen: „Es kann hier drinnen 40 bis 50 Grad warm werden. Das hält der beste Kleber auf die Dauer nicht aus.“ Aber auch „im Untergrund“ gibt es immer wieder Reparaturbedarf. „Da sind zwei Züge ineinander gekracht. Schlechter Fahrdienstleiter“, murrt Rolf Krechowicz, der 22 Jahre als Fahrplanzeichner bei der Bahn tätig war. Wenn es allerdings darum geht, unter der Landschaftsanlage zu werkeln, muss Sebastian ´ran. Der 15-jährige ist gelenkig genug, um auf allen Vieren unter der großen Platte entgleisten Zügen wieder auf die Schienen zu helfen. Die Anlage des Modellbahnclubs Mainz „MCM 70“, im Waggon auf Gleis 13 des Hauptbahnhofs kann wieder am 15. Dezember von 10 bis 16 Uhr besichtigt werden. Für Interessierte gibt es aber auch individuelle Vorführungen bis zu 20 Personen: www.mcm70.com.

Text Ulla Grall Fotos Stefan Zahm

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