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Erinnerungen an die Zukunft: Die SchUM-Städte Mainz, Worms und Speyer sind UNESCO-Welterbe

„Frau Bruna“ (alias Nathalie Hack) während des Theaterspaziergangs „Nebenan“

Ein verschlossenes Gittertor „Ausfahrt freihalten“, „Betreten des Friedhofs auf eigene Gefahr“. Und am Drahtzaun daneben prangt ein Banner in Lila „Wir sind UNESCO-Welterbe“. Hinter uns rauscht der Verkehr über die Mombacher Straße. Nicht gerade ein Ort der Stille. Und was heißt eigentlich „wir“? Wie damals etwa, als BILD titelte „Wir sind Papst“?

Das Banner an diesem unwirtlichen Ort hat der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling Ende Juli ausgerollt, am Tag nach der Entscheidung der UNESCO Kommission, ein Stück Mainz zum Weltkulturerbe zu ernennen, ein historisches, ein bauliches, ein spirituelles, ein geistiges – gemeinsam mit ebensolchen Relikten in Worms und Speyer. Etwas schwer zu fassen ist dieses Gebilde aus Ruinen, restaurierten Bauten, Museen, Friedhöfen und Geistesgeschichte, noch dazu in drei Städten. Es geht um „SchUM“, heute würde man sagen: eine Abkürzung, zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben der alten jüdischen Namen für Speyer (Schpira), Worms (Warmeisa) und Mainz (Magenza). Mit den Vokalen ist es im Hebräischen etwas trickreich. Die jüdischen Gemeinden in diesen drei Rheinstädten haben im Mittelalter einen Städteverbund gegründet und gepflegt.

Baustelle der Zukunft: Gefährdete Grabsteine

Ein Blick in die Vergangenheit
Aus Palästina über Italien waren die Juden in den Norden gekommen und siedelten sich am Rhein an. Die Bischofsstädte versprachen eine gewisse Sicherheit (die teils auch per Steuer bezahlt werden musste). Und an den Kreuzungen von Fernhandelswegen und dem Rhein boten sich vielerlei Verdienstmöglichkeiten. Die Kreuzritter von 1096 machten sich später auf dem Weg nach Jerusalem erstmal über die Juden am Rhein her und ermordeten fast die gesamte Gemeinde. Weitere Pogrome folgten über die Jahrhunderte. Aber in der Blüte des SchUM Städteverbunds wurde hier etwas geschaffen, das für das gesamte Judentum in Mitteleuropa (also die aschkenasischen Juden) und auch für uns alle noch heute Bedeutung hat: die noch heute gelesenen Talmud- und Bibel-Auslegungen des Gelehrten Raschi (1040-1105, in Mainz ausgebildet und tätig in Worms), die Gesetzgebung von Gerschom ben Jehuda (geboren 960, Todesjahr umstritten), der in Mainz eine Talmud-Akademie gründete und die Monogamie einführte, und viele andere Werke von jüdischen Gelehrten mit Einfluss bis heute. Aber ist das nur museale Vergangenheit?

Autor Andreas Berg ist stolz auf die geistige Tradition von SchUM

Juden, die es wissen müssen
Vladimir Lobodinski betont vor allem das geistige Erbe der Gelehrten aus den SchUM Städten. Er weiß, dass viele Lieder, die heute noch gesungen werden, einst hier geschrieben wurden. Auch die juristischen Reformen durch Gerschom ben Jehuda in Mainz sind ihm und vielen anderen Juden bekannt. Und natürlich der Talmud-Kommentar von Raschi. Als er allerdings das erste Mal die Mikwe und den Judenhof in Speyer besuchte, spürte er auch eine Lebendigkeit der Monumente, als ob die Steine zu ihm sprechen würden. Es erinnerte ihn an eine Passage aus dem „Herrn der Ringe“. Das mag aber nicht allen Juden so gehen, Vladimir erlebt große individuelle Unterschiede. Die einen folgen einem Pilgerkult und besuchen die Gräber berühmter Rabbiner, die anderen nicht. Von der UNESCO-Entscheidung erwartet er für sich selbst aber nichts („Ich lebe ja nicht vom Tourismus“). Und auch das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden dürfte davon kaum berührt werden, meint er. Lobodinski wirkte auch mit in der SWR-Dokumentation „Verfolgt und umworben – Zweitausend Jahre jüdisches Erbe“ von Andreas Berg. Der Filmautor und Kulturredakteur, Jahrgang 1959 und selbst Jude, meint ebenfalls, dass die Anerkennungals kulturelles Welterbe für das jüdische Alltagsleben kaum Konsequenzen haben werde, und für das Problem des Antisemitismus ebenso wenig. Den UNESCO-Labels schreibt Berg nur in den seltensten Fällen einen langen „Nachhall“ zu. Wichtig sei die Aufmerksamkeit, die das

