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So Wohnt Mainz: Brit und ihr Minimalismus im Campo Novo

Klein, aber fein: so ist die Wohnung von Sigrid Britta „Brit“ Morbitzer im CAMPO NOVO, dem Gebäudekomplex an der Mombacher Straße unterhalb des Hartenbergs. In 750 unterschiedlich großen Apartments lebt hier bunt gemischt vom Studenten über den Saisonarbeiter bis hin zum berufstätigen Pendler ein Querschnitt der Mainzer Bevölkerung – und mittendrin Brit mit dem 9 Monate alten Hund Gus. Der Mietpreis für die Einzimmerapartments liegt um die 400 Euro kalt. Die Zweizimmerwohnungen sind bis zu 42 qm groß – die Preise liegen hier bei 300 Euro pro Monat und Zimmer. Brit und Gus teilen sich die Einzimmerwohnung mit kleinem Balkon zum Innenhof. Die Wohnung ist harmonisch eingerichtet. Hier lebt jemand, der sich bewusst für jedes Teil auf den 25 qm entschieden hat: „Ich mag Interior Design und beschäftigte mich gern damit. In der Wohnung wollte ich gern viel von meinen Lieblingsfarben grün und senfgelb haben.“ Brit ist bekannt aus dem Café Brits Kwisin, als Beraterin für Food und kleine Nettigkeiten und auch aus dem TV-Koch-Duell „Mein Lokal, Dein Lokal“.

Minimalismus in Mainz

Wenig ist Zufall in Brits eigenen vier Wänden. Das liegt nicht nur an ihrem Hang zum Interior Design, sondern auch an ihrer Orientierung am Minimalismus. Minimalismus? Also alles raus aus der Wohnung und letztlich auch dem Leben: Matratze rein und maximal 15 Dinge behalten inklusive Kleidungsstücke? „Bei Minimalismus denken die meisten sofort, dass sie radikal alles wegwerfen müssen. Am besten ein leerer Raum, nur noch ein Bett darin. Aber so ist das mitnichten“, erklärt Brit. Minimalismus und die Wohnung voller Bilder, Bücher und Pflanzen passt auf jeden Fall: „Alles, was ich besitze, habe ich gern um mich. Weil es eine Geschichte hat und mir ein gutes Gefühl gibt.“ Nichts ist zufällig in dieser Wohnung gelandet. Das wird erst recht klar, wenn Brit zu jedem Gegenstand eine Geschichte zu erzählen weiß: So hat der Rahmen, der gerundet ist wie ein Bullauge, nicht nur eine außergewöhnliche Optik und fordert die Sehgewohnheiten heraus – auch jeder Kratzer im Holz hat eine ganz eigene Geschichte.

Ausmisten ja, aber wie?

„Wenn du dir bewusst bei allem Besitz die Frage stellst ‚Brauche ich das wirklich‘ oder ‚Warum habe ich das überhaupt‘, dann wirst du schnell merken, dass du oft keine Antwort darauf hast. Weil das meiste im Grunde keinen tieferen Wert besitzt, außer es zu konsumieren und sich damit für einen kurzen Moment abzulenken oder glücklich zu machen.“ Fehlt die positive Antwort, dann heißt es aber nicht gleich radikal wegwerfen. In ihrem Buch „Weg damit. Endlich Zeit statt Zeug.“ gibt Brit Anstöße, wie das mit dem Ausmisten funktioniert und was mit den aussortierten Deko-Sachen, CDs und Klamotten passieren kann. Und wenn es nicht bei Oxfam genommen wird oder über Ebay einen neuen Besitzer findet, „dann kommt es eben in den Müll. So konsequent musst du sein. Sonst belastet dich das Zeug nur weiter und lähmt.“ Schrank, Bett, Tisch und zwei Stühle. Ein paar Secondhand- Regale und ein Nachttisch-Schränkchen. So leicht lebt Brit. Aber auch auf kleinem Raum gehen die Projekte nie aus: „Die Bilder an der Wand habe ich jetzt endlich mal angebracht“, lacht sie und gesteht: „Auch ich brauche manchmal eine Deadline. Dieses Mal war es der sensor-Besuch.“ Also auch nicht alles perfekt bei der Autorin mehrerer Backbücher und des Minimalismus-Journals. Inspiriert durch die Dokumentation „Minimalism“ von Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus, zwei Amerikanern, die sich selbst als „The Minimalists“ bezeichnen, begann sie Ende 2016 ihr „Entrümpelungs“-Projekt: „Als ich damals anfing, habe ich einfach gemacht nach dem Motto ganz oder gar nicht. Nachdem ich von vielen Leuten immer wieder darauf angesprochen wurde, habe ich begonnen, das in Buchform festzuhalten.“

Achtsamkeit, Ruhe, Konzentration

Von Marie Kondo, die mit ihrer Netflix-Serie derzeit in aller Munde ist, hält Brit nicht allzu viel: „Die Serie empfinde ich als zu kurz gegriffen. Es wird suggeriert, dass du nur aufräumen musst und schwupps bist du glücklich. So ist es aber – leider – nicht.“ Vielmehr sieht Brit Minimalismus als Teil eines großen Ganzen. Als einen Baustein auf dem Weg zu mehr Achtsamkeit, Ruhe und Konzentration auf das, was wirklich glücklich macht. Sie wünscht sich, dass mehr Menschen sich ihrer Werte klar werden, um Wünsche und Entscheidungen damit abzugleichen und so einen Alltag mit weniger Drang zu Konsum und ständiger Zerstreuung leben zu können. Eine der schönsten „Neuanschaffungen“ in der letzten Zeit war für Brit sicher Gus, der Dackel- Mischling aus Rumänien. Wer weiß, vielleicht ziehen die beiden ja bald aufs Land. Denn so schön das übersichtliche 1-Zimmer-Reich auch ist, würde Brit doch gerne „in drei, vier Jahren in einem Tiny- House auf dem Land wohnen“.

Text Nina Stemmler Fotos Frauke Bönsch

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