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Rumtreiber im Revier (Die Mainzer Ruder-Gesellschaft 1898)


von Ejo Eckerle
Fotos: Jonas Otte

Sich mal wieder am Riemen reißen? Bei der Mainzer Ruder-Gesellschaft 1898 gibt es dazu reichlich Gelegenheit. Schnupperkurs für erwachsene Ruderanfänger vom 2. Mai bis 2. Juli, jeweils mittwochs (18-20 Uhr) und samstags (14.30–16.30 Uhr). Hier weiter zum Artikel:

Vor uns liegt die spiegelglatte Oberfläche der Wachsbleiche, gegenüber das Ufer der Rettbergsaue, eine Insel, die beidseitig vom Rhein umströmt wird. Plötzlich kräuselt sich das Wasser des Flussarms und ein anschwellendes Brummen durchbricht die abendliche Stille. Eine schnittige, weiße Motoryacht kommt näher. Pernille Jaegers Stirn legt sich in Falten, sie kneift die Augen zusammen und nimmt den Störenfried ins Visier: „Der ist mit Sicherheit zu schnell, ein RIALO eben.“ RIALO? „Riesen-Arschloch!“ Ruderer und Motorbootfahrer sind offenbar nicht die besten Freunde, das lernt schnell, wer sich mit den Fans dieser Sportart unterhält. Damit aber kein Missverständnis aufkommt: Ruderer sind in aller Regel gesellige, freundliche Mitmenschen, die auch einen sehr speziellen Humor pflegen. Ihre langen, leichten und schnittigen Boote tragen oft klangvolle Namen wie „Startrek“ oder „Rumtreiber“, in denen bis zu acht Männer oder Frauen ihre Bahnen ziehen. Rudern ist Teamarbeit und Einzelleistung zugleich, bei dem es weniger auf Kraft als auf exakte Technik und gegenseitige Rücksichtnahme ankommt.

Rudern von kurz bis lang
Hünenhaft, ein wandschrankbreites Kreuz, muskulöse Beine und Arme, die unter die Knie reichen, so stellt man sich den idealen Ruderer vor. Aber es gibt auch andere, eher kurzbeinige, gemütliche Typen, die vielleicht sogar ein kleines Bäuchlein vor sich hertragen. Und solche finden sich durchaus unter den Sportfreunden der Mainzer Ruder-Gesellschaft 1898 (MRG).
Die Wachsbleiche ist die Hausstrecke der MRG, ihr angestammtes Trainingsrevier, ein wenig versteckt gelegen hinter Industriebetrieben und dem Gelände des Müllkraftwerks. Der traditionsreiche Club zählt rund 200 Mitglieder, davon rund 140 Aktive. Eine von ihnen ist die 41-jährige Pernille Jaeger, eine Mainzerin mit norwegischem Pass, die erst vor sechs Jahren ihre Leidenschaft für das Rudern entdeckt hat. Inzwischen ist sie Schriftführerin. Aber das Wichtigste bleibt für Penille natürlich der aktive Sport: „Du kannst allein unterwegs sein, im Einer, oder mit anderen gemeinsam im Team. Das Schönste für mich ist immer wieder der Blick vom Wasser aus auf das Festland, das Erleben der Natur in den wechselnden Jahreszeiten“, schwärmt sie.

Mitmach-Möglichkeiten für alle
Für all jene, die ausprobieren möchten, ob ihnen das Reißen am Skull im Takt mit anderen liegt, bietet die MRG einen Schnupperkurs im Mai und Juni an. Wer mit 30 oder 40 Jahren den Spaß am Rudern entdeckt, wird wohl kaum noch Rekorde einfahren, in jedem Fall aber seinem Körper und seiner Gesundheit einen guten Dienst erweisen. „Ähnlich wie beim Schwimmen werden alle Muskeln beansprucht und trainiert“, erklärt Ingo Starck. Der 41-jährige ehemalige Spitzensportler ist verantwortlich für die Leistungsgruppe des Vereins. Er hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: „Wir sollten mehr die Sportler unterstützen, welche aus dem Breitensport und der Jugendgruppe heraus Interesse am Rennrudern haben. Und zwar in allen Altersgruppen.“ Ingo Starck ist optimistisch, dass es in den kommenden Jahren gelingen wird, an die alte, ruhmreiche Rennsporthistorie des Vereins anzuknüpfen.
Wer sich mit der MRG beschäftigt merkt, dass Rudern nicht die einzige Aktivität ist, die der Club seinen Mitgliedern bietet. Wer hätte gedacht, dass in der kalten Jahreszeit, wenn die Boote Winterschlaf halten, ein Tanzkurs auf dem Programm steht? Oder die „Grünkohlwanderung“, bei der auch der obligatorische „Grünkohlkönig“ ermittelt wird? Da werden allerdings in erster Linie Kaumuskeln und der Magen gefordert. Dabei handelt es sich um einen vom Ehrenvorsitzenden Peter Hofmann ins Rheinhessische verschleppten norddeutschen Brauch, der ebenso wie das so genannte Boßeln von den MRGlern unverdrossen gepflegt wird: Ein Ballspiel, bei dem mit möglichst wenigen Würfen eine festgelegte Strecke zurückgelegt werden muss. Wer also einer aufgekratzten Truppe von Männern und Frauen begegnet, die mit einer Gummikugel auf einem Feldweg so etwas wie Bowling ohne Kegel üben, sollte sich nicht wundern. Die Wasserratten von der MRG sind auf Landgang.

Schnupperkurs für erwachsene Ruderanfänger:
2. Mai bis 2. Juli, jeweils mittwochs (18-20 Uhr) und samstags (14.30–16.30 Uhr).
Kosten 70 Euro, Studenten 40 Euro.
Anmeldung und Information unter: mrg1898@gmx.de