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sensor-Kolumne im November: Dr. Treznok ist nie arbeitslos

DrTreznok

Ja, ich gebe es zu: ich führe ein Lotterleben. Ich schlafe gern bis in den Vormittag hinein und lasse mich vom Jobcenter aushalten. Mein Vater ist zurecht enttäuscht von mir und nennt mich einen faulen Lumpen, der nur auf Kosten von anderen lebt. Papa hat sein Leben lang hart gearbeitet und lebt jetzt von seiner wohlverdienten Rente. Ich dagegen treffe mich lieber mit Freunden, um Musik zu machen, oder schreibe seltsame Gedichte. Zum Beispiel das hier:

schlafen macht wach
leiste ich Schlafarbeit
dann hab ich Träume
leiste ich Wacharbeit
werden Träume wahr

Arbeitslos fühle ich mich nicht, denn um zum Beispiel das obige Gedicht schreiben zu können musste ich sowohl Schlafarbeit als auch Wacharbeit leisten. Es dauerte mehrere Tage, bis ich das Gedicht ansatzweise erarbeitet hatte. Ein Besuch im Tonstudio eines befreundeten Musikers in Frankfurt wurde nötig, um den Text nochmals zu transformieren. Unter der Inspiration verschiedener Musikinstrumente konnte das Gedicht dann zur obigen Fassung verdichtet werden.

Aus der Sicht meines Vaters sieht das anders aus. Er hat immer geschuftet, eine Familie ernährt, etwas geleistet für die Gesellschaft, sich in die Front der Arbeiter und Bauern eingereiht. Künstler, Beamte, Pfarrer, Schwule und Arbeitsscheue waren ihm ein Gräuel. Und da komme ich daher und führe ein faules Künstlerleben, mache mir einen schönen schwulen Tag und serviere ihm noch nicht mal Enkel. Wer soll dann später die Renten bezahlen? Vielleicht hat mein Vater ja recht. Ich beteilige mich ja tatsächlich nicht am industriellen Arbeitsprozess und beschäftige mich lieber mit Dingen, die niemand braucht und niemand will. Wer will schon meine seltsamen Gedichte lesen? Wem soll das etwas nützen? Meine Musik macht auch niemanden satt, und von meiner Schlafarbeit kann ich mir kein Bett kaufen.

Was Arbeit ist und was nicht, ist allerdings auch immer eine Frage der gesellschaftlichen Erwartungen. Ich bin ein vielfältig begabter kräftiger erwachsener Mann, der normalerweise in der Lage ist, für sich und seine Kinder zu sorgen. Die Erwartungen meines Vaters an mich sind also nicht unrealistisch. Aber da ich offensichtlich sowieso nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entspreche und außerdem keine Kinder habe, kann ich auch den Arbeitsbegriff neu definieren, mich mit Schlafarbeit beschäftigen und zwischendurch seltsame Gedichte schreiben. Das hier gefällt mir auch sehr gut:

 

falschGeld
Geld ist nicht reich
ist sich nicht gleich
Arm oder Bein
kann es nicht sein
Geld ist nicht essen
ist sich besessen
Münzen und Scheine
sind sich Gebeine
Geld ist nicht richtig
ist nicht so wichtig
Kopf oder Zahl
ist sich egal

Ich habe „falschGeld“ übrigens mit viel weniger Arbeit geschrieben als „schlafen macht wach“, obwohl es etwa dreimal so lang ist. Es war ein Gedankenblitz, ein plötzliches In- Mich-Versinken, ich war in irgendeiner Kneipe oder einem Café, besorgte mir an der Theke einen Schreibblock und einen Kugelschreiber und ruckzuck schrieb ich das Gedicht. Insgesamt habe ich vielleicht fünf Minuten gebraucht. Dennoch ist es nicht weniger wert als das andere Gedicht, für das ich tagelang hart gearbeitet und sogar eine Fahrt nach Frankfurt auf mich genommen hatte.

In den Augen meines Vaters sind Gedichte sowieso nichts wert. Da ich aber andere Augen habe als mein Vater, habe ich wohl auch andere Werte. Dass Arbeit Werte schafft sehe ich übrigens ebenso wie mein Vater. Ein buddhistischer Mönch hat mir mal erklärt, dass Atmen Arbeit ist, und ich musste ihm zustimmen. Welcher Wert durch Atmen erarbeitet wird hat er auch erklärt, ich habe es aber nicht verstanden. Zumindest ergibt Atemarbeit Sinn und Sinn ist ja schon ein Wert für sich. Womöglich ergeben sogar meine Gedichte einen Sinn. Lesen ist ja nicht immer sinnlos.