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Stadt Mainz feiert 100 Jahre Bauhaus in 2019


aus der Allgemeinen Zeitung von Michael Jacobs

Der lang gestreckte Riegel mit seinem halbrund gebogenen Bug und der geometrisch gezirkelten Fensterfront hat schon etwas turmartiges, auch wenn sich das Handwerkskunst-Gehäuse nicht in die Höhe stemmen wird. Was wie ein im Innenhof des Gutenberg-Museums gelandetes Raumschiff aus den Pionierjahren der Moderne aussieht, ist eine Hommage an die umfassendste, innovativste, stilprägendste und bis heute nachhaltigste Wirkungsstätte des 20. Jahrhunderts. Nicht von ungefähr lehnt sich der in Villingen-Schwenningen von den Zimmermännern der Firma Ettweil gebaute Container mit edlem Eichenparkett an eine Kleinarchitektur-Ikone der Bauhaus-Ära an – Herbert Bayers multifunktionalen und multimedialen „Regina“-Kiosk aus dem Jahr 1924.

Anfang Juli hat ein Rigakran die sechs Tonnen schwere Lounge über das Haupt des Römischen Kaisers gehievt und sacht neben dem Schellbau abgesetzt. Als architektonische Vorhut des 2019 bundesweit gefeierten 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums soll der Pavillon schon jetzt eigene Akzente setzen.

Schwerpunkt liegt auf typografischem Erbe

1919 gründete Walter Gropius in Weimar seine visionäre, alle Sparten der Kunst mit dem Handwerk verschmelzende Schule, deren pluralistisches, auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtetes Schaffenskonzept nicht nur die Architektur funktional revolutionierte, sondern mit avantgardistischem Geist tief in alle Künste, Typografie und Design ausstrahlte.

Schon früh habe sich das Gutenberg-Museum in die Phalanx der vielfältigen Projekte quer durch die Republik eingereiht, erzählt Direktorin Dr. Annette Ludwig. Damit das Jubiläum zu einem Ereignis von nationaler Strahlkraft avanciert, haben sich der Bund und neun Bundesländer eigens zu einem Verbund zusammengeschlossen, der die Ausstellungen zu den unterschiedlichsten Facetten der 14 Jahre währenden Bauhaus-Epoche realisiert.

Da Rheinland-Pfalz kaum auf historisches Bauhaus-Erbe zurückgreifen kann, konzentriert sich die zentrale Landes-Schau im Herbst 2019 auf die für Plakate, Zeitschriften oder Buchgestaltung stilprägende Bauhaus-Typografie, wirft Schlaglichter auf die Werkstatt für Druck und Reklame mit ihren Schrift-Revoluzzern Laszlo Moholy-Nagy, Josef Albers, Joost Schmidt und Herbert Bayer, dem das Haus schon 2014 eine Einzelausstellung widmete.

Als Bauhaus-Bote soll der Pavillon – komplett finanziert von der Kulturstiftung des Bundes – analog zu den Werkstätten des Museums den Praxischarakter der Bewegung akzentuieren und erlebbar machen. Der Mainzer Beitrag zur großen Bauhaus-Retrospektive wolle nicht nur kulturhistorische Positionen vermitteln, sondern eine Brücke ins Heute schlagen, sagt die Direktorin.

Nachdem der modernistische Lounge-Riegel letzte Woche nach der Präsentation einer filmischen Bauhaus-Dokumentation von den Besuchern umlagert war, soll der Pavillon als Begegnungs- und Experimentierraum mit typografischen Gestaltungsprojekten zum Bauhaus-Gedanken bespielt werden, die das Museum in Kooperation mit der Hochschule Mainz derzeit erarbeitet. Ludwig kann sich aber schon jetzt sporadische Filmvorführungen, Lesungen, Seminare oder Workshops in dem neun Meter langen und 3,50 Meter breiten gläsernen Holzloft vorstellen.

Auch über das Jubiläumsjahr hinaus soll der elegant-funktionale Pavillon dem Museum als künstlerisch-kommunikative Außenstelle wertvolle Dienste leisten. Und vielleicht macht nach dem krachenden Bibelturm-Sturz ja ein architektonisches Bauhaus-Kleinod Mut zum visionären Weitermachen.

Foto: Stadt Mainz

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