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So wohnt Mainz: Nachhaltiger Neubeginn (Die Suderstraße in Mombach)


Text: Monica Bege, Fotos: Frauke Bönsch

Möglichst viel und schnell bauen und eine, für damalige Verhältnisse, moderne Ausstattung – (zu) viele unter diesen Vorgaben in der Nachkriegszeit hochgezogenen Arbeitersiedlungen stehen heute blockweise und mit runzligem Gesicht in etlichen Mainzer Stadtteilen.
Manchmal wird noch eine energetisch günstige Fassade drauf geschminkt, vom Glas her sollte längst die zweite Generation im Rahmen sitzen. Doch was bringt ein Facelifting, wenn die morschen Knochen darunter ächzen und knarzen? Macht die Modernisierung keinen Sinn mehr, bleibt der finale Abriss. Und dann? Schicker Neubau, möglichst lukrativ und ohne soziale Aspekte? Die in Mainz angespannte Wohnsituation verlangt nach vielen Wohnungen und diese bitte mit dem Prädikat „bezahlbar“.

Verwurzelt mit der Suderstraße
Die Mombacher Suderstraße beherbergt auf einem 12.000-Quadratmeter-Areal eine in die Tage gekommene greise Seniorengruppe. Der Generationenwechsel ist bereits in vollem Gange: Von insgesamt zehn Wohnblöcken wurden bereits drei durch Neubauten ersetzt, sieben weiteren steht dies noch bevor. Die Häuser mit weiterhin je achtzehn Einheiten firmieren nun unter der schokoladen klingenden Bezeichnung „Riegel“ und in Summe spricht man vom „Quartier“. Ein viel versprechender Terminus. Aber wie lebt es sich in so einer Großanlage und hat sich wirklich etwas geändert? Sonja Mortoro wohnt seit ihrer Geburt in der Suderstraße. Eine schmerzliche Ausnahme war der kurze Abstecher nach Weisenau. „Mir hat dort mein Umfeld gefehlt“, gesteht die 32-Jährige. Auch dass sie fast jeden Tag vor Heimweh geweint habe. Als dann etwas in der Suderstraße frei wurde, zog sie mit ihrem Mann Vincenzo schleunigst zurück ins vertraute Revier. Es war für beide eine Heimkehr, auch Vincenzo wuchs in den Blöcken auf.

Stabile Nachbarschaft im Fokus
Belmondo, eine liebenswerte faule englische Bulldogge, döst zufrieden schnarchend neben dem Sofa, während Sonja Mortoro einen Kaffee in der offenen Wohnküche zubereitet: „Die alten Gebäude waren und sind baufällig. Wir wussten, dass der Abriss eines Tages kommen würde. Trotzdem war die Mitteilung ein Schock.“ Dann erzählt sie von den offenen und persönlichen Gesprächen mit den betreuenden Mitarbeiterinnen der Wohnbau Mainz GmbH. Es würden freifinanzierte, aber zum größeren Teil öffentlich geförderte Wohnungen entstehen, erfuhren sie. Eine Option zu bleiben bestünde, Garantien konnten leider nicht gegeben werden. Das Happy End zur Jahresmitte 2012: Die Mortoros waren zwar die ersten, aber nicht die einzigen, die bisher von alt nach neu ziehen konnten. „Jetzt ist es hier ruhiger geworden“, sagt Sonja Mortoro. „Früher genügten ein paar wenige, um ein ganzes Viertel aufzumischen. Natürlich versuchten wir, Auseinandersetzungen erst untereinander zu klären.“ Sie erinnert sich an Dauerpartys, blöde Anmachen, Alkohol und Schlägereien. Konnte auch die im nächsten Schritt hinzugezogene Vermieterin nichts ausrichten, rückte die Polizei an. Es kam immer wieder vor und schön war das nicht. Heute behält die Wohnbau Mainz GmbH bei der Wohnungsvergabe die soziale Quartiersentwicklung im Auge und möchte nachhaltig eine lebendige und stabile Nachbarschaft mit harmonischer Atmosphäre schaffen. Den Mietverträgen gehen persönliche Gespräche voraus, die sich zukünftig hoffentlich auszahlen werden. Auch gibt es eine aktive Mieterinitiative, sie hatte sich bereits vor Bekanntgabe der Abrisspläne formiert. Den guten Geist des Miteinanders gab es also schon in den alten Gebäuden. Nun sind beste Voraussetzungen geschaffen, dass er bei der Gesamtheit der neuen „Riegel“ Einzug hält.

Kinderparadies mit Auslauf
Sonja Mortoro ist als Vorarbeiterin einer Reinigungsfirma viel auf Achse. Wenn sie morgens zur Arbeit geht und Sohn Luca im Kindergarten ist, dann ist alles aufgeräumt. Alles hat seinen Platz, so mag sie es. Mit den knapp 70 Quadratmetern Wohnfläche haben sich die dreiköpfige Familie und der genügsame Vierbeiner gut arrangiert. Zu klein ist es niemandem „Unser Leben spielt sich viel draußen ab“, sagt sie. „Wenn Vincenzo seine Ruhe haben möchte, geht er ins Schlafzimmer und macht die Tür zu.“ Und dass der sechsjährige Luca ein eigenes Zimmer habe, sei eigentlich schon Luxus. Sie selbst teilte sich das Zimmer bis ins Teeniealter mit ihrem Bruder – gerne übrigens. Für Luca ist es das wahre Paradies. Seine Großeltern wohnen in unmittelbarer Nähe und viele Freunde nur ein paar Türen weiter. Der zentral zwischen den Häuserreihen gelegene Abenteuerspielplatz hat den von Katzen als Kotgrube gerne frequentierten Sandkasten ersetzt und wächst mit jedem Bauabschnitt weiter. Verschwunden sind die Autowege zwischen den Häuserzeilen. So ist für Sonja alles perfekt. Wenn man sie nach ihren Wünschen fragt – von Gesundheit und Weltfrieden mal abgesehen – dann hofft sie, dass ihre Freunde und Bekannten aus den alten Häusern auch noch ein Plätzchen in den neuen Riegeln finden.