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SchaufensterGalerien in Mainz – der neue Kunst Corona-Trend

Löcher ins Glas gucken an der Galerie „Zweitstelle“ von Christiane Schauder (Foto: Minas)

Kunst hinter Glas. So ganz neu ist die Idee nicht. Vor allem Geschäfte mit kleinteiliger Ware (Schmuck, Brillen) nutzen gern attraktive Bilder als Blickfang. Künstler nehmen das öffentlichkeitswirksame Angebot meistens gern an. Und leerstehende Läden machen sich als Galerie auf Zeit besser als mit auf die Scheiben gekleisterten Plakaten. Aber hier geht es um die berühmte Tugend, die aus der Not gemacht wird. Sprich: Die Schaufensterausstellung als Konzept!

Künstlerin Lisa Schorr und Kameramann Heiner Brink mit ihrer wohl kleinsten Schaufenster-Galerie in Mainz (Foto: Stephan Dinges)

Galerie Haus zum Stein
Bestes und zugleich extremes Beispiel: die Galerie Haus zum Stein. Vor vielen Jahren gab es sie wirklich in der Altstadt, im ältesten Haus von Mainz. 2019 zogen die Künstlerin Lisa Schorr und der Kameramann Heiner Brink in den romanischen Wohnturm in der Weintorstraße und entdeckten den verwaisten Schaukasten am Eingang. Eine Idee war geboren. Geputzt, geschliffen, neu gestrichen und mit Licht versehen entstand die vermutlich kleinste Galerie von Mainz, von Deutschland und vielleicht der Welt: Gerade mal 61×46 cm misst die Ausstellungsfläche, trägt aber nach wie vor den klingenden Namen – und: Mit der entsprechenden Erwartungshaltung wird bewusst gespielt. Die zwölfte Ausstellung (mit Helena Hafemann) wurde im September eröffnet. Inzwischen hat hier auch der SWR gedreht, und Stadtführungen machen Halt. Abgesehen von Passanten, die regelmäßig stehen bleiben und mit denen man mal bei der Feierabend-Zigarette vor der Tür ins Gespräch kommt. Wer dann mehr wissen will, kann die Website www.galeriehauszumstein. de erkunden, für die Lisa die Texte schreibt und Heiner Fotos und Videos beisteuert. Ein QR-Code am Schaukasten weist den Weg. Die Künstlerauswahl? Ganz persönlich und unter der Bedingung, sich auf das Experiment einzulassen. Geografisch sind Leipzig, Dresden und Köln ebenso vertreten wie Mainz und Wiesbaden. Manche lassen sich auch speziell etwas für den Kasten einfallen. Das ist den beiden „Galeristen“ am liebsten, denn das Projekt entspricht einfach ihrer Leidenschaft.

Die Vitrine am Allianzhaus von Thilo Weckmüller mit einer Ausstellung von Carola Schmitt (Foto: Die Vitrine)

Die Vitrine
Eine andere Dimension: Sechs große Schaufenster hat Thilo Weckmüller für seine „Vitrine“ (vitrinemainz. de) im leerstehenden Allianzhaus am Kulturclub schon schön zur Verfügung. Als 2020 eine Ausstellung seiner Arbeiten ausfiel, rief er die MAG an und fragte. Ja, die Schaufenster kannst du bis zum Abriss haben, aber in die Räume darfst du kein Publikum reinlassen, wegen Brandschutz, war die Antwort. Also fing er an, die Scheiben zu putzen, Kleintiere zu vertreiben, Licht zu legen (Strom kommt vom schon schön), Hängeleisten anzubringen, und nach den ersten Ausstellungen (Vernissagen immer „Draußen vor der Tür“) sammelte sich um ihn eine Gruppe engagierter Mitstreiter, die er „Kollektiv“ nennt. Um die 20 sind es mittlerweile, die selbst immer mal wieder ausstellen und bei allem mithelfen. Denn auch Thilo versteht sich nicht als Galerist, sondern als „Ermöglicher“ – wenn auch seine eigene Arbeit als Maler bisweilen darunter leidet. Corona- Stipendien halfen ihm selbst – neue Künstler müssen einen Kostenbeitrag leisten. Die Gruppenausstellungen stehen immer unter einem Motto. Bis zum 2.12. geht es noch um „Texturen“, danach folgt die Weihnachtsausstellung – ein Rückblick auf alle 21 bisher ausgestellten Kreativen.

Die Zweitstelle
Auch Christiane Schauder mit ihrer „ZWEITSTELLE“ wartet auf den Abriss. Das Angebot der Firma Gemünden / Molitor im Mai 2020 nahm sie gern an: zwei Ladengeschäfte mit großen Schaufenstern in der Fuststraße – zentraler geht es nicht. Das Konzept: in der einen Hälfte eigene Werke, in der anderen wechselnde Ausstellungen. Und – Corona macht erfinderisch – die meisten Shows sind von draußen ebenso gut zu sehen wie von drinnen, ob Nicolaus Werner mit raumfüllenden Papierskulpturen, Tim Zerban und seine Wand aus Videomonitoren oder Anahita Ghasemi Nasab, die sogar die Schaufensterscheibe zum Klingen brachte. Stefan Budian ließ sich tagelang beim Malen beobachten. Inzwischen gibt es mal wieder ein neues Programm zur Innenstadt- Belebung, mit knapp 500.000 Euro vom Land gefördert. Die städtische Wirtschaftsförderung arbeitet an diesem Konzept, von Aktionstagen, Illuminationen, Pop-up-Stores und Leerstandsmanagement ist die Rede. Warum eigentlich immer nur temporäre Kunst in Leerständen? Ein professionell geführtes und dauerhaftes „Schaufenster Kunst“ wäre doch auch mal was …

Text Minas  

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