Vladimir Lobodinski, 34, Reserveoffizier und Wirtschaftsstudent, folgte der Spur der Steine

jahrelange Antragsverfahren selbst ausgelöst hat, zumindest bei kulturell und am Judentum interessierten Menschen. Den Imagegewinn schätzt er für Speyer und Worms größer ein als für Mainz. Aber er begrüßt, dass auch einmal positive Nachrichten mit dem Judentum verbunden werden und nicht immer nur die Opferrolle das Thema ist. Schließlich geht es um den Reichtum jüdischer Kultur und die Phasen ihrer Blütezeit in der deutschen Geschichte.

Nur wenige Orte in Mainz
In Mainz ist die Spurensuche schwierig. Man weiß von vielen jüdischen Orten, die es einmal gab (z. B. im Bereich Klara- und Löwenhofstraße). In der Nähe des alten jüdischen Friedhofs ist in einem alten Plan ein „Judenbad“ verzeichnet. Aber alles ist überbaut. Die Archäologen warten schon seit Jahren auf alte jüdische Entdeckungen – eines Tages werden sie noch kommen – nur eine Frage der Zeit. Das Mainzer Attraktivum ist heute die neue Synagoge in der Neustadt, in der Andreas Berg häufig Führungen anbietet. Der alte Friedhof in der Mombacher Straße ist die wichtigste historische Stätte in Mainz, jedoch bisher nicht öffentlich zugänglich, der „Heilige Sand“ in Worms schon. Berg nennt das Judentum eine „diskursive Religion“. Der Spruch „zwei Juden, drei Meinungen“ spielt darauf an. So ist das Besondere an SchUM, dass in Mainz für die gesamte jüdische Welt bindende Gesetze und Reformen kanonisiert werden konnten. Ein Phänomen, das auch immer wieder heutige Rabbiner verblüfft.

Die neue Synagoge in der Neustadt –
kein UNESCO-Erbe, aber sehenswert

Und was jetzt?
Viel Ehre also für die drei Rheinstädte und ihre jüdische Vergangenheit. War da sonst noch was? Mit Geld ist das UNESCOLabel nicht verbunden und weder die Stadt Mainz noch das Land haben nun Sondermittel im Etat. Aber natürlich erleichtert die weltweite Anerkennung die Argumentation bei Antragstellungen. In Mainz soll es vor allem um die Sicherung der altenGrabsteine auf dem Judensand gehen. Mindestens 40 von ihnen stehen schräg oder sind gefährdet, denn sie wurden in früheren Zeiten einfach ohne Fundament in die Erde gestellt. Die Bewahrung und Restaurierung der Inschriften kommen dazu. Säurefraß oder auch der Bewuchs mit Flechten setzen den Texten zu, die weit mehr enthalten als nur Namen und Sterbedaten. Elke Höllein, Leiterin Öffentlichkeitsarbeit in der städtischen Verwaltung und Städtische Koordinatorin der Welterbe-Bewerbung SchUM spricht von einer Drittelfinanzierung durch die Stadt, die Generaldirektion Kulturelles Erbe und die Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd. Diese Landesbehörde leistet bereits jetzt aus dafür zugewiesenen Bundesmitteln jährlich einen Finanzbeitrag von 1,10 Euro pro Quadratmeter für die Grünpflege und allgemeine Unterhaltung des Friedhofs. Darin sind keine Mittel für die Denkmalpflege enthalten. Es wird also auch um Sponsoren und die Bundes- und Landeskulturstiftung gehen. Der Denkmalschutz muss dabei sensibel vorgehen, denn das Judentum fordert die ewige Totenruhe (bis zur Auferstehung). Gräber dürfen nicht betreten, nicht wiederbelegt, Tote nicht exhumiert und Grabsteine nicht entfernt werden – anders als im Christentum. Ein Besucherpavillon am Friedhofsgelände soll ab 2023 nicht nur einen Blick über die historischen Grabsteine ermöglichen, sondern auch mithilfe moderner Technologie anschauliche Informationen liefern. Zudem ist eine App in Arbeit, wie sie bereits in Worms und Speyer existiert. Interaktiv abrufbar ist damit dann ein Weg durch die jüdische Vergangenheit der Stadt. Auch das Landesmuseum bereitet einen besonderen Ausstellungsraum zum Thema vor. Für Höllein ist bei allen

