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Stadt ohne Frauen – Persönlichkeiten in Mainzer Straßennamen

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von Anna Sacco  Fotos: Andreas Coerper

Gutenbergplatz, Schillerstraße, Adenauer- Ufer. Seit dem 18. Jahrhundert ist es in Mainz üblich, berühmte Persönlichkeiten mit Straßennamen zu ehren. Ein frühes Beispiel ist die „Grande Rue Napoléon“, die sich allerdings nicht durchsetzen konnte und heute Ludwigsstraße heißt. Um Konfliktpotenzial und Personenkult zu minimieren, ist seit 1945 Schluss mit der Benennung von Straßen nach noch lebenden Personen. Aber mehr Frauennamen auf Straßenschildern gibt es deshalb trotzdem nicht.

Bedeutsame Männer – vergessene Frauen

„Frauen standen bei der Namensgebung damals nicht im Fokus“, sagt die Mainzer Namensforscherin Dr. Rita Heuser. Sie liest seit 20 Jahren Mainzer Straßenschilder wie ein Buch und hat erforscht, wie es bedeutsame Persönlichkeiten auf die Schilder geschafft haben. Männer wurden für ihre Taten geehrt, während Frauen nur durch soziales Engagement oder die Beziehung zu einem berühmten Mann ins öffentliche Bewusstsein rückten. Aber passt dies noch zu unserem heutigen Weltbild?

„Wenn wir Straßen benennen, um an Personen zu erinnern, dann sollten wir mehr Frauen ins Bewusstsein rücken. Aber hier eine Parität zu erreichen wird lange dauern“, so Dr. Heuser weiter. Barbarossa, Goethe oder Adam Karrillon: Die Geschichte Deutschlands wird unterbewusst auch durch Dinge wie Straßenschilder wahrgenommen. Läuft man durch das Mainzer Stadtgebiet mit seinen rund 1.620 Straßen, Wegen und Plätzen, könnte man meinen, das Land sei nur von großen Männern erbaut. Man mag daran zweifeln, ob Straßenschilder im alltäglichen Leben solch eine Rolle spielen, doch Zweifel allein ist nicht Argument genug. Wenn in den Köpfen der Menschen Straßen und Örtlichkeiten mit berühmten Persönlichkeiten verschmelzen, dann sollten wir uns gut überlegen, wem wir diese Ehre zuteil werden lassen.

Vier Prozent Frauen

Nimmt man alle Straßennamen zusammen, die nach ehrwürdigen Frauen, weiblichen Heiligen oder Angehörigen eines Herrschaftshauses bzw. eines Ordens benannt wurden, so kommt man in Mainz gerade mal auf 61,5 Straßen. Selbst mit den „halben Anteilen“, die sich von Sophie Scholl an der Geschwister- Scholl-Straße, von Luise Johanna Weifert an der Weifert-Janz-Straße und von Lise Meitner am Hahn-Meitner-Weg ergeben, tragen nur knapp vier Prozent aller Straßen einen weiblichen Namen. Eva Weickart, die Leiterin des Mainzer Frauenbüros, verweist auf ihren Leitfaden zur Benennung von Mainzer Straßen und Plätzen nach weiblichen Persönlichkeiten: „Einen Appell, künftig die Straßen zur Hälfte nach Frauen zu benennen, hatten wir zusammen mit dem Kulturausschuss schon 1994 gemacht.“

Seitdem sind dem Wunsch nur wenige Taten gefolgt. Die Ortsbeiräte, denen das erste Vorschlagsrecht gehört, bevorzugen doch lieber recht neutrale Flurnamen – oder geben einem ihrer (männlichen) Lokalhelden die Ehre. Kein Wunder also, dass 90 Prozent aller Mainzer Straßen, die den Namen einer Person tragen, männlich sind. Und in Drais und auf dem Lerchenberg hat es immer noch kein einziger Frauenname auf ein Straßenschild geschafft.

Zu viel Aufwand

Umbenennungen von Straßennamen kommen eher selten vor und dann auch nur, wenn die Persönlichkeit in Zweifel geraten ist und wir ihr Andenken nicht mehr wünschen. Die Hürden dafür sind zumeist sehr hoch und stoßen selten auf Begeisterung, wie am Beispiel der Poppel- Hahnreutherstraße in der Oberstadt gesehen. Trotz der nationalsozialistischen Vorbelastung des Namensgebers wurde die Umbenennung zu „Im Sommergarten“ monatelang diskutiert und teilweise sogar abgelehnt. Ein „Riss“ sei dadurch entstanden und wo ehemals gemeinsame Straßenfeste gefeiert wurden, gibt es nun angeblich zwei Parteien.

„Straßen nach Personen zu benennen, war und ist eine politische Angelegenheit“, sagt Weickert. Mehr Frauennamen auf Straßenschildern vertreten zu sehen ist für den Stadtrat jedoch nicht politisch genug. „Auch wenn 63 Prozent unserer Straßen nicht nach Personen benannt sind, sondern funktionelle Namen tragen, kommt eine Umbenennung nicht in Frage. Einmal gefasste Beschlüsse sind zu dauerhaft.“ Immerhin: Zwei neu geschaffene öffentliche Plätze sollen demnächst Frauennamen tragen. Der Parkplatz auf der Großen Langgasse wird bald Maria-Einsmann-Platz heißen. Und für die Schwestern Heinevetter wird noch ein passendes Plätzchen am Theater gesucht.