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Zweckehe Jobcenter

Text: Andreas Schröder
Fotos: Elisa Biscotti

Ist das Geld knapp und noch keine Anstellung in Aussicht, bleibt vielen Jungakademikern nur die Möglichkeit, nach der Uni Arbeitslosengeld II zu beantragen. Der Gang zum Jobcenter ist die heimliche Angst vieler Studenten kurz vor dem Abschluss – vor allem Geisteswissenschaftler sind davon betroffen. Im Fall der Fälle gilt für Absolventen: Ruhe bewahren und selbst Verantwortung übernehmen.

Es fällt nicht schwer, sich in die Situation zu versetzen: Man hält das Zeugnis in den Händen, ist gut ausgebildet und hat zahlreiche Praktika absolviert. Am Vorabend noch mit Freunden den erfolgreichen Abschluss eines Lebensabschnitts gefeiert, macht man sich am nächsten Morgen auf den Weg in einen neuen – mit der Fahrt zum Rodelberg, dem Sitz des Mainzer Jobcenters.
Über die Behörde, durch die die Sozialverwaltung der Stadt und die lokale Agentur für Arbeit alle Empfänger von Arbeitslosengeld II (ALG-II) – besser bekannt als Hartz IV – betreuen, haben die meisten Absolventen bereits vor ihrem ersten Besuch eine mehr oder weniger klare Vorstellung: Berge von Formularen, scheinbar sinnlose Forderungen und Mitarbeiter, die allem Anschein nach kein Verständnis für die Belange ehemaliger Studenten haben.

„Ich habe mir gedacht, hier bin ich total falsch“

Sandra (30), heute erfolgreiche Redakteurin bei einer hessischen Kommunikationsagentur, musste sich 2008 nach ihrem Abschluss an der Johannes Gutenberg-Universität an das Mainzer Jobcenter wenden. Nach einem kurzen Gespräch mit ihrem Sachbearbeiter, der für die Leistungsbewilligung zuständig ist, stellte sie sich ihrem Vermittler vor. „‚Sie sind also ex-immatrikuliert‘, war das erste, was er zu mir sagte“, wundert sie sich noch heute über die etwas ruppige Begrüßung. „Ich habe mir gedacht, hier bin ich total falsch, weil er gar keine Ahnung hat, wie er mit Akademikern umgehen soll. Ich hatte das Gefühl, er konnte nicht unterscheiden, mit wem er da redet.“
Björn (Name von der Redaktion geändert) hat im September 2010 sein Studium abgeschlossen und ist seit Anfang 2011 „Kunde“ – so der offizielle Terminus – des Jobcenters. Auch er berichtet von ähnlichen Erfahrungen. „Man merkt, dass sie dort häufig mit anderen Leuten zu tun haben“, beschreibt er seine Vermittlerin, „den Ton hätte man auch leicht in den falschen Hals bekommen können.“
Jungakademiker machen lediglich einen Bruchteil der Kundschaft auf dem Rodelberg aus. Beim Jobcenter betreut ein Vermittler das komplette Segment, „vom 50 Jahre alten Lagerarbeiter mit Bandscheibenvorfall bis zur 20-jährigen VWLAbsolventin, die lediglich für ein paar Monate eine Übergangsunterstützung benötigt“, erklärt Holger Moller. Bis Ende 2009 war er im Arbeitgeberservice der Vermittlungsabteilung tätig. Seit etwas mehr als einem Jahr arbeitet er als selbstständiger Berufswegeberater.

Self Fulfilling Prophecy

Horst Kramer, stellvertretender Geschäftsführer des Mainzer Jobcenters, räumt ein, dass man nie vollkommen ausschließen könne, dass ein Vermittler nach dem dritten oder vierten anstrengenden Gespräch beim darauf folgenden Kunden – egal ob Akademiker oder langzeitarbeitsloser Alkoholiker – nicht seinen aufgebauten Frust ablade. „Die Vermittler sind auch nur Menschen“, so Kramer. Die Regel sei das aber nicht. „Unsere Mitarbeiter sind sehr diszipliniert. Wir achten sehr auf einen professionellen Umgang mit dem Kunden“, betont er. Ein Großteil der landläufigen Meinungen über das Jobcenter hätten ihre Wurzeln in der Vergangenheit, ist Kramer überzeugt. Man habe damals einen „holprigen Start“ hingelegt. Gerade das Mainzer Jobcenter habe seit 2008/2009 aber „enorme Fortschritte“ gemacht.
Kramer kann sich gut vorstellen, dass die gängige „Vorbildung“ über das Jobcenter gerade bei Akademikern zur ‚self-fulfilling-prophecy‘ wird. Wer sich nach der Freude über den erreichten Abschluss im Jobcenter fehl am Platz fühlt, reagiert schnell mit Trotz. So wird eine vernünftige Arbeitsbeziehung unmöglich. „Ich glaube, ich war meinem Vermittler irgendwie zu störrisch“, sagt Sandra im Rückblick.

Bewerbungstraining für Akademiker?