Elke Höllein, Leiterin Öffentlichkeitsarbeit in der städtischen Verwaltung und Städtische Koordinatorin der Welterbe-Bewerbung

Maßnahmen die gemeinsame und aufeinander abgestimmte Darstellung der drei Städte wichtig. Diese schlägt sich bereits im Designkonzept nieder, das man überall wiederfindet, wenn es um SchUM geht: auf Bannern und Plakaten, der Beschilderung, in gedruckten und Internetpublikationen und sogar auf beschrifteten Kippas. Damit der UNESCO-Titel erhalten bleibt, hat die Stadt bereits seit mehr als einem Jahr einen Arbeitsausschuss für die „Welterbeverträglichkeitsüberprüfung“ ins Leben gerufen. Mit dem Titel sind eben nicht nur Vorteile, sondern auch Verpflichtungen verbunden.

Ein frischer Blick auf SchUM
Die drei SchUM Städte, ihre Tradition und ihre jüdischen Denkmäler sollen nun vermehrt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden. Ein wichtiger Beitrag dazu ist auch das Projekt „SchUM Artist in Residence“. Hier wurden internationale Künstler aller Sparten aufgefordert, aktuelle Projekte zu entwickeln, die in Speyer, Worms oder Mainz innerhalb eines Stipendiums von sechs Wochen realisiert werden können. 90 großenteils sehr ambitionierte Bewerbungen aus aller Welt wurden eingesandt und eine hochkarätige Jury traf Ende Juli die Entscheidung. Zu ihr gehörten die Kunstkritikerin Dorothee Baer-Bogenschütz, die Lyrikerin Nora Gomringer, Manuel Herz, Architekt der Neuen Synagoge Mainz, Jazzprofessor Sebastian Sternal und der Autor und ehemalige Mainzer Stadtschreiber Feridun Zaimoglu. Anfang 2022 kommen in diesem Rahmen in die drei SchUM Städte: Avery Gosfield, in Italien lebende Amerikanerin, Spezialistin für Alte Musik, spielt neben der Blockflöte weitere historische Instrumente und ist Projektleiterin der Jüdischen Musik- und Theaterwoche Dresden. Gemeinsam mit ihrer Gruppe „Ensemble Lucidarium“ wird sie in Speyer eine Komposition erarbeiten, die auf jüdischen Text- und Musiküberlieferungen beruht, aber auch Neukompositionen und Improvisation enthält. Für den Argentinier Germán Morales wird Mainz für sechs Wochen Arbeitsort sein. Der Architekt hat sich auf die Rekonstruktion und Erfassung historischer Bauten spezialisiert und in seinem Heimatland über jüdische Kolonien in der Provinz Entre Rios geforscht. Er wird mit Zeichnungen und Fotos das architektonische Erbe der drei Städte erfassen und dabei auch vorhandene Archivquellen ausgiebig nutzen. Das dritte Stipendium geht an Katya Oicherman aus Russland, die heute in New York lebt. Als bildende Künstlerin hat sie sich mit Video, Installationen und Performances beschäftigt. Sie möchte in Worms eine Serie von Handstickereien anfertigen, die Bezug auf das „Minhagbuch“ nehmen, eine Sammlung jüdischer Gebräuche und Riten, die Juspa Schammes, Chronist der Wormser jüdischen Gemeinde im 17. Jahrhundert, angefertigt hat. Das Projekt ist eingebunden in das bundesweite Festjahr #2021JLID, das der Verein „321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V.“ mit seiner Geschäftsstelle in Köln organisiert und koordiniert. Das Land Rheinland-Pfalz und die drei beteiligten Städte tragen zur Finanzierung und Realisation bei. Womit SchuM in der Gegenwart angekommen ist. Und vielleicht ist das „wir“ des Oberbürgermeisters ja doch richtig: Wenn wir verstehen, welchen kulturellen Beitrag Juden zu allen Zeiten für uns alle geleistet haben! Auf Mendelssohn- Bartholdy, Sigmund Freud, Anna Seghers, John Zorn und viele Tausend andere möchte ich jedenfalls nicht verzichten.

Text Minas
Fotos Stephan Dinges

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