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sensor-Kolumne im Februar: Dr. Treznok ist gefangen im Netz


Ich habe gelegentlich im Eisenturm zu tun und freue mich, dass vor einiger Zeit ein leckerer Burger-Imbiss in der Quintinsstraße nebenan eröffnet hat. Die Herstellung des Burgers dauert zwar fünfmal so lange wie mein Hin- und Rückweg, aber dafür ist alles frisch zubereitet und meine Sonderwünsche werden berücksichtigt. Neulich dachte ich, wie praktisch es doch wäre, wenn ich den Burger telefonisch bestellen und dann einfach abholen könnte. Bei der nächsten Gelegenheit fragte ich nach.

Der nette Burger-Brater erklärte mir, dass das leider nicht möglich wäre. Ich könne allerdings den Burger online bestellen. Er gab mir einen Info-Zettel, der die genaue Vorgehensweise erklärte. Ich war verwundert. Warum kann ich nicht einfach anrufen, sondern muss eine E-Mail schreiben, um einen Burger zu bestellen? Diese Frage konnte man mir nicht beantworten. Als ich dann fragte, ob man mir den Burger dann auch online zusenden könne, lachten wir brav über meinen Scherz.

Dabei ist die Frage gar nicht so dumm, jedenfalls nicht dümmer als die Frage, warum die Bestellung nicht telefonisch funktioniert. Schon seit rund 15 Jahren sind so genannte 3D-Drucker im Einsatz, die digitale Daten in dreidimensionale Objekte verwandeln. Hätte ich im Eisenturm einen 3D-Drucker, der die chemischen Zutaten für einen Hamburger verarbeiten könnte, dann wäre es tatsächlich möglich, den Burger per E-Mail zu verschicken. Das wäre dann zwar ganz unnötig, denn ich könnte die Daten auf der Festplatte speichern und bräuchte gar keinen Burger- Laden mehr. Ich könnte meinen Hamburger einfach selbst kreieren und dann ausdrucken.

Irgendwann wird das sicher möglich sein. Schon jetzt sind digitale Daten häufig echter und wichtiger als „richtige“ Dinge. Immer mehr Menschen sind auch dann „im Netz unterwegs“, wenn sie sich eigentlich unter Menschen befinden. In der Straßenbahn hat inzwischen jeder zweite Fahrgast einen Stöpsel im Ohr und sucht online nach Informationen oder checkt sein Facebook-Profil. Auf Partys wird nicht mehr gemeinsam gesungen und getanzt. Stattdessen werden Freunde, die nicht da sind, per iPhone darüber informiert, dass jemand da ist und Nicht-Anwesende über andere informiert, die da sind und auf ihren iPhones rumscrollen, um wieder andere – Anwesende oder Nicht-Anwesende – zu twittern und Neuigkeiten über die Party zu verbreiten; eine Party, die im Wesentlichen aus Leuten besteht, die gerade „im Netz unterwegs“ sind.

Mir ist das alles nicht richtig zugänglich. Meine Medien sind Bleisatz und Flaschenpost. Ich habe und möchte kein iPhone, und ich möchte auch meinen Hamburger nicht online bestellen und erst recht nicht per 3DDrucker ausdrucken. Ich bin lieber in der Stadt als „im Netz“ unterwegs und treffe mich lieber mit echten Menschen zu richtigem Kaffee und Kuchen als mit virtuellen Avataren. Auf Partys unterhalte ich mich lieber mit Anwesenden als mit Nicht-Anwesenden, und ich kaufe keine Dinge, die ich nicht vorher angeschaut, angefasst und begutachtet habe. Selbst mit Facebook stehe ich auf Kriegsfuß. Nachdem ich immer häufiger gefragt werde, wie denn meine Facebook-Seite heißt – nicht etwa, ob ich überhaupt eine habe (das wird inzwischen vorausgesetzt), habe ich vor ein paar Wochen versucht, mich bei Facebook anzumelden. Dort sollte ich einen Vor- und Nachnamen angeben. Da mein bürgerlicher Name kaum jemanden außer das Job-Center, die Polizei und das Gericht interessiert, suchte ich nach einer anderen Möglichkeit für meine Dr. Treznok-Seite. Eine spezielle „Künstlerseite“ schien die Lösung. Als ich sie angemeldet hatte stellte ich fest, dass ich mit dieser Seite gar nichts machen konnte, außer so etwas Ähnliches wie eine Homepage aufzubauen. Da ich bereits eine Homepage habe, beschloss ich, die Facebook-Seite zu löschen, aber auch das ging nicht mehr. Eins muss ich der virtuellen Welt also zugestehen: Sie ist wahrscheinlich langlebiger als alles, was Hand und Fuß hat.