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Umweltgruppen üben Kritik am Vorgehen der Stadt zum Biotech-Hub

Die Stadt soll zum
Biotechnologie-Zentrum ausgebaut werden (Foto: IMB)

Mainz soll in den nächsten Jahren ein Zentrum der Biotechnologie werden. Dafür wurde von der Stadt Mainz ein seither überwiegend landwirtschaftlich genutztes Gebiet an der Saarstraße auserkoren. Dies hat bei zahlreichen Umwelt- und Nachhaltigkeitsgruppen massive Kritik hervorgerufen. Sie fordern die Stadt auf, Pläne zu überdenken und vor allem bereits versiegelten Alternativflächen zu prüfen, die ebenfalls geeignete Standorte sein könnten. Darüber hinaus müssen die Erkenntnisse aus der Klimprax-Studie sowie der Klimaexpertise Ökoplana 2022 in die Betrachtungen einbezogen werden.

Zur Pressemitteilung:

In diesen Tagen erleben die Bürger*innen von Mainz die Folgen der Klimakrise sehr eindeutig. Heiße Tage und massive Trockenheit zeigen die Veränderung des Klimas hier bei uns. In den Nachrichten wird deutlich, dass andere Gegenden noch stärker betroffen sind als der Großraum Mainz. Vor diesem Hintergrund muss die Stadt Mainz ihre Planungen hinsichtlich Klimaverträglichkeit grundlegend auf den Prüfstand stellen.

Viele Umwelt- und Nachhaltigkeitsgruppen sind alarmiert. Bei einem Vernetzungstreffen zum so genannten ‚Biotech-Areal‘ an der Saarstraße kamen Vertreter*innen zahlreicher Umwelt- und Nachhaltigkeitsgruppen wie Arbeitskreis Umwelt Mombach, BUND, Bündnis Stadtklima Mainz-Wiesbaden, Gonsenheimer Bauernverein, MainzZero, Parents For Future Mainz und Workers For Future zusammen. In dem offenen und engagierten Austausch wurde schnell deutlich, dass alle Anwesenden sich in ihrer Kritik an den Plänen der Stadt einig sind:

Bei aller Unterstützung für eine weitere wirtschaftliche Entwicklung von Mainz gerade im Bereich Biotechnologie müssen Umwelt- und Nachhaltigkeitsgesichtspunkte mit höchster Priorität berücksichtigt und ökologische Folgekosten von vornherein mitgerechnet werden.
Im Landschaftsplan der Stadt liegt das Planungsgebiet in einer Grünzäsur und in einem der letzten großflächig landwirtschaftlich genutzten Gebiete von Mainz., es ist Kaltluftentstehungsgebiet und Frischluftschneise. „Zudem hat hier der vom Aussterben bedrohte Feldhamster aktuellen und potenziellen Lebensraum“, betont Hans-Helmut Ludewig vom Arbeitskreis Umwelt Mombach. Schon der Stadionbau, die Bebauung des Kisselbergs und das bereits planfestgestellte Hochschulerweiterungsgelände stellen Barrieren der Ventilationsachsen dar und haben die Artenvielfalt weiter zusammenbrechen lassen.

„Ein weiteres Aufheizen der Mainzer Innenstadt durch die Reduktion von Kaltluftentstehungsgebieten und -schneisen – auch nur um einen einzigen Prozentpunkt – ist nicht akzeptabel“ sagt Maren Goschke vom BUND und findet damit allgemeine Zustimmung. Sie fügt hinzu, „Das sagt übrigens schon der Koalitionsvertrag der Ampel von 2020. Und daran muss die Ampel sich auch konsequent halten, wenn sie ihr Bekenntnis zum Klimaschutz ernst meint“. Alle Reduktionen müssen mindestens überkompensiert werden. Eine zunehmende Flächenversiegelung muss auf jeden Fall vermieden werden.

Boden, Grundwasser, Klima und Artenschutz würden durch eine auch nur teilweise Bebauung der rund 50 Hektar Ackerfläche stark negativ beeinflusst. Leider zeigen vergangene Bauprojekte der Stadt, dass die naturschutzfachlichen Kompensationsmaßnahmen aus den Bebauungsplänen (Dach- und Fassadenbegrünung, Baumpflanzungen, Entsiegelungen, Blühstreifen) nicht oder nur teilweise umgesetzt sind (z.B. Gutenberg-Center, Stadion, City-Parkhaus). Daher ist die Skepsis bei den Teilnehmenden des Vernetzungstreffens groß, inwiefern vom Bebauungsplan vorgeschriebene Maßnahmen Realität und dauerhaft kontrolliert werden. „Wir fordern das Umsetzen aller Festlegungen aus den Bebauungsplänen, bevor wir über weitere Versiegelung nachdenken“, so Matthias Gill, der Initiator des Treffens.

Alfred Zimmer, Grundstückseigentümer und Pächter, ergänzt: „Es passt einfach nicht mehr in
die Zeit, eine so große Fläche besten Ackerlands zu versiegeln. Die Planung der Stadt ist für
uns überhaupt nicht nachzuvollziehen.“

„Die Anwesenden erwarten von Stadtrat und Stadtverwaltung, dass künftige Entscheidungen
von der Einsicht geprägt sind, dass die Klimakrise in Mainz angekommen ist und dass alles
getan werden muss, um weitere Beeinträchtigungen unserer Lebensqualität zu vermeiden!“
fasst Edith Heller von den Workers For Future die Stimmung aller Anwesenden zusammen.
Bezüglich des diskutierten Projekts erwarten die anwesenden Vertreter*innen der oben
genannten Verbände und Initiativen der Stadtverwaltung ein konsequentes Umsetzen
folgender Forderungen:

 Es müssen Alternativstandorte ergebnisoffen untersucht werden, vornehmlich schon
versiegelte Flächen
 Für alle Standorte und die Wettbewerbsausschreibung müssen folgende Regeln
verbindlich eingehalten werden, um Klima- und Nachhaltigkeitsgesichtspunkten
Rechnung zu tragen:
o Vollständiger Erhalt von Kaltluftentstehungsgebieten und Ventilationsachsen
o Verbindliche Berücksichtigung der Klimpraxstudie und der Klimaexpertise
(Ökoplana 2022): Festsetzen klimaökologisch wirksamer Maßnahmen
(maximale Gebäudehöhen, Freiflächen, schattenbildende Begrünung,
Fassaden- und Dachbegrünung, Entsiegelung als Kompensation) sowie
Sicherstellen ihrer Einhaltung
o Erhalt größerer Ackerflächen
o Vollumfängliche Berücksichtigung des Artenschutzes.

Hans-Georg Frischkorn von MainzZero spricht mit seiner Zusammenfassung allen
Anwesenden aus dem Herzen: „Nur wenn alle diese Minimalforderungen erfüllt werden, kann
dieses für Mainz wichtige Projekt realisiert werden! Der Stadtrat muss sicherstellen, dass die
Verwaltung im Sinne der Stadtratsbeschlüsse – vom Klimanotstandsbeschluss im September
2019 bis zum Beschluss zu konsequenterem Klimaschutz vom November 2021 – handelt.
Ohne Wenn und Aber!“

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