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sensor Juli-Kolumne: Dr. Treznok hat Vorurteile

DrTreznok
Jedes Mal, wenn ich in meine Mails schaue, finde ich eine E-Mail mit dem Titel „gmx-Vorurteilswelt“. Obwohl ich natürlich inzwischen weiß, dass da „Vorteilswelt“ steht, lese ich immer wieder „Vorurteilswelt“. Da ich mit einer Vorurteilswelt nichts zu tun haben möchte, lösche ich die Mail sofort. Erst hinterher, wenn mir bewusst wird, dass ich soeben die Vorteilswelt und nicht die Vorurteilswelt gelöscht habe, tut es mir leid, aber dann ist es zu spät.

Vielleicht habe ich großartige Angebote oder wichtige Informationen verpasst? Aber ich habe einfach so große Vorurteile gegenüber Vorurteilen, dass ich nicht anders handeln kann. Ich habe mich lange nicht getraut, mit jemandem darüber zu reden. Ich will schließlich ein guter Mensch sein, und als Gutmensch muss man sich von seinen Vorurteilen lösen und stattdessen den Vorgaben der Meinungs-Faschisten folgen. Das will mir aber nicht gelingen.

Wenn ich zum Beispiel einen Menschen mit langen Haaren, üppiger Oberweite, hochhackigen Schuhen und einer Sopranstimme treffe, dann stecke ich diesen Menschen sofort in die Schublade „Frau“, obwohl ich doch spätestens seit Conchita Wurst weiß, wie reaktionär dieses Schubladen-Denken ist. Ja, ich habe Vorurteile, ich habe sogar Vorurteile gegenüber Vorurteilen.

Die ersten Freunde, denen ich mich anvertraut habe, beruhigten mich sofort, ich hätte mit dem Löschen der Vorteilswelt nichts verpasst, im Gegenteil würde ich mich davor schützen, nicht auf wohlklingende Abzocke hereinzufallen. Das hat mir Mut gemacht, zu mir und meinen Vorurteilen zu stehen. Es soll ja gesund sein, auf sein Bauchgefühl zu hören. Die Frage, ob Vorurteile nun gut oder schlecht sind, bringt mich nicht weiter. Ich habe Vorurteile und bilde mir täglich neue, ohne dass es mir bewusst ist.

Neulich habe ich im Getränkemarkt Flaschen mit einem grünen Etikett und der Aufschrift „Cola life“ entdeckt. Die grüne Farbe wirkte auf mich ungesund, sodass ich diese Cola als giftig einstufte und einen großen Bogen darum machte. Das ist weder schlau noch dumm, ich fühle mich von dieser grünen Cola einfach abgestoßen und möchte sie nicht anfassen. Dass mir dadurch ein großartiger, mein Leben revolutionierender Genuss entgeht, glaube ich nicht.

Manchmal ist es aber auch gut, Vorurteile zu hinterfragen und sich dann darüber hinweg zu setzen. So habe ich lange Zeit keinen Saumagen gegessen, weil es eklig klang und ich außerdem gehört hatte, dass das Helmut Kohls Leibspeise sei, bis ich mit einer pfälzischen Freundin in einem pfälzischen Restaurant in der Pfalz war. Als sie Saumagen bestellte, traute ich mich auch und musste feststellen, dass er ganz köstlich schmeckt.

Auch in der Bäckerei habe ich schon solche Erfahrungen gemacht. Eine Bäckerei-Kette verkauft Gebäckstücke mit dem Namen „Wuppi“, die ich jahrelang nicht gekauft habe, weil der Begriff „Wuppi“ bei mir Assoziationen weckte, die auf Ungenießbarkeit deuteten. Ein Wuppi war in meiner Vorstellung ein Gegenstand aus Vollgummi, den man bestenfalls beim Squash gebrauchen kann. Als ich mich eines Tages, ebenfalls mit Hilfe einer Freundin, über dieses Vorurteil hinweg setzte, stellte ich fest, dass die Wuppis durchaus genießbar und sogar sehr lecker sind.

Dass ich Vorurteile gegenüber Vorurteilen habe, in derart absurder Weise, dass sogar eine ganze Vorteilswelt dadurch für mich unerreichbar wird, stimmt mich nachdenklich. Warum kann und will ich mir meine Vorurteile nicht vorurteilsfrei ansehen? Warum fällt es mir so schwer zu sagen: ja, ich habe Vorurteile, sogar jede Menge und sogar gegenüber Vorurteilen?

Der sensor-Leser, der mich nicht persönlich kennt, wird sich nun wahrscheinlich ein Vorurteil über mich bilden, mich womöglich für kleinkariert oder reaktionär halten. Vielleicht ist die grüne Cola ja die beste Cola aller Zeiten, und Conchita Wurst ist wirklich eine Frau. Bis ich eines besseren belehrt werde, werde ich wohl an meinen Vorurteilen festhalten.

Ein Fortschritt wäre es, wenn ich die Mails mit dem Hinweis auf eine vermeintliche Vorurteilswelt nicht mehr automatisch, sondern bewusst lösche, weil mich die gmx-Vorteilswelt nicht interessiert. Ich hätte lieber Vorurteile gegenüber einer Vorteilswelt als gegenüber Vorurteilen. Vielleicht kann man sich seine Vorurteile nicht aussuchen.