Mit gemischten Gefühlen reagierten Sandra und Björn auch auf die „Maßnahme“ im Rahmen des „Starterpakets“ für ALG-II-Empfänger. Der zweiwöchige Kurs bei einem externen Dienstleister soll „den Kunden“ grundlegende Techniken wie die Formulierung eines Anschreibens und das Verhalten im Bewerbungsgespräch vermitteln. Sandra hat ihre Empörung darüber in einem 20-seitigen „Bootcamp“-Tagebuch zusammengefasst. Darin beschreibt sie eine heterogene Gruppe, in der kein gemeinsames Arbeiten möglich war, lediglich grundlegendste Fähigkeiten vermittelt wurden und ein Großteil der Teilnehmer die Mitarbeit verweigerte.
Es gehe darum zu vermitteln, welche Forderungen das Jobcenter an „den Kunden“ stellen und welche Erwartungen der ALG-II-Empfänger an das Jobsenter richten darf, verteidigt Kramer die Maßnahme. Er ist überzeugt davon, dass auch Jungakademiker im Schnitt von den Trainingseinheiten des Starterpakets profitieren. Dass auch sie die Maßnahme durchlaufen müssen, sei „weder beleidigend noch schädlich“.
Vor allem falsche Erwartungen könnten zu einer Belastung der Beziehung zwischen Vermittler und „Kunden“ führen, warnt Moller. Oft haben Absolventen das Gefühl, das Jobcenter stelle zwar übertrieben hohe Anforderungen an sie, erfülle aber seine eigenen Aufgaben nicht. „Ich habe in einem halben Jahr kein einziges Stellenangebot bekommen“, erinnert sich Sandra. Ein Missverständnis, klärt Horst Kramer auf: „Die Agentur hat den Auftrag, die Menschen in Arbeit zu bringen. Wir haben den Auftrag, die Hilfsbedürftigkeit und die Abhängigkeit von staatlichen Leistungen zu beenden.“ Das Jobcenter erfüllt seinen Auftrag also auch, wenn es „den Kunden“ dazu bewegt oder befähigt, sich selbst eine Stelle zu suchen.

Zeigen, dass man selbst nach Arbeit sucht

„Als Absolvent sollte man in Sachen Vermittlung keine allzu großen Erwartungen an das Jobcenter stellen“, betont Holger Moller und rät, selbst die Verantwortung für die Jobsuche zu übernehmen. Ein Vermittler betreut zwischen 75 und 125 Kunden. „Da ist man für jeden dankbar, über den man sich keine Gedanken machen muss, weil er zeigt, dass er selbst aktiv nach Arbeit sucht“, erläutert er. Auch Björn hat diese Erfahrung gemacht: „Ich habe den Eindruck, dass meine Vermittlerin am Anfang aus der Routine heraus sehr kurz angebunden war. Später hat das umgeschwenkt.“
Entsprechend seines Auftrags und der geringen Zahl von Absolventen, die ALG-II beantragen, ist das Jobcenter nicht wirklich auf deren Vermittlung ausgerichtet. Es gibt nicht genügend Kunden, um einen Mitarbeiter zu rechtfertigen, der sich komplett auf Akademiker spezialisiert. Deshalb pflegt das Mainzer Jobcenter seit einiger Zeit eine bilaterale Kooperation mit dem Hochschulteam der Agentur für Arbeit – eine Praxis, die Holger Moller begrüßt: „Es ist sinnvoll, dass die Leute dort betreut werden, wo die speziellen Kompetenzen vorhanden sind.“

Die Vermittlungslücke schließen

Derzeit sei man im Begriff, dieser Zusammenarbeit einen formalen Rahmen zu geben, berichtet Kramer. Die Vermittlungslücke, in die Jungakademiker als ALG-II-Empfänger gefallen sind, könnte so dauerhaft geschlossen werden. Während Sandra noch ausschließlich durch das Jobcenter ‚vermittelt‘ wurde, profitiert Björn bereits von dieser Neuerung. Vom Hochschulteam der Agentur habe er die ersten Stellenangebote bekommen.
Im weiten Spektrum der ALG-II Empfänger sind Jungakademiker nur eine Randerscheinung und werden es hoffentlich auch immer bleiben. Natürlich sollte jeder, „der die Unterstützung des Jobcenters nach dem Studium braucht, um über die Runden zu kommen, diese auch in Anspruch nehmen“, rät Moller. Absolventen müssen sich aber im Klaren sein, dass man beim Gang auf den Rodelberg nicht die gleichen Erwartungen haben darf, wie bei einer Liebeshochzeit. Die Verbindung mit dem Jobcenter ist eine Zweckehe und muss auch als solche gesehen werden. „Man muss sich immer sagen: ‚Meine Arbeitssuche ist meine Sache‘.“

Ein Kommentar “Zweckehe Jobcenter

  1. Wenn man dann noch einige Berichte und mediale Zusammenstellungen auf Nachdenkseiten.de zum Thema Bildung liest, ist man vielleicht sogar ein gutes Stück besser informiert.

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