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Traubenkraft: Wie Mainzer Jungwinzer neue Akzente setzen

Die Hochsaison neigt sich dem Ende. Die Weinernte ist vorbei. Wie auf einer Perlenkette aufgeschnürt liegen die Weingüter in Mainz und Umgebung. Tradition steht im Vordergrund. Nicht umsonst prangen stolz an vielen Höfen die Gründungsjahre, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Dies erkennt man auch an den alten Gebäuden und teilweise noch Originalholzfässern im Weinkeller. Doch bedeutet Tradition nicht gleich altmodisch oder nicht zeitgemäß oder nicht im Trend liegend zu sein. Im Gegenteil: Auf den Weingütern selbst trifft man auf ein buntes Treiben.

Besucher kommen für Weinproben oder um durch die Weinberge zu spazieren und eine Gutsführung zu erhalten. Jung und Alt sind dabei. Denn die moderne Weingeschichte schreiben schon längst viele Jungwinzer. Sie halten die Tradition aufrecht und sorgen für frischen Wind in der Branche. Was aber machen sie anders als ihre Großeltern oder Eltern, wenn sie bereits in der vierten Generation das Weingut übernehmen?

Patrick Eckert und Freundin Anna vom Weingut Fasanenhof in Mainz-Ebersheim

Mixen und neu erfinden
Für Patrick Eckert war schon immer klar, dass er den Fasanenhof in Ebersheim (Gründung im 17. Jahrhundert) weiterführen möchte. Gezwungen wurde er dazu nie. Noch führt er das Weingut nicht ganz alleine. Seine Eltern Heike und Michael sind beide noch im Betrieb, unterstützen ihn und übernehmen u.a. die Büroarbeit sowie den Ausschank in der Straußwirtschaft. Patrick selbst pflegt die Weinberge und kümmert sich um die Produktion: „Ich mache viel anders und probiere auch aus“, berichtet er. Bestehende Sortenweine werden weiter produziert, doch Eckert setzt eigene Akzente: „Der Orange-Wein ist eine vierte vergessene Weinsorte. Den habe ich wieder in unser Sortiment aufgenommen. Auch mische ich unsere alten und bekannten Sorten.“ Die „Sommer Sonne“ ist auch ein Ergebnis seiner Kreativität. Kreativ zeigt sich auch seine Freundin Anna, die im Sommer ihre Ausbildung zur Winzerin abgeschlossen hat. Ihren Ideen ist es zuzuschreiben, dass es auf dem Fasanenhof auch Weintastings in Kombination mit Schokolade gibt – Stichwort #Foodparing. Trotz neuer Gedanken stehen Tradition und Kundenkontakt für beide an wichtiger Stelle. Soziale Netzwerke und dickes Marketing sind wichtig, aber nicht alles. Sie wollen lieber „in Ruhe leben“ und beschränken sich auf das Elementare – den Weinbau. Beide genießen es, bereits als Berufseinsteiger von Beginn an für die gesamte Produktion und Qualität verantwortlich zu sein, und führen stolz die Familientradition weiter.

Auch Naturweine schmecken gut
Das Weinhaus Michel aus Mainz kann auf eine lange Tradition seit 1756 zurückblicken. Sohn Marcus Michel begann im Jahr 2014 nach seinem Realschulabschluss seine Ausbildung zum Winzer. Damals hatte er „keine Lust mehr auf die Schule“. „Der Papa hat ja das Weingut, und nach einem Praktikum beim Schreiner wollte ich diesen Beruf nicht wählen. So bin ich Winzer geworden“, benennt er die Hintergründe seiner Berufswahl. Da das Weingut mit 14 Hektar zu einem eher kleineren zählt, kann Michel viel ausprobieren und ist ungebunden. Sein Ziel ist trotzdem, das Weingut groß zu machen, und er zeigt sich lernwillig und innovativ: „Ohne neue Ideen im Marketing und der damit verbundenen Kommunikation mit Kunden sowie in der Weinproduktion komme ich nicht weiter – ich muss alles können. Jungwinzer zu sein ist ein 24/7 Vollzeitjob.“ Insbesondere in der Produktion setzt er auf eine neue Weinlinie und produziert Naturweine – „Abseits des Mainstreams“ ist sein Stichwort. Viele Erfahrungen hat er während seiner Ausbildung auf einem Biobetrieb sammeln können. „Es geht auch ohne Glyphosat. Ich lege Wert auf natürliche Düngung.“ Der Wein schmeckt trotzdem oder gerade deshalb gut. Diese besondere Note ist Michel zu verdanken. „Ich denke, dass die junge Generation experimentierfreudiger ist. Auch durch neue Kenntnisse in Technik und Produktion, die uns in unserer Ausbildung mitgegeben wurde, bringen wir andere Ansätze mit.“ Dass Experimentierfreudigkeit häufig auch Investitionsfreudigkeit bedeutet, kann Michel bestätigen. Oftmals hilft eine realistische Einschätzung der Finanzen seitens der Eltern.

Markus Eckert vom Laurentiushof probiert gerne Neues aus

„Dem Stil treu bleiben, trotz neuer Ideen“
Nach Markus Eckert vom Laurentiushof darf Wein nicht austauschbar sein. Diese Einzigartigkeit wird deutlich, wenn es der Winzer versteht, eine eigene Geschichte mit dem Wein zu erzählen und damit die Leidenschaft für den Beruf auszudrücken. Diese führt nach Ebersheim: Seit 2019 ist der junge Winzer auf dem Weingut seiner Eltern für die Herstellung des Weines und für den Ausbau verantwortlich. Den Weinbau zu vergrößern, ist sein klares Ziel. Doch seitdem Markus auf dem Weingut tätig ist, hat sich viel verändert: Ein Online-Shop wurde installiert, um den Wein schneller an die Kunden zu bringen, sowie eine digitale Buchführung: „Natürlich bringen junge Menschen neue Impulse. Da meine Generation in der Zeit der Digitalisierung aufwächst, ist es nicht verwunderlich, dass wir versuchen, Möglichkeiten zu finden, diese auf den Weingütern zu etablieren.“ Allerdings möchte er nicht nur hinter den Kulissen für Neuerungen sorgen. Schließlich handelt es sich bei dem Beruf des Winzers um eine praktische Tätigkeit. Gemäß dem Motto „Dem Stil treu bleiben trotz neuer Ideen“ probiert auch er neue Weinsorten aus. Dabei achtet er immer auf die mitgebrachte Basis, verknüpft sie aber mit Ansätzen für den eigenen Wein: „Ich denke, jede Generation hat ihre Zeit und in dieser auch Erfolg gehabt.“

Kooperation und Vereinigung
Befragte Jungwinzer aus Mainz und Umgebung sind sich einig: Wenn man den Wein – gerade auch den deutschen – verbessern und bekannter machen möchte, darf man nicht mit Scheuklappen arbeiten. Zwar ist der Konkurrenzkampf immer präsent, doch möchte die junge Generation das Potenzial steigern. Neben Bekanntschaften aus Schule und Studium helfen dabei auch Vereinigungen wie zum Beispiel „Generation Riesling“, Kontakte untereinander zu knüpfen und aufrechtzuerhalten, um ins Gespräch zu kommen. Probleme lassen sich dann schneller und zielorientierter angehen. Auch der Weinsalon Rheinhessen e.V. ist ein Zusammenschluss von Jungwinzern. Von 1.250 Weinbaubetrieben in Rheinhessen haben sich darin 15 Jungwinzer zusammengefunden, die ihre Visionen leben. Sie planen Veranstaltungen, treffen sich zu Workshops oder unternehmen gemeinsame Reisen und bringen ihre Erfahrungen in ihren Weingütern ein. Diese verteilen sich in ganz Rheinhessen, ob an der Rheinterrasse oder im zentralen Hügelland. Dabei ist der Name „Jungwinzer“ kein besonderer Titel oder eine Auszeichnung, die die Qualität ausmachen würde. Auch gibt es keine klare Altersgrenze. Befragte Personen würden Winzer bis 35+/- als „jung“ betiteln. Ebenso sind die dem Weinsalon angehörigen Mitglieder zwischen Anfang und Ende 20.

Jasmin Lorch vom Weingut Sans-Lorch in Nackenheim hat Weinkultur auch außerhalb von Deutschland erlebt

Freiheit und Auslandsaufenthalte
Dass auch das Geschlecht im Weinbau egal ist, kommt immer stärker durch. Was hätte etwa das Weingut Lorch ohne seine Tochter gemacht? Veränderungen und neue Weine bei den Lorchs in Nackenheim gehen nur auf Initiative der Tochter Jasmin zurück. „Ich hatte von Beginn an die Freiheit, meine eigenen Ideen umzusetzen“, berichtet die junge Winzerin, die erst spät auf den Hof ihrer Eltern eingestiegen ist. Zuvor wollte sie die Welt und die Weinkultur außerhalb von Deutschland erleben. Dieses „Erleben“ möchte sie auch in Nackenheim anbieten: „Daher bieten wir Weinproben und Weinwanderungen an.“ Gemeinsam mit „Green Heron“ – einem Eventveranstalter in Mainz – können Kunden auch Rhein-Rafting-Touren bei Jasmin Lorch buchen. Außerdem macht sie aufmerksam auf die Transparenz gegenüber der Kundschaft und lädt zu den vielen Weinfesten ein. „Ich oder besser gesagt wir Jungwinzer sind offen – offen dafür Neues und Anderes auszuprobieren und umzusetzen. Wir scheuen uns nicht davor, über den Tellerrand zu schauen und auch außerhalb der eigenen Betriebe Erfahrungen und Ideen zu sammeln.“

Regionaler Trend aus Hechtsheim
Die End-Zwanzigerin Malenka Stenner aus Hechtsheim, auch als Weinprinzessin 2015 und 2016 bekannt, führt mit ihrem Bruder Niklas das Weingut Stenner in der vierten Generation. Ihren eigenen Akzent setzt sie wie „ein Mosaik aus Farben, Strukturen & Formen“ im Rebranding der Weine und auf dem Etikett. Gleich nach dem Einstieg in das Weingut arbeitet sie „selbst und ständig“. „Von Beginn an wurden mir und meinem Bruder Vertrauen und

Malenka Stenner aus Mainz-Hechtsheim führt
das Weingut Stenner in der vierten Generation

Verantwortung geschenkt. Das ist sehr wichtig, wenn man als junger Mensch voller Ideen in die Berufswelt eintritt.“ Auf sie gehen daher Veränderungen wie die naturnahe Weinherstellung zurück: „Ich setzte auf die spontane Gährung und Nachhaltigkeit.“ Ebenso probiert sie neue Vertriebswege im Handel und der Gastronomie aus und etablierte einen Online-Shop. Malenka hebt die Besonderheit von Jungwinzern aus ihrer Sicht hervor: „Wir arbeiten gemeinsam. Wir wollen den regionalen Trend umsetzen und für alle Menschen verständlich und zugänglich machen.“ Tradition wird dabei weitergeführt, aber ganz ohne eigene Akzente lässt sich kein Jungwinzer und keine Jungwinzerin zufriedenstellen. Daher ist es maßgeblich die junge Generation, die für die Verbindung von Tradition und Moderne sorgen und damit die Geschichte eines Handwerks im Weinberg und auf dem Weingut weiterschreiben. Anders als an der Mosel, an der die Nachfolge im Weinbau nicht immer gesichert ist und jedes dritte Weingut schließen muss, ist in Rheinhessen die Hofnachfolge größtenteils safe. Auch was neue Flächen angeht, ist man hier Spitzenreiter, weiß Andreas Köhr vom Bauernund Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd. „Man muss jedoch erwähnen, dass die Weingüter hier in der Region nicht mehr nur innerfamiliär weitergeführt werden. Mittlerweile ergreifen viele Quereinsteiger den Beruf des Winzers. Die Entwicklung ist in den letzten Jahren sehr dynamisch.“

Text Maike Schuppe Fotos Jonas Otte